Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 5 (27.1.1885)
- Date
- 1885-01-27
- Page
- Seite 71 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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71 Geza Racz findet, daß die Juden die wirthschaftliche Krise hervorgerufen haben. Wenn Jemand an der Schädr lichkeit des herrschenden Systems noch zweifelte, so mußte er bekehrt werden, wenn er als Verkörperung dieses Systems am Refereutentische den Herrn Abgeordneten Bankier Wahrmann, den Kämpfer für die Wucherfreiheit, sitzen sieht. (Bewegung und Unruhe rechts.) Er wirst der Regierungspartei vor, daß sie bei ihrer scheinbaren Begeisterung für den Frei-' Handel mit Umgehung gebildeter Landwirthe Moritz Wahrmann an den Referententisch setzt, denselben Wahrmann, der vor seinen Leopoldstädter Wählern erklärt, daß er das Wuchergesetz für ein Attentat gegen die öffentliche Freiheit halte und daß Pauler, der seinen Nacken unter das jüdische Joch nicht gebeugt, unwürdig des Ministersauteuils sei, denselben Wahrmann, der die Lichtseite unserer volkswirthschastlichen Politik, die Eiscnbahnpolitik, mißbilligte, aber dagegen nichts einzuwenden hatte, daß die öffentlichen Bauten an jüdische Unternehmer hintaugegeben wurden, die den Staat betrogen. Seit Jahren sehen wir ihn bereits am Referententische an der Durchführung einer Politik theilnehmen, deren Weg an den Bettelstab gebrachte christliche Gutsbesitzer bezeichnen. Präsident: Ich muß den Herrn Abgeordnet«! daraus aufmerksam machen, daß er objektiv sprechen möge. (Züstiinmung rechts.) Was er sagt, steht mir dem Ressort-Budget * in keinem Zusammenhang und wolle er sich Häher der persönlichen Angriffe enthalten. (Lebhafte Zustimmung rechts.) Geza Racz: Orientalische Nachbarn haben uns in dieses zweite Vaterland gedrängt und nun kommen abermals abstoßende orientalische Gestalten und drängen uns hinaus. Ivan Simonyi: Das ist eine persönliche Beleidigung. - Moritz Wahrmann ist ja ein schöner Mann! Präsident: Ich bin gezwungen, dem Herrn Abgcord-! neten für diesen Ausdruck eine Rüge zu erthcilen. Geza Racz erklärt schließlich, daß er das Budget ablehne. Referent Moritz Wahrmann: Ich habe jetzt nicht die Absicht, in meiner Eigenschaft als Referent zu sprechen, sondern erbitte mir in persönlicher Angelegenheit das Wort. (Hört'. Hört!) Ich pflegte in der letzten Zeit sehr selten das Wort in diesem Hause zu ergreifen. (Rufe seitens der Antisemiten: Daran thut er recht!) Wohl thue ich recht daran, denn auch ich bin der Ansicht, welcher heute der Herr Abgeordnete Graf Stefan Keglevich Ausdruck gegeben, daß unter so bcwandtcn Umständen, wenn nämlich im Parlament ein solcher Ton und eine solche Manier herrscht, jeder Mann von vornehmerer * Denkart sich wohl hüten muß, öfter das Wort im Hause zu erheben und sich daher nur auf die nothwendigsten und dringendsten Enunciationen beschränken kann. (Zustimmung rechts. » Der geehrte Herr Abgeordnete Graf Stefan Keglevich hat sich darüber beklagt, daß er angegriffen wurde, als er objektiv sprach. Was soll ich sagen, der selbst dann angegriffen wird, wenn er gar nicht gesprochen hat? (Beifall rechts.) Bei dieser Gelegenheit hat Geza Racz (Rufe der Antisemiten: Abgeordneter!) Auch er hat nicht Abgeordneter Moritz Wahrmann, sondern bloß Moritz Wahrmann gesagt. Ivan Simonyi: Das ist ein historischer Name! (Heiterkeit links.) Moritz Wahr mann: Biel historischer, als der von Racz und er hat um Vieles mehr für das Vaterland gethan. (Bewegung links.) Ich erkläre also aufs Entschiedenste, daß ich kein Wort von dem gesagt habe, was der Herr Abgeordnete angeführt hat. (Rufe: Es stand in der Zeitung!) Wollen Sie die Rede lesen, die ich vor meinen Leopoldstädtcr Wählern gehalten-, ich habe kein Sterbenswörtchen hiervon gesagt. Das ist das Eine, was ich sagen wollte. Das Zweite ist das Folgende: Er nimmt Anstoß daran, daß ich hier au dem Referententische sitze (Rufe links: Bei der Verhandlung des Ackerbau-Budgets'.!; darauf habe ich Folgendes zu erwidern: Seit sechszehn Jahren sitze ich in Folge des Vertrauens meines Wahlbezirkes im Abgeordnetenhause, und zwar immer auf Grund einer entschiedenen Programm-Rede: seit sechszehn Jahren beehrt mich die Majorität dieses Hauses damit, mich in den Finanz-Ausschuß zu wählen (Lebhafte Zustimmung rechts); seit sechszehn Jahren hat mich das Vertrauen der Mitglieder des Finanz-Ausschusses mit dem Referat über dieses Reffort beehrt. (Lebhafte Zustimmung rechts.» Und so lange ich über das Vertrauen dieser Faktoren verfügen werde (Lebhafte Zustimmung rechts), kümmere ich mich nicht darum, wie einzelne Abgeordnete über mich denken, und ich werde meine Pflicht treu und patriotisch erfüllen, wie ich ne bisher erfüllt habe. (Lebhafte Zustimmung rechts.) Ich begreife es, daß der Abgeordnete Geza Racz von | all dem keine Kenntniß haben kann, ist er ja feit 16 Jahren noch nicht in diesem Haufe thätig (Heiterkeit) und zwar eben wegen feiner Jugend, doch wird er mir schon gestatten, das Verhältniß zu meinen Wählern, zu der Majorität des Hauses und zu dem Ausschüsse, dessen Mitglied ich bin, aufrecht er j halten zu dürfen. (Zustimmung und Eljeurufe rechts.) j Präsident: Ich bitte die geehrten Herren Abgeordneten, sich persönlicher Angriffe enthalten zu wollen, i Zu- ' stimmung rechts.) | Die Erklärung Wahrmann's wurde von der Rechten mit demonstrativen Beifallskundgebungen ausgenommen.! In der heutigen Sitzung des reichstägigeu Finanz! Ausschusses kam der Vorsitzende Wilhelm Zsigmondy auf den i frechen Angriff, dem Wahrmann ausgesetzt war, zurück. Bor Beginn der Tagesordnung gab er die Erklärung: „Ich glaube