Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 6 (3.2.1885)
- Date
- 1885-02-03
- Page
- Seite 84 (sequence 4)
- Language
- German
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84 Moses' wird, wenn auch nicht mit Namen, durch die Hindeutung auf ihre Erlebnisse gedacht, wobei wiederholt die Schutzmacht Gottes und seine Vergeltung hevorgehoben wird, welche dem Gerechten zum Siege verhilst, während der Gottlose gestraft wird. Hierüber entwickelt der Verfasser seine Anschauung in Folgendem (11, 17 ff.): „Zwar hatte deine allmächtige Hand, welche die Welt aus dem gestaltlosen Stoffe erschuf, wohl vermocht ein Heer von Bären wider sie zu schicken, oder kühne Löwen, oder neugeschaffene, unbekannte Thiere voll Wuth, solche, die feuerspeienden Athem hauchten, oder stinkenden Rauch verbreiteten, oder schreckliche Funken aus den Augen blitzten, deren Biß nicht bloß sie vertilgen, sondern deren schreckenerregender Anblick schon sie vernichten konnte. Und ohne diese hätten sie durch einen einzigen Hauch fallen können, verfolgt von der Rache und zerstreut durch den Hauch deiner Allmacht; aber du hast Alles nach Maß, Zahl und Gewicht geordnet. Denn deine große Macht stehet Dir stets zu Gebote, und wer kann der Kraft deines Armes widerstehen? Denn wie ein Stäubchen in der Waage ist die ganze Welt vor dir, und wie ein Tropfen Morgenthaues, der auf die Erde herabfällt. Du erbarmst dich aber Aller, denn du hast Macht über Alles, und überfiehest die Sünden der Menschen, damit sie sich bessern sollen. Denn du liebest Alles, was da ist, und verabscheuest nichts, was du gemacht; denn wenn du hassest, so hättest du nichts geschaffen. Wie hätte aber etwas bestanden, wenn du nicht gewollt? oder wie wäre, was du nicht ins Dasein gerufen, erhalten worden? Du schonest Alles, weil es dein ist, Herr, du Lebensfreund! Denn dein unvergänglicher Geist ist in Allem. Daher strafest du diejenigen, die sich vergehen, nur für kurze Zeit, und weisest sie erinnernd an das, wodurch sie sich versündigen, zurecht, damit sie von der Bosheit abgewendet, an dich, o Herr, glauben." — Wir haben diese Stelle hervorgehoben, theils um die eigenthümliche Ausdrucksweise unseres Autors bemerklich zu machen, als auch weil er hier mit dem steptischen Koheleih in einigen Widerspruch tritt. Er hält den Aufschub der Strafe für den Ausfluß der göttlichen Liebe, um den Sündern Gelegenheit zu geben, sich zu beffern; auch daß die Sttafe nur für kurze Zeit wäre; Gott strafet durch das, was die Sünder begingen, damit sie sich um so eher von ihrer Bosheit abwenden; endlich gelangen die Menschen durch die Erkenntniß des göttlichen Gerichts zur vollen Gottgläubigkeit. Anders Koheleth (8, 11—13): „Daß nicht schnell erfolgt die Sttafe böser That, darum füllt sich der Menschen Herz, Böses zu thun." Trotz dieser Nachsicht tritt die Vergeltung doch ein, dem Gottesfürchtigen ergeht es gut, der Frevler wird wie ein Schatten nicht lange leben. Dieser strengen Anschauung gegenüber erscheint unser Autor im Lichte der Milde und der innigsten Ueberzeugung von der Allliebe Gottes. Auch hier ist seine Anschauung gegensätzlich zu den späteren christlichen Dogmen von der ewigen Verdammniß derer, die „durch den Glauben nicht gerechtfertigt" find, von der Hölle und dem Fegefeuer.— Diese Ansichten werden nun an dem Geschick der kanaani« ttschen Völker erwiesen, die durch ihren scheußlichen Molochdienst, in welchem sie ihre eigenen Kinder unbarmherzig mordeten, dennoch Schonung erfuhren, indem nur „Hornisse" gegen sie ausgesandt wurden. Gott strafte sie nur nach und nach und gab ihnen „Raum zur Besserung", und erst nachdem sie ihren Sinn nicht geändert, „ließ Gott sie hingehen in dem, womit sie sich versündigten." Niemand aber darf wider ein Gottesgericht auftteten. „Denn es ist außer dir kein Gott, der für Alles sorget." „Weil du gerecht bist, ordnest Du Alles mit Gerechttgkeit." „Denn deine Stärke ist der Gerechtigkeit Grund, und daß du über Alle herrschest, macht, daß du Aller schonest." „Du richtest mit Gelindigkeit und regierest uns mit großer Schonung." „Du lehrtest dein Volk durch solche Werke, daß der Gerechte Menschenfteund sein müsse, und du erweckest in deinen Söhnen die frohe Hoffnung, daß du bei Sünden Besserung gestattest." Der Verfasser sieht im Folgenden, ohne es deutlich anzugeben, auf die damaligen Zustände in Egypten, namentlich in Alexandrien, und die Feindseligkeiten, die gegen die Juden verübt wurden. Da Gott „die des Todes Schuldigen mit solcher Nachsicht und Gnade bestraft, indem er ihnen Zeit und Raum giebt zur Rückkehr von der Bosheit: mit wie viel größerer Sorgfalt richtet er seine Söhne, deren Vätern er durch Eid und Bund gute Verheißungen gegeben! Indem du uns also züchtigest, schlägst du unsere Feinde tausendfältig, auf daß wir deiner Güte eingedenk sein, wenn wir richten, und wenn wir gerichtet werden, auf Barmherzigkeit hoffen." Er schildert dann den Thiergötzendienst, der in Egypten so überaus verbreitet war. Aber aus allen Vorgängen der Geschichte geht die Erkenntniß Gottes, die Erkenntniß des wahren Gottes hervor. Unser Autor sieht also die Mißgeschicke, welche die Bekenner des einigen Gottes trafen, als eine Züchtigung an, die sie zu Gott zurückführen sollte. Ihre Feinde werden nur um so mehr gesttaft, um auch sie zum Gottglauben zu bringen, und so hält er fest an den alten Hoffnungen und Verheißungen, die Israel geworden. (Fortsetzung folgt.) Skizzen über -as Ehemals und Jetzt im Iu-euthnme. rv. Den Vorder- und Haupttaum im religiösen Leben unserer Väter nahm die Uebung des Gebetcultus, des öffentlichen wie des häuslichen, und dessen Ritual ein. Selbstverständlich ist es, daß kein öffentlicher, d. i. gemeinsamer Gottesdienst ohne bestimmtes Ritual und vorgeschriebene Ge-