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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-01-27 · Heft 5 (27.1.1885) · p. Seite 72

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 5 (27.1.1885)
Date
1885-01-27
Page
Seite 72 (sequence 8)
Language
German
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72 nicht, i>cjfj dieser geehrte Ausschuß eiu wcNglied hat, das rechtlicher die vollkommene Anerkennung für die um die; Hebung der materiellen Interessen des Vaterlandes geleistete, selbstlose und segensreiche Thätigkeit mehr verdient als Wahrmann. Die Erklärung dessen schuldeten wir unserem Freunde , und College» Moritz Wahrmann, mehr aber uns selbst." Der Ausschuß nahm die Worte des Präsidenten mit allgemeiner Zustimmung aus. Bei der gestern vollzogenen Neuwahl in Csongrad wurde der bisherige Abgeordnete, der Antisemit Sigmund Csatar, in besten Interesse seine Freunde Berhovay, Persay u. A. alles Mögliche aufboten, um seinen neuerlichen Sieg durchzusetzen, nicht wieder gewählt. Emerich Szivak, der Candidat der liberalen Partei, siegte mit großer Majorität. Pest, den 15. Januar 1884. Der Cardinal-Erzbischof Haynald über den Antisemitismus. Es hat vielfach Wunder genommen, daß der Primas von Ungarn, daß ganz besonders der Cardinal Erzbischof von Kalocsa, I)r. Haynald, einer der gelehrtesten und liebenswürdigsten Oberhäupter der katholischen Kirche in der Misere der Judenhctze bisher ganz passiv geblieben ist und nicht ein ein-! ziges Mal seine Stimme für die Aufrechterhaltuug des socialen . Friedens erhoben hat. Einem Manne von der universellen j Bildung und der staatsmänniscben Einsicht des Cardinals j Haynald konnte der zersetzende Einfluß nicht entgehen, welj chen die Antisemiten auf den gesammten Bau der Gesellschaft I ansübt, cs konnten ihm die anarchistischen Erscheinungen unmöglich verborgen bleiben, welche diese revolutionäre Sekte in ihrem Gefolge hat. Ob nun der Tadel, welchen der König j vor mehreren Monaten bei dem Empfang des Clerus in Arad! gegen die Geistlichkeit erhoben, oder ob jene ungualisicirbaren' Aeußerungen, welche in neuester Zeit aus dem Munde von t katholischen Priestern im Reichstage vernommen wurden, die; sich nicht scheuten, sich offen zu der Fahne der Antisemiten' zu bekennen, die Kundgebung des Cardinals hervorgernsen haben; wie dem immer sei: Cardinal Erzbischof Haynald hat aus Anlaß des Jahreswechsels an den Curatclerus seiner Diözese einen Hirtenbrief erlassen, in dem er sich nicht bloß gegen den brutalen Antisemitismus, der von Raub und Plünderung sich in nichts unterscheidet, wendet, sondern er verdammt in gleichem Maße alle verwandten Bestrebungen, welche ein eben so gefährliches, weil gesellschastsfeindliches Element ausmachen, wie der praktische Antisemitismus. Tie betreffende Stelle in dein Hirtenbriefe lautet: „Ter Antisemitismus, ivie er an vielen Orten grassiet und in, gegen das jüdische Volk erregten und oft bis zur Gewa \ J _ n Feindseligkeiten in die Erscheinung tritt — wird jeder echte und beherzte Priester Ungarns mit Recht verdammen, weil er wohl weiß, daß wir Alle im Dienste jener Religion stehen, welche das Symbol der Liebe aus ihrer i Fahne trägt und daß wir selbst dort und dann, wo und i wann es sich darum handelt, gewisse schädliche Auswüchse! zu beschränken, zu entfernen und zu ahnden, nicht berufen! sind, die Geißel des strafenden Gottes zu schwingen, sondern vielmehr den Geist der bessernden göttlichen Gnade und Er- J barmung zu repräsentireu. Jawohl, jeder nüchtern denkende | Geistliche des Landes ist in seinem Innersten davon überzeugt, daß derlei, gegen Einzelne der jüdischen Nation ge-! richtete gewaltthätige Angriffe sorgsam und gewissenhaft zu! vermeiden sind; ja er ist auch weiter überzeugt, daß ganz j dasselbe auch von jenen antisemitischen Bestrebungen zu halten! sei, welche sich scheinbar nicht in der rohen Gestalt verschicl denartiger Verfolgungen äußern; denn auch von diesen können wir in vorhinein nur soviel wissen, woher sie ausgegangen ( sind und welcher ihr Beginn war; wo sie aber innegehalten l werden, wohin sie im Volksaufruhr, und wenn sich ihnen j das lodernde Feuer der unbezähmbaren menschlichen Leideni schäften zugcsellt, noch entarten werden, — das vermag sicher-! lich Niemand vorherzusagen." Gleichsam zur Vertheioigung der Geistlichen seiner Erzdiözese hebt der Kirchenfürst sodann hervor, daß, wenn auch ein, zweimal gegen Jemanden von der Geistlichkeit die Anklage einer antisemitischen Handlung erhoben worden, eine eingehende Untersuchung die betreffende Handlung als eine solche erwies, welche einzig und allein gegen Inden gerichtet war, welche die katholische Religion und ihre heiligen Ceremonieu in Wort und That verunglimpft hatten. Daß die angeordnete Untersuchung ein solches Resultat ergeben, daß der Geistliche, welcher die Bewohner eines Ortes gegen die wenigen dort wohnenden Inden gehetzt, zu seiner Vertheidigung die Verunglimpfung der Religion und deren Ceremcnien vorgcbracht bat, daran ist nicht zu zweifeln, die Richtigkeit der Thatsache bleibt dessenungeachtet noch immer sehr fraglich. Hoffen wir, das; die priesterliche Enunciation des itlustren : Kirchenfürsten in weiten Kreisen die wünschenswerthe Wirkung hervorbriugen möge.

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