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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-02-03 · Heft 6 (3.2.1885) · p. Seite 85

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 6 (3.2.1885)
Date
1885-02-03
Page
Seite 85 (sequence 5)
Language
German
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MM«»- 85 bete bestehen kann. Hierin ist kein Unterschied zwischen dem ehemaligen und jetzigen Gottesdienst. Aber auch für häusliche religiöse Uebung find vor- oder ausgeschriebene Gebete unentbehrlich, da es der Mehrzahl der Menschen an dem genügenden Ausdruck für ihre religiösen Empfindungen und Gedanken fehlt, und überhaupt die rechte Stimmung und Erhebung der Seele erst durch das gegebeneWort bereitet wird. Es istjetzt Jedermann bekannt, daß der überlieferte jüdische Gebetcultus erst während des zweiten Tempels seine anfangs sehr geringen Keime fand, aus welchen er sich nur sehr langsam entwickelte; daß Jahrhunderte dazu gehörten, selbst den Hauptgebeten die Gestalt zu geben, die sie gegenwärtig haben; daß Säculum nach Säculum daran fortarbeitete, bis die Peitanim das Gebetbuch zu dem jetzigen Umfange brachten. Stur Sachverständige i) wußten dies; die große Masse glaubte, daß die Hauptgebete aus der Feder der Erzväter 2) geflossen und die Cantoren führten ihre Hauptmelodien auf Moses' am Sinai zurück. Auf diesem Grunde richtet sich nun die große Verschiedenheit auf, die gerade hinsichtlich des Gottesdienstes zwischen dem Ehemals und Jetzt stattfindet. Jener Naivetät des Gemüths und des Glaubens, von der wir gesprochen, entsprach es, erstens die Unveränderlichkeit und Unantastbarkeit des Gebetcyclus und des Rituals festzuhalten, und zweitens die sorgfältigste und strengste Uebung beider als unerläß lichePflichterfüllung zu betrachten. Da war das ganze Leben des Juden, all' sein Thun und Lassen, jeder große und kleine Genuß, vom Augenblicke des Erwachens bis er nach vollendetem Tagewerk den Kopf auf das Kissen legte, durch Ritual und Gebet umschlossen und begleitet. Da waren die Synagogen zwei Mal des Tages und drei Mal des Sab baths von Alt und Jung angefüllt, und wen sein Gewerbe die Woche hindurch fern von der Stadt hielt, der beeilte sich am Freitag Abend in seinem besten Gewände am Gottesdienste Theil zu nehmen. Jeden der vielen Segenssprüche bei jeder Erscheinung in der Natur, wie bei jedem Genüsse zu recitiren, war eine bindende Obliegenheit. — Dies verhin derte jedoch nicht, nach und nach den öffentlichen Gottesdienst zu einem Tummelplatz der Unordnung und des tumultuarischen Benehmens mißbräuchlich zu machen. Nicht, daß etwa die Ordnung der Gebete und Ceremonien nicht aufs Strengste beobachtet worden wäre. Es wurde Alles aufs Pünktlichste eingehalten, und wer in einem bestimmten Augenblicke das und Andacht, diese Grundbedingungen eines angemessenen und würdigen Gottesdienstes, unaufhörlich und brachten es so weit, daß der jüdische Gottesdienst zu einem allgemeinen Spottworte wurde. Hierzu kam, daß die massenhafte Häufung der Gebete dahin führte, dieselben mehr schnell ablesen und herplappern zu lassen, als dabei zu fühlen und zu denken. Man würde ungerecht sein, wenn man deshalb diesem Gottesdienste jede Innigkeit und Gefühlserregung abspräche. Es waren immer gewisse Gebete und Ceremonien, welche stets mit wahrer Herzensbewegung und mit großem Nachdruck gesprochen und ausgeführt wurden, Glanzpunkte des Cultus, an welchen die ganze Seele der Beter Theil nahm, um dann wieder in den gewöhnlichen Fluß der Worte und Laute überzugehen. Das Gefühl der Befriedigung, wie es mit jeder bewußten Pflichterfüllung verbunden ist, begleitete die Besucher des Gottesdienstes nach ihren Häusern, wo sich andere Gebete und andere Ceremonien den eben abgethanenen anschlossen. Andererseits kann man nicht verkennen, daß einem solchen unbeweglichen, durchaus stabilen Cultus, in welchem das Herkömmliche und Gewohnte ein unerbittliches Scepter führten, der Geist und jede freie Bewegung entwichen und er zu einer starren Masse wurde, die nur von der intensiven Empfindungsweise des Individuums einiges Leben erhielt. Und so gab es immer unter der ein- und ausfluthenden Menge, unter der Ueberzahl der wenig Aufmerksamen, die das Gebet mit augenblicklicher Theilnahme, sonst aber mechanisch absagten, einige wahrhafte, andächtige, hingegebene Beter, ehrwürdige Gestalten, welche besonders der zarten Jugend Verehrung abgewannen. Unter diesen Umständen war es natürlich, daß mit der Geistesbewegung, der Berstandesentwickelung und der wachsenden Theilnahme am allgemeinen Leben auch hinsichtlich des Gottesdienstes andere Bedürfnisse und Richtungen erstanden. Das Bedürfniß machte sich durch die Einführung der deutschen Predigt und der Confirmation schon zur Zeit unserer Kindheit geltend. Die erstere hatte ihren Anhaltspunkt an den Draschoth der Rabbinen und blieb noch lange so unregelmäßig wie diese. Wenn an den Festtagen die Predigt beginnen sollte, so strömte die Jugend, besonders die weibliche, in das Gotteshaus herein und fand jene ein dankbares Publikum. Die Vorbereitung zur Consirmation führte die allgemeine Religionslehre des Judenthums in Gotteshaus betrat, konnte sicher sein, dasselbe Wort in derden, die h. Schrift im Urtexte, Raschi, etwas Schulchan selben Melodie oder Lautweise wie jedes Mal zu vernehmen.! Aruch und Mischnahjoth umfassenden Schulunterricht ein. Aber das Hinein- und Hinauslaufen, das laute Schreien, das i Somit war doch etwas Abwechselung und den Geist in An- Mitsingen und nicht weniger das Geschwätz störten die Ruhe - spruch Nehmendes hereingebracht, gegen welches auch die Ortho- _ j doxesten nichts einzuwenden hatten, wenn sie es auch nicht 1) Bgl. onvn-N 'n 1340 ra Sevilla »erfa&t. jmit günstigen A-g-n ansahcn. Di- Umwandlung war aber -s mt lagen Her Feder-, denn »B.das mv 'o schrieb >nSchst-ine innerliche. Wi-flchdie Gl-mb-nsnawetSt durch man Abraham zu.! ^te Verstandsentwickelung und dre nnt dieser beginnende

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