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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-01-27 · Heft 5 (27.1.1885) · p. Seite 78

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 5 (27.1.1885)
Date
1885-01-27
Page
Seite 78 (sequence 14)
Language
German
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78 Ist doch das Antlitz eines Jeden, der in der endlosen, pa- : rallel nebeneinander laufenden Queue wandelt, anders gebildet, anders geformt, individuell ausgeprägt, mit deutlicher Unterscheidung von allen übrigen, während zugleich ein Gemeinsames, Allgeme ines durch Alle geht und diese eint. Oft freilich hatte ich die Empfindung, als ob mein Erkennungsvermögen zu eng wäre gegenüber der sich drängenden Vielheit der Erscheinungen, die sich auf einem verhältnißmäßig engbegrenztcn Raum bewegten und neben dem Eigenthümlichen immerhin auch ein Gemeinsames an sich hatte. Ich entdeckte daher Aehnlichkeiten sowohl unter den Anwesenden, wie zwischen diesen und Anderen, die mir irgendwo einmal begegnet waren. Nicht selten stand ich im Begriff, den Einen oder den Andern als Bekannten zu begrüßen, während aus dem Hintergründe ein Dritter hervortrat, der ebenso irrthümlich glaubte, mich wieder zu erkennen. Und doch zeigte einige Aufmerksamkeit, daß wenig mehr als ein geringfügiger Zug im Gesicht, in der Haltung, im Gang die ganze vermeintliche Aehnlichkeit hervorgebracht Latte. Sie werden, verehrter Freund, die nämliche Wahrnehmung schon oft gemacht haben und mir vielleicht zustimmen, daß das Capitel der Aehnlichkeit nur in einer gewiffen Enge des menschlichen Unterscheidnngsvermögens seinen Grund habe, während aus der Schöpserhand Gottes jedes Leben — selbst innerhalb sogenannter Vererbungen — mit besonderer Eigentümlichkeit hervorgehe. Das Zeugniß des Talmud 2), der die Mannichsaltigkeit der von Gott geschaffenen Gebilde irgend welcher Species gegen die nur übereinstimmenden menschlichen Hervorbringungen derselben Art hervorhebt, steht dabei auf meiner Seite. In der That sind Sitte und Gewohnheit der Menschen, gewisse Formen in Umgang und Berkehr, weil sie angenommen und nachgebildct sind, oft ähnlich und übereinstimmend. Wie häufig habe ich mich davon beim Anblick der Queue in verschiedenen Kurorten überzeugt! Mir klagte einmal Jemand, daß sein Nachbar ihn bei jedem Worte, das er mit ihm wechsele, mit der Hand anstoße, und ich selbst mußte es erleben, daß mein Nebenmann, der mir übrigens lieb und werth war, jedes seiner Worte in der Unterhaltung mit mir derart mit der Hantierung seines Ellbogens begleitete. daß dieser sich tief in meinen Arm und Rücken eindrückte. Weniger „gefühlvoll", aber dafür mehr komisch wirkte auf mich die Wiederkehr einer andern Erscheinung. Ein Sohn Albions in der Queue zu Marienbad und ebenso ein Landsmann desselben in der von Karlsbad trugen ihre Kopfbedeckung, einen hohen, schwarzen Cylinder — übrigens national — tief nach hinten geneigt. Dadurch bekam die ganze fortrückende Linie der Kurgäste den Anschein eines fahrenden Dampfboots, auf welchem der schiefliegende Hut des Engländers sich wie ein niedergelegter Schornstein ausnahm, der bei er Durchfahrt unter einer Brücke gesenkt wurde. 2) Sanhedrin 37 s; Jalkut tz 15. Aber nicht die Physiognomie der äußern Erscheinung allein beschäftigte mich, so oft ich in der Queue ging oder ihr außerhalb zustehend zusah, sondern auch die tausendfältige innere Verschiedenheit der Einzelnen, ihr Geistes- und Seelenleben, Temperament und Nationalität, Stellung und Schicksal. In den wandelnden Reihen, welche schrittweise nach den verschiedenen Quellen hinzogen, oder in der Nähe derselben — mir schwebte dabei immer das Bild der Opferzüge am Fries der altgriechischem Tempel vor — erblickte ich Söhne und Töchter aus allen Völkern der Welt, Potentaten der mächtigsten Staaten und ihre Gemahlinnen, die vornehmsten Würdenträger im Reiche der Politik, der Wiffenschaft und Kunst, Kirchenfürsten und Freidenker, Beherrscher der Finanz- und Handelswelt, wie Freunde des Stilllebens, Stolze und Gebeugte und zwischen dem Christen und dem Muselmann den Juden. Nnd diese Alle fühlen sich hier geeint durch den gleichen Bann des Leidens, unter welchem sie stehen, wie durch die gleiche Sehnsucht nach Befreiung davon, welche sie von dem Gebrauch der Quelle erwarten. Der Frieden, den wir sonst vergebens in den Schichten der menschlichen Gesellschaft suchen, wird hier in den Reihen der Kurhalle gefunden, so daß ich mir oft die Frage vorlegte, ob denn wirklich nur auf dem Grund gemeinsamen Schmerzgefühls Eintracht unter den Menschen zu bestehen vermöge, oder ob der Frieden auch dann nur dem Scheine nach bestehe? Bei dieser Gelegenheit erinnere ich mich, daß Sie, verehrter Freund, eine Antwort von mir erwarten, ob denn wirklich die Juden ein so beträchtliches Contingent zur Summe der Kurgäste überhaupt liefern, wie gewöhnlich behauptet wird. Ich meine allerdings, daß der Antheil unserer Glaubensgenoffen daran wesentlich bemerkbar ist, wenn auch bei weitem nicht in dem Maße, wie der Leumund absichtlich verbreitet. Allein wen, der von dem sittlichen Ernst eine Vorstellung hat, welche der Jude mit Erhaltung der Gesundheit verbindet, kann das Wunder nehmen? Wie ihm, deffen Religion weder dem Pessimismus, noch dem Fatalismus Raum bietet, das Leben als ein köstliches Gut gilt3) — nicht um seiner selbst willen, sondern weil es der Grund und Boden zu einem frommen, sittlich guten Wirken und Schaffen ist: so erachtet er es auch für eine religiöse und sittliche Psiicht, das Leben sich zu erhalten und daher auf Erhaltung und Wiederherstellung der Gesundheit sorgfältigst bedacht zu sein. In der Gesundheit findet er die Bürgschaft eines freudigen, im Dienste Gottes, der Menschheit, der Familie sich vollziehenden Lebens; ihre Erhaltung ist für ihn religiöse und sittliche Tugend. Ungezählt sind daher auch die jüdischen Kurgäste, welche von diesem Gesichtspunkte aus den letzten Groschen hingeben, um „ins Bad zu gehen". Ungezählt auch diejenigen, welche nur durch mitleidsvolle Unterstützung ihrer Glaubensgenossen dies ermöglichen. 3) Hesekiel 33, 15; Psalm 119, 17, 77, 117; Aboth 4, 22.

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