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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-01-27 · Heft 5 (27.1.1885) · p. Seite 77

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 5 (27.1.1885)
Date
1885-01-27
Page
Seite 77 (sequence 13)
Language
German
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77 Gemeinde. — Aus Pest wird geschrieben: Gestern den 12. Januar verschied in hohem Alter von 102 Jahren 8.' H. Friedmann. Derselbe ersrente sich bis zu seiner letzten Stunde ungestörter Gesundheit. — In Alerandrien verschied plötzlich der bekannte Baron Behor von Menasse, der sür die dortige israelitische Gemeinde, namentlich für ihr Schulwesen, mit freigebiger Hand sorgte. Turek, 15. Januar. (L i terarisch e Notizen.) In Przemys'l (Galizien) ist von Osias Attlas erschienen „Der Verfolgte von Rußland", ein Schauspiel in Auszügen. — Das dreiactige Trauerspiel giebt sich ans dem Tittelblatte „als das Bild der südrußländischen Judenverfolgungen ", und cs ist ein vortrefflich gelungenes, erschreckend ähnliches Bild. Im charakteristischen Colorit besitzt der Dichter eine seltene Kraft. Wir sehen die Rotten mit ihren vorzüglich individualisirten Führern, wie mir leiblichen Augen plündern, morden, sich berauschen, alles zertrünnnern: der Jammer der Unglücklichen dringt mit elementarer Gewalr uns ins Herz; die Bibelsprache, die Sprache des Gedichtes fließt dahin in natürlicher Reinheit und Glätte, als wäre sie noch eine lebende und nicht schon seit so vielen Jahrhunderten bloße Schriftsprache. Tie Fabel des dramatischen Elements in dein „Trauerspiele" ist sehr interessant. Mirjam, die Tochter des reichen Aminadab in Kijeiv, sieht kurz vor ihrem Hochzeitstage, da wird ihr Bräutigam K e u i l AuS der Provinz, im Januar. Halneologische Lnefe eines Rabbiners. -t-. Wrffef. Lieber Freundl Es ist gegen sechs Uhr Morgens, als ich mit Becher und Regenschirm bewaffnet — zwei Requisiten, ohne welche es keinen Kurgast giebt — meine Wohnung verlasse. Ich folge dem Menschenstrom, der sich vor mir hinwülzt und von Zeit zu Zeit durch eine starke Gegenströmung znrückgedrängt wird, um zur Quelle zu gelangen, welche der Arzt mir verordnet hat. Tickes Drängen und Stoßen, das den lärmenden Verkehr und Wettlauf ans dem bewegten Markre des Lebens weit übertrifft, hat etwas Ausregeudes nur Verwirrendes an sich, das einem Kurgebrauch entschieden nicht zuträglich ist. Aber auch etwas Großes und Erhabenes liegt darin, daß dicht gedrängte Tchaaren nach einer seit undenklichen Zeiten aus dem Schooß der Erde rieselnden Quelle ziehen, um daraus gegen Schmerz und Leid Heilung zu schöpfen und das Prophetcnwort, wie es scheint, wahr zu machen: „Ihr werdet freudig Wasser schöpfen ans den von den russischen Antisemiten erschlagen, ihr Vater vcrwnndet, ansgeplündert, mit Roth rettet sie und ihre Mutter sich aus der Gewalt der rohen Horde. Da kommt Jo ei er, ein Jüngling „aus Oesterreich", als Gast zur Hochzeit in >tijew und trifft statt der Hochzeit die Roth und Jammer. Eucher Jüngling) nimmt sich der unglücklichen Familie au, heirathct schließlich Mirjam und nimmt sie sammt den Ihrigen nach Oesterreich mit. — Das Gedicht nt eine höchst gediegene Erscheinung in der klassischen neuhebräischen Literatur. Es ist zu wünschen, daß der Dichter noch manches Erzeugnis; seiner Muse im Gewände der heiligen Sprache uns vorzuführen das Glück baden möge. — „Rur ein Kind ans Israel." Eine alltenameutliche Erzählung sür Jung und Alt von B. Merkato. (Gotha, Perthes 18*4.) Tie „kleine Dirne" im Hause Raemans, des syrischen Feldhauptmauns, die Tochter aus Israel rl. iUht. '>'> die den vom Aussatz Befallenen an den Propheten Eliia weist, ist die Heldin des Stückes, welche dessen Sohn, ein riefreligiöses Gemüth, bekehrt und sür sich gewinnt. Die Verfasserin hat mit dieser einfachen und gehaltvollen Novelle sich nicht ohne Glück in die Reihe der Erzählerinnen eingesübrr, welche mit Vorliebe bedeutende biblische Stoffe durch ihr episches Talent dem ferner stehenden Leser nahe rücken. Moses Feinkind. l e t o n Quellen des Heils" ' Mehr oder weniger macht der länrgast diese Wahrnehmung an jedem hervorragenden Badeorte, nirgends jedoch so sehr wie in Karlsbad, der Perle der Kurplätze, wo Quelle neben Quelle zu Tage tritt und altjährlich viele Tausende zusammcnströmen, die je nach der Natur ihres Nebels sich an den verschiedenen Quellen vereinigen. Mein Weg führt hier an einem halben Dutzend derselben vorüber, bis ich au das Ende einer langen und breiten, aus Stein massiv hergestellten Colonnade gelange und mich in eine zweireihige, in Bogenwindung sich hin ziehende 'Menschenkette eingcgliedert sehe, die erst nach sünsundzwanzig 'Minuten bei der ersehnten Quelle sich auflvst. Immer geradeaus blickend marfchiren sie vor und hinter mir in Reih' und Glied, der Roth gehorchend nehmen sie jeden Zoll des von dem Vordermann verlassenen Estrichs mit ängstlicher Spannung in Besitz: denn jede Unachtsamkeit bring! die große, immer sich erneuernde 'Nachfolge in Aufruhr. Ein lebendes Bild, reichhaltig durch die Menge der Gestalten, fesselnd durch die Fülle der Betrachtungspnnkte, die es bietet. i; Jejams 12.

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