Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 5 (27.1.1885)
- Date
- 1885-01-27
- Page
- Seite 70 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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jubelt zusammen und wollte von hier aus die lebendige Gegenwart gestalten. Gegen ihn verfaßten Geiger, Samuel Hirsch, Karl Grün, Gustav Philippsvn und Gotthold Salomvn') Gegenschriften, von welchen die beiden ersteren Bauer mit Erfolg entgegentraten, indem sie seine Hypothesen von Staat und Gesellschaft entwaffneten, die Wandelbarkeit seiner Ansichten ans seinen früheren Schriften und die Unrichtigkeit seiner Behauptungen hinsichtlich der Juden nachwiesen. Bruno > Bauer ließ sich durch seinen Bruder Edgar vertheidigen. Jenen i aber kam zu Hülse die öffentliche Meinung, welche an dem! Nihilismus Bauer's großen Anstoß nahm. Denn was! man auch von der Unreife des damaligen Liberalismus^ gegenwärtig spricht, so hatte er doch einen recht bestimmten > positiven Inhalt und wohlerwogene Zwecke aus den Bedürf-; nissen und den gegebenen Verhältnissen heraus. Nur hinsichtlich der Mittel, durch welche jene Zwecke zu erreichen wären, war er unpraktisch und tastete umher, und diese Schwäche bewirkte nothwendig.sein späteres Scheitern. Aber für den Radikalismus hatte er nur geringen Anklang, und! fühlte der Liberalismus schon damals, daß dieser turbulente; Geselle ihn in Mißkredit und zu jenem Fiasko bringen! werde, das er gegen Ende des Jahrzehnts erfuhr. Wenn aber Rotteck, Gutzkow und Hermes gezeigt hatten, daß der Semi-Liberalismus der Feind der Juden sei, weil er den Grundsatz des Rechtsstaates, die Gleichheit aller Siaatsaugehörigen vor dem Gesetze, anzuerkennen sich nicht erheben konnte: so bewies Bruno Bauer, daß der Radikalismus, indem er auf Nihilismus und Anarchie lossteuerte, zwar den Juden gleiche1 Rechte zugestände, aber die Vernichtung des Judenthums verlange. Niemandem kann cs entgehen, daß diese Situation noch die heutige ist. Bruno Bauer übrigens machte nach 1848 eine Schwenkung, ging ins Lager der Reaktion über und stellte sich eine längere Zeit unter die Fahne der Gerlach und Wagener. Hier schrieb er später in den Wagenerschen Staatslexikon eine abermalige Abhandlung über die Juden, in welcher er seine frühere Diatribe in pietistisch-reaktionärer Form wiederholte, ohne jedoch besondere Berücksichtigung zu sinden. Gegen Ende seines Lebens trennte er sich wieder von der Reaktion und veröffentlichte einige kritische Werke, in welchen er das Christenthum aus Philo zurückfuhren wollte. — Jndeß machte, abseitens und trotz aller dieser Polemik, die Angelegenheit der Juden in Preußen Fortschritte. Hierzu lag auch zwingende Nothwendigkeit vor. Es waren in der preußischen Monarchie mehr als zwanzig verschiedene Judcngesetze je nach den einzelnen Provinzen und Landschaften rechtsgültig. Denn das Edikt vom 11. März 1812 bestand nur innerhalb des damals sehr beschränkten preußischen Gebietes zu Recht, während in den neu- und wieder erworbenen Landesthcilen die alten Gesetze und Verhältnisse hinsichtlich der Juden bestehen geblieben, so daß die Freizügigkeit von einem Landestheile zum anderen nicht gestattet war, in einigen Gegenden Juden sich gar nicht niederlaffen durften. Andererseits waren die Rechtsverhältnisse der Gemeinden völlig ungeordnet, da sie im größten Theile der Monarchie ganz sich selbst überlassen, aber auch ohne alle Autorisation waren. Die öffentliche Meinung gab sich in mehreren Provinziallandtagen kund. Der erste war der rheinische Provinziallandtag, der am 15. Juli 1843 mit 54 gegen Ilk Stimmen beschloß: Se. Majestät den König um vollkommene Gleichstellung der Juden zu bitten. Dieselbe Bitte wurde von dem rheinischen Provinziallandtage am 12. März 1845 wiederholt und diesem Beispiel folgten im Lause des Jahres 1845 die preußischen, märkischen, schlesischen und posenschen Landstände und zwar in Folge zahlreicher Petitionen der größeren Städte, also Petitionen von christlicher Seite. Wahrlich, eine imposantere Kundgebung der öffentlichen Meinung konnte es nicht geben! Bemerkenswerth war auch ein Reskript vom 26. Oktober 1844, in welchem der Minister des Cultus und der des Innern kundgaben: daß eine allgemeine Regulirung der jüdischen Gemeindeverhältnisse bereits in der Vorbereitung begriffen seien. Von noch größerem Belange war es aber, daß die neue, 1844 promulgirte Gewerbeordnung fast alle Beschränkungen in gewerblicher Beziehung aufhob. (Fortsetzung folgt.) Pest, den 14. Januar 1885. Äus dem ungarischen Abgeordneten Hause. i. Aus dem ungarischen Abgeordnetenhause giebt es immer etwas Neues, dafür sorgen schon die antisemitischen Abgeordneten. Die gestrige Sitzung, in welcher das Budget des Ministers für Ackerbau, Handel uud Gewerbe zur Verhandlung kam, endete mit einer peinlichen Scene, zu der selbstverständlich ein Abgeordneter der Autisemitenpartei, und zwar der allerjüngste und unbedeutendste, Anlaß bot. Geza Rac; erörterte die Gründe des wirthschaftlichen Verfalls des Landes und kam, wie vorauszusehen war, zu dem Schluffe, daß es die Juden seien, denen die Landwirthe diese Kalamität zu verdanken haben. Diese Anschuldigung, au die sich das Haus nachgerade gewöhnt hat. würde mit der ihr gebührenden Heiterkeit ausgenommen worden sein, wenn der junge Mensch nicht einen Angriff aus die Person Moritz Wahrmann's, der seit sechszehn Jahren Referent des Finanzausschusses ist,! gewagt, wenn er nicht einen Mann verunglimpft hätte, der in jedem Parlament zu den Capacitäten ersten Ranges zählen würde. Hier der Bericht: I) Vgl. Jahrg. 1840 Ar 18, 20. 1844 Nr. 22, 25. 30, 32.