Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 5 (27.1.1885)
- Date
- 1885-01-27
- Page
- Seite 76 (sequence 12)
- Language
- German
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- Odesa 1× ep/1000834
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7(3 geziemt cs sich wohl, daß einer derselben in der höchsten Cultusverwaltung einen Sitz habe. — Wie weit der Fanatismus der Atheisten, welche die Majorität in dem radicalen Magistrate der Stadt Paris bilden, geht, erwies jüngst die Tenunciation eines Lesebuchs, in welchem aus der ersten Seite die Worte stehen: „Gott ist unser Aller Vater." Ter Tenunciant sagte, daß dieses Buch „in formellem Widerspruch stehe mit der Neutralität der Schule." Zu bedauern ist, das; gerade dieser Mann dem Judenthum entsprossen ist, ein gewisser Camille Treysuß, der sich laut des Atheismus rühmt. — Als ob die französischen Clericalen und Legitimisten nicht genug Kräfte und Mühen in der gegenwärtigen Zeit aus ihre Vertheidigung und die Abwehr der ans sie ciustürmcnden Radicalen zu verwenden hätten, kommen aus ihren Reihen immer neue Angriffe aus die Juden. Hierin thut sich jetzt das clericale Blatt „La croix" besonders hervor; doch bleiben ihre Angriffe in der anderweitigen Presse nicht unbeantwortet. Außerdem ist die von dieser Partei betriebene Romanschriftstellerei beeifert, jüdische Stoffe in ihrer Art auszubcuten. Zu den kürzlich auch in diesem Blatte erwähnten Romanen hat jüngst ein clericaler Schriftsteller, Guy de Charnao-, einen neuen, „Baron Vampire", hinzugesellt, in welchem ein Jude in schmählichster Weise geschildert und dabei zu verstehen gegeben wird, daß die ganze Judenheit diesen Grundsätzen huldige. Es sind dies ephemere Erscheinungen; aber sie hinterlaffen doch Gisttropsen in den Gemüthern der Leser. Rußland. Warschau, 15. Januar. Wie die „Pol. Corr." meldet, wurde der österreichisch-ungarische Generalconsul in Odessa vom Minister des Jnnnern, Grasen Tolstoi verständigt, daß' den jüdischen Geschäftsleuten aus Oesterreich-Ungarn, welche kürzlich angewiesen wurden, Rußland zu verlassen, einstweilen der Aufenthalt noch gestattet wird. Petersburg, 17. Januar. Wie die russische „St. Petersburger Zeitung" mitthcilt, ist dem stnnlündischcn Landtage ein Gesetzentwurf zugegangcn, nach tvelchem den mir Pässen versehenen Juden der 'Aufenthalt und Gewerbebetrieb in Finnland, sowie die Erwerbung von Immobilien in den dortigen Städten, aber nicht in den Dörfern, zu gestatten sei. — Juden, welche zehn Jahre in Finnland gewohnt haben und unbescholten sind, erhalten einen lebenslänglichen Paß, können aber trotzdem bei eintretender Veranlassung jederzeit ansgcwiesen werden. (Es geht hieraus hervor, daß man Verkehr und Handel in Finnland durch die Juden zu heben hofft.) Aus Polen, im Januar. (Privatmitth.) Auswärtige Blätter wissen über Vorgänge in unserem Reiche oft mehr zu erzählen, als die inländische Presse. Nicht allein in Deutschland ist der Antisemitismus in die militärische Classe recht tief eingedrungen, sondern auch wie weit in Rußland die Barbarei und Willkür gegen Juden selbst von militärischer und polizeilicher Seite, namentlich der höheren Klasse sich versteigt, dafür giebt ein verbürgtes Faktum, welches, von schätzenswerther Seite, das politische Blatt „Nowa Re forma" (Jflcuc Reform) in Krakau aus der Gouvernementsstadt diadom, im Zarthum Polen, bringt, ein beredtes Zeugniß. Es lautet der betreffende Artikel in wortgetreuer Ucbersetzung wie folgt: (Ein Beweis religiöser Toleranz!) Tie Schenkcrsfrau Chaja Kammer in Radom unterhielt, obwohl sie Gattin und Mutter zweier Kinder war, ein Berhältniß mit einem Feldwebel der Artillerie, Tymitri, der sie heirathen wollte und daher beredete, sie möge den Mann verlassen und zur griechischen Kirche übertreten, damit sie auf diese Art eine Scheidung erlange. Tie Jüdin suchte dies hinzu,ziehen: er aber, des Wartens müde, drohte, er werde trachten, daß man sie mit Gewalt taufen und verheirathen werde. Chaja Kammer, durch diese Drohung eingeschüchtert, nachtete nicht zu Hause, sondern bei ihrem Vater, Szyjc K., der in einer entlegenen Gasse wohnte. Ta wurde iu einer Nacht des Letzteren Hans von Polizeilttännern unter dem Polizeroffizier Czernysz, mit Hilfe einer etwa 1* Dutzend zählenden 'Abtheilung Soldaten umzingelt, die Thür gesprengt und die Auslieferung der Chaja gefordert. Ter sich weigernde und wehrende Vater wurde erbarmungslos durchgeprügelt und verhaftet, Nachher siel * man über die Gegenstände her, nahm Alles in Beschlag, was Feldwebel Dymitri als Eigenthum Chaja's bezeichnet; sie selbst wurde in die Kaserne, dann früh in die Kirche geschleppt, wo sie getauft und gleichzeitig mit Tymitri getraut wurde. Man hat auch ihr einige Jahre altes Kind getauft. Gegenwärtig wird Chaja ans Furcht vor den Juden in den Kasernen gehalten. Chaja Kommer har also zwei Männer llv facto und <le jure. Im 'Artikel 2u7 des russischen Ehegesetzes vom Jahre 1>3»3 heißt es nämlich „ein nichtchristlicher Gatte, der sich taufen läßt, habe das Recht, eine Scheidung zu verlangen, sobald der noch im christlichen Glauben verbliebene Gatte sich weigert, mit ihm iin ferneren Eheverhältniffe zu bleiben oder die Erfüllung der neuen Glanbeuspflichten stört;" das wäre also nur ein Grund der Scheidung, die erst die j gerichtliche Behörde anszusprechen berechtigt ist — so lange das aber nicht der Fall ist, herrscht die reinste Polyandrie. , Der Vater Chaja's hat beim Staatsanwalte die Klage ein- ' gereicht, dieser aber scheint nicht zu wissen, was da zu thun sei, denn er thut nichts. > Bonn, 1 .R Januar. (Notizeu.) — Herr Dr. JuliuS Oppenheimer, Prediger der hiesigen jüdischen Reform- , gemeinde, feierte am 18. v. M. das 25jährige Jubiläum seiner Amtsthäigkeit als Rcligionslchrer und Prediger dieser