Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 6 (3.2.1885)
- Date
- 1885-02-03
- Page
- Seite 82 (sequence 2)
- Language
- German
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82 bedeutender anzuschlagen ist, als es auf dem agitatorischen < Felde selbst eintrat: wir meinen die Wahlbewegungen. Von i Anfang an hatte die Agitation als einen Hauptzweck die i Wahlen in die verschiedenen gesetzgebenden Körper im Auge i und man kann der Mehrzahl der Agitatoren den Borwurf nicht ersparen, daß sie dabei ihre eigenen Personen zur Wahl ' zu bringen hofften. Die antisemitische Bewegung, d. h. die i Aufhetzung des Volkes gegen die Juden, sollte zum Wahlhebel dienen. In Berlin dachte man auf diesem Wege den i „sogen, fortschrittlichen Ring" zu sprengen, und an anderen Plätzen antisemitischen Abgeordneten die Mehrheit zu verschaffen. Aus diesem Grunde identificirten sich die Conservatioen mit den Antisemiten, und ließen sich z. B. in Berlin auch bei der letzten Wahl» zum Reichstage nur antisemitische Candidaten gefallen. Im Gegentheil waren in Ungarn die Antisemiten Gegner der Regierung und wurden deshalb von der äußersten Linken und von einigen fanatischen Geistlichen katholischer wie protestantischer Confession begünstigt. Beides aber schlug gänzlich fehl. Denn in Ungarn kam nur eine kleine Fraction von Antisemiten in das Abgeordnetenhaus und in Deutschland nur zwei.') Nur in einer höchst geringen Zahl von Wahlbezirken drängten sich hier noch Antisemiten vor und wurden zurückgeschlagen. Mehrere conservative Candidaten erklärten sich entschieden gegen den Antisemitismus. Man kann deshalb erwarten, daß derselbe in Zukunft auch i als Wahlmanöoer seinen Credit verloren haben und unbenutzt bleiben wird. Hiermit hat er aber für die Mehrzahl der Agitatoren selbst seinen Werth verloren. — Abgesehen hiervon hat sich auch bereits die Fluth der antisemitischen Literatur verlaufen und selbst die Feder des Herrn v. Hartmann kann sie nicht wieder in Fluß bringen. Im Gegentheil hat sich der Antisemitismus in der öffentlichen Meinung soweit discreditirt, daß wir bereits nicht selten Rechtfertigungen und Entschuldigungen begegnen, wo etwa eine antisemitische Aeußerung gefallen war.-') — In Rußland hatte allerdings der 1) Stöcker ist bekanntlich in Berlin durchgefallen und in Siegen nur durch Hülfe der gegen den deutsch-freisinnigen Candidaten erbitterten Nanonalliberalen gewählt worden. Sein Genosse ist der Baumeister Hartwig, ren die Dresdner Conservattven in den deutscheu Reichstag sandten. Derselbe hat sich aber jüngst in seiner Jungfernrede aufs Aeußerste lächerlich gemacht. Er behauptete, aus zuverlässiger Information zu wissen. Lag die Japanesen große Massen bunten Papieres aus Sachsen bezögen, welches sie der ernem Lrauerfalle in Streifen zerfchnttten auf den Weg zum Grabe streuten und daß dieser Verbrauch des sächsischen Buntpapieres auch nach Afrika übertragen werden könne. Im Reichstage lachte man ihn deshalb aus und nun bringt das „Dresdner Journal" die Erzählung, wie der Herr Hartwig in seiner Leichtgläubigkeit nur das Opfer eines Scherzes in einem Weinlocal geworden. 2) So enthalten Berliner Blätter vom 18. d. folgende Erklärung: In einer Abhandlung „die Entwickelung der Moralstatistik" (Nr. 204 der Zeit- und Streitfragen) hatte Herr Or. Ludwig Fuld, Rechtsanwalt in Mainz, Herrn Professor von Oettingen in Dorpat den Borwurf gemacht, im antisemitischen Interesse Tendenzstatistik getrieben zu haben. Herr von Oettingen hat auf diesen Borwurf mit nachpchendem Briese an Herrn l-r. Fuld geantwortet: „In Ihrer antisemitische Jgnatiew legislatorisch Beschränkungen zu den vielen die Juden betreffenden Ausnahmegesetzen hinzuzufügen versucht. Nachdem er aber gestürzt worden, sind seine „provisorischen" Maßregeln theils wieder zurückgenommen, theils nur örtlich zur Ausführung gebracht worden. Bis jetzt hat die speciell eingesetzte Judencommisfion noch nicht den Weg gefunden, legislatorisch über die Berhältniffe der Juden zu entscheiden. Unterdeß hat die russische Regierung die Judenexceffe unterdrückt und einige neuere Verfügungen bekunden eine mildere Tendenz. Dies ist die Lage der Dinge im Augenblicke. Wir verkennen nicht, daß aus dieser mit so vielen Mitteln und Anstrengungen betriebene Agitation in vielen Gemüthern eine ungünstige Stimmung gegen die Juden zurückgeblieben ist, wie jede Hochfluth Sedimente niederschlägt. Aber die Agitation selbst verliert sich immer mehr und zwar hauptsächlich sonst so freundlichen und anerkennenden Beurtheilung meiner Moralstatistik machen Sie mir den Borwurf, den Juden gegenüber gehässige Tendenzstalinik getrieben zu haben. Namentlich soll ich das jüdische Element eine „Gaunerbande" genannt haben. Sie schließen daraus, daß die antisemitische Parteiverbitterung jener Tage (Sommer 1881) auch mich angesteckt habe. Bei der sonst durchaus sachlichen und gerechten Würdigung, die Sie meinem Werke, dessen Mängel ich am besten kenne, angedeihen lassen, har es mich geschmerzt, in jenem Punkte mißverstanden worden zu sein. Ich stehe innerlich durchaus freundlich dem jüdischen Volk gegenüber. Ich verabscheue die aniiiemttische i Propaganda und habe mich wiederholt auch in meinem Hauptwerke anerkennend über die Vorzüge des Judenthums ausgesprochen (geringere uneheliche Geburt, Familiensinn, Bilduagsstreben, selbst geringere Betheiligung am Verbrechen) unter ausdrücklicher Anerkennung in Betreff Berlins. In früheren Schristen habe ich sogar die ungeheure providentielle Bedeutsamkeit dieses durch Got.es Fugung so zähe erhaltenen und großartig veranlagten Bolksstammes eingehender zu beleuchten versucht. Aber freilich, eorruptüo optimi pessima. Im Berbrecherthum und Gaunerlhum hat, wie ich au-drücklich sagte, der jüdische Dämon, nicht das ganze Volk, einen verhängnißvollea Einfluß geübt. Beweis dafür ist mir zunächst die bekannte Beobachtung Lallemands in Betreff der jüdischen Elemente in der Gaunersprache. Doch auch hier hebe ich hervor, daß die Zusammenschiebung indogermanischer und semitischer Sprachiypen für alle Zetten ein trübes Denkmal unserer Sünden, d. h. unmenschlicher Verfolgung des alten Gottesvolkes, fein und bleiben werde. Damit branomarke ich doch die antisemitische Tendenz. Wenn ich nun die so sonderliche Zunahme gewisser von Juden verübter gemeiner Verbrechen (Meineid, Betrug, falscher Bankerott) ziffernmäßig darlege und dann hiazusüge, daß man „die steigende Empörung des christlichen Bewußtseins gegen diese betrügerische Bande" verstehen könne, so meine ich doch selbstverständlich mir diesem Ausdruck nicht das ganze, mir durchaus als ehrenwerth geltende Bolk, sondern eben die Gruppe der Handels- und Börsenspekulanten, welche freilich nach meiner durchgehenden Gesammtanjchaunng von der Solidarttät mtt dem krankhaften Bolksgeist und oen herrschenden Schooßsünden dieses Bolksrhums ebenso zu>ammenhängt, wie etwa bei den Deutschen und namentlich den protestantiichen die bis aufs Höchste gesteigerte Selbstmordtendenz. Mtt dem Ausdruck „betrügerische Bande" will ich also nur jene auf künstlichen oder faktischen Bankerott hinardeitende Klaffe von jüdischen Spekulanten bezeichnen, die ja notorisch einen vergiftenden Einfluß auf die Volksseele ausüben. Sehr lieb wäre mir um der Sache und meiner Person willen, wenn Sie freundlich dieses Mißoerstänoniß etwa in einer neuen Auslage Ihrer Schrift oder sonst wie öffentlich zurechtstellen wollten. Ich stelle es Ihnen frei, von diesem meinem Schreiben dabei Gebrauch zu machen und bekenne bei dieser Gelegenheit aufrichtig, daß ich die ganze antisemitische Agttation ä la Stöcker und Henrici verabscheue. Genehmigen Sie u. f. w. gez. Dr. von Oettingen."