Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 5 (27.1.1885)
- Date
- 1885-01-27
- Page
- Seite 69 (sequence 5)
- Language
- German
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feindselige Land zu verlassen. Es trugen deshalb aufgeklärte Männer wiederholt bei dem Storthing ans die Beseitigung; dieses Verfassungsartikels an und es wurden auch vom Festlande aus desfallsige Borstellungen an diese gesetzgebende Versammlung gerichtet. Die Norweger waren aber von so großer Angst beherrscht, ihr Land von Katholiken und Fuden überschwemmt zu sehen, daß diese Anträge immer wieder verworfen wurden. Erst eine spätere starke Erschütterung konnte diesen Schandfleck von der norwegischen Verfassung entfernen und die Norweger von heute wiffen, daß die Bcsingniß ihrer Väter eine sehr eitle gewesen, denn es giebt auch gegenwär-! tig noch in Norwegen nur eine höchst geringe Zahl von Inj den und Katholiken. — Aber seit der Thronbesteigung Friedrich Wilhelm IV. (1840) trat auch aus unserem Gebiete Preußen in den Vordergrund. Tie bis dahin niedergehaltene Bewegung der Geister machte sich seit dem Thronwechsel ungleich sühlbarer, da die allgemeine Hoffnung von dem neuen, als geistreich und wohlwollend bekannten Monarchen mehr Freiheit und mehr Berücksichtigung deffen, was die neuere Zeit bedürfe und wünsche, erwartete. Jndcß dies war es weniger, was die Juden erregte, als vielmehr Gerüchte, die über eine eigcnthümliche Ausfassung der sogenannten Judensrage seitens des Königs umliefen. Diese Gerüchte bekamen aber einen sicheren Ausdruck durch ein Ministerialreskript vom 5. Mai 1842, in welchem, wenn auch in sehr vagen Ausdrücken, die Absichten des Königs dahin desinirt wurden, das; gewisse Beschränkungen aufgehoben, die Juden hingegen von allen Aemtern und Berufen, die irgend einen obrigkeitlichen Charakter Hütten, ausgeschlossen bleiben sollten-, ferner, daß der „christliche" Staat in voller Geltung erhalten werde, dagegen sollten die jüdischen Gemeinden zu sestgegliederten Eorporaiionen gemacht werden und eine besondere Vertretung in den Sladtverordj netcn - Versammlungen erhalten, sowie daß die Militärpflicht für die Juden aufgehoben werde, so jedoch, daß es ihnen gestattet sei, freiwillig in das Heer zu treten. Hiergegen erhoben sich die jüdischen Gemeinden in energischer Weise. Aus unsere Veranlassung wurde — zum ersten Male — von hunderten von Gemeindevorständen eine Adresse an den König gerichtet, in welcher gegen diese geplante Veränderung nachdrücklich Einspruch erhoben wurde. An der Spitze stand der Vorstand der Magdeburger Gemeinde und an diesen erfloß eine Antwort, welche in wohlwollender Weise die Gemüthcr zu beruhigen suchte, ohne gerade die bekannt gewordenen Absichten entschieden als beseitigt zu bezeichnen. So beschwichtigend nun auch diese königliche Auslassung aus die Gemüthcr der Juden wirkte; so hatte doch jenes Ministerialreskript vom 5. Mai noch eine andere Folge. Es hatte allen liberalen Anschauungen gegenüber, welche damals die öffentliche Meinung beherrschten, den „christlichen" Staat aufs bestimmteste ausgesprochen und in einem solchen die staatsbürgerliche Gleichstellung der Juden für unmöglich erklärt. Das war cs nun, was allen Gegnern der Inden eine willkommene Handhabe bot und ihrer sonstigen Geistesarmut!; zu Hülse kam. Eine Fluth von Zeitungsartikeln spielte diese Melodie in allen möglichen Variationen. Am meisten Aussehen erregte ein langer Leitartikel der „Köln. Zeitg.", die damals schon eine Hanptstelle in der deutschen Presse einnahm, aus der Feder ihres Redakteurs des Dr. H ermes, der bis dahin als Redaktcur einer „Nationalzeitnng" (Braunschwcig) und als Verfasser einer „neueren Geschichte" für freisinnig gehalten worden. Sein Haupteinwand war, daß zwar die Gleichstellung vernünftig und dem Rechte gemäß sei, im Staate jedoch könne nicht Alles nach Vernunft und Recht geregelt, sondern Vorurtheile und Leidenschaften, die einmal vorhanden, müßten berücksichtigt werden. Auch wäre die jüdische Masse sittlich ver- I wahrlost. Schreiber dieses nahm den Handschuh auf, und zwar in einem „offenen Sendschreiben" in der „Rheinischen Zeitung" und in diesem Blatte. Zweimal antwortete Herines, und zweimal erwiderten wir. Es war nicht schwer, die Widersprüche, in die er sich verwickelte, und die unsinnigen Folgerungen, die aus seinen Sätzen gezogen werden müßten, darznlegcn, zugleich aber auch Hermes aufzufordern, seine Behauptungen zu beweisen. Hermes mußte in jeder seiner Antworten die Position ausgeben, die er in dem vorigen Artikel eingenommen, und nach einer anderen Schanze sich zurückziehen, die dann abermals gestürmt und genommen ward. Als letzte Zuflucht diente ihm, was auch den heutigen Antisemiten das letzte Rettungsmittel ist: das jüdische „Nationalgefühl", welches die Juden nicht auigeben wollten. Diese gewechselten Streitschriften sind jetzt noch lesenswerrh und finden sich in Nr. 31, 34, 43 des Jahrganges 1842, wo die betreffenden "Nummernder „Köln. Ztg." angegeben sind. Hermes schied bald daraus aus der Redaktion der „Köln. Ztg." und war dann gänzlich vergessen. — Kaum war aber dieser Kämpe in den Sand gestreckt, als ein neuer, mit viel schärferen Waffen ausgerüsteter in die Arena trat: Bruno Bauer in einem längeren Artikel „Tie Judensrage" in den „Deutschen Jahrbüchern", welcher auch als Broschüre ansgegeben wurde. Br. Bauer hatte sich durch seine scharfe ncutestameniliche Kritik einen bedeutenden Ruf erworben. Vom Junghegelianismus ausgehend, war er zur Negation alles Religiösen, überhaupt, zum Pessimismus und Nihilismus gekommen. Er hatle seine außergewöhnliche Dialektik gegen das Ehristenthum verwandt und richtete sie nun auch gegen das Judenthum und gegen die Juden. Bauer hatte das Unglück, in der ganzen lebendigen Welt nur etwas Todtes zu sehen, das er mit dem Secirmesser seiner Logik zerschneiden, mit der Retorte seiner Dialektik analysiren, und die Reste dann in seine Schemata und Rubriken bringen könne. In dieser Weise setzte er stch das Bild eines versteinerten Jndenthums und mumifizirter