Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 5 (27.1.1885)
- Date
- 1885-01-27
- Page
- Seite 66 (sequence 2)
- Language
- German
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Charakter zu lenken. Es erweitert dies die Anschauungen und lehrt neue Seiten des älteren Judenthums kennen. Aus: diesem Gesichtspunkte haben wir unserer bei Hallberger erschienenen «Prachtbibel für Israeliten" eine neue vonvr.David Caffel gefertigte Uebersetzung der Apokryphen angefügt, und unter den Schriften des „Jnstitms zur Förderung der Israelitischen Literatur" die Uebertragung mehrerer Schriften von Philo veröffentlicht. Unter allen diesen Schriften nimmt aber das Buch, das den Titel „Weisheit Salomon's" führt, einen hervorragenden Platz ein, und wurde deshalb von der christlichen Kirche vielfach gewürdigt. Wir halten es deshalb für angemesien, an dieser Stelle auf diese, neunzehn Kapitel umfaffende Schrift näher einzugeheu. Der Name Salomo ist selbstverständlich nur fingirt. Man betrachte dies nicht als eine absichtliche Fälschung. Es war damals bei den Griechen ein allgemeiner Gebrauch, Schriften, denen man in den Augen des Publikums eine besondere Bedeutung beilegen und eine wirkungsvollere Autorität verschaffen wollte, irgend einen ehrwürdigen Namen des Alterthums vorzusetzen, und ihrem Inhalte hierdurch Eingang und Beachtung in höherem Maße zu gewinnen. Diesem Brauche folgten auch mehrere jüdische Schriftsteller der von uns besprochenen Periode. Das Publikum wustte wohl darum oder nahm es kritiklos hin and der anonyme Verfasser war von der Verantwortlichkeit frei. Da er hierdurch aber auch der Anerkennung und des Lohnes verlustig ging, muß man es mehr als ein persönliches Opfer, denn als eine beabsichtigte Täuschung ansehen. Für den Verfasser unserer Schrift mochte wohl auch die nicht geringe Gefahr bestimmend sein, in welche er durch die Bekämpfung der herrschenden Mächte und Meinungen gerathen konnte. Daß er nun den Namen des weisen Königs für seine Arbeit wählte, lag um so näher, da sie sich den Sprüchen Salomonis und Koheleth, für welches letztere ja auch der Name Salomo's fingirt worden, an Inhalt und Form anschließt. Ueber die Absassungszeit gehen die Meinungen sehr auseinander; indeß stimmen alle Kritiker dahin überein, daß die Schrift eine vorphilonische, also auch vorchristliche ist. Während Philo auf alle späteren Autoren dieser Literatur einen nachhaltigen Einfluß übte, zeigt unser Buch in Inhalt und Ausdruck keine Spur davon; namentlich ist es noch weit entfernt von jener Anhäufung von Epitheta und von der abstrusen Neubildung zusammengesetzter Wörter, welcher Phrlo in seiner Sprechweise einen so großen Spielraum gewährte und dadurch allzuoft schwierig, dunkel und barok erscheint. In der That bringt der Verfasser seine Reden in dichterische Form und weiß einen warmen poetischen Hauch selbst über die abstrakten Ideen auszubreiten. Wir wollen dessen ein Beispiel geben, bevor wir auf den Inhalt der Schrift eingehen. Er führt die Ungerechten (Kap. 5) redend ein und läßt sie sagen: „Also haben wir uns verirrt vom Wege der Wahrheit; das Licht der Gerechtigkeit leuchtete uns nicht, und die Sonne ging uns nicht auf!" Wir waren begriffen ganz und gar auf den Pfaden des Unrechts und Verderbens und wandelten durch unwegsame Wüsten; aber den Weg des Herrn kannten wir nicht!" „Was half uns der Uebermuth? und was brachte uns für Vortheil der Reichthum mit Hoffahrt?" „Verschwunden ist dies Alles wie ein Schatten, wie ein vorübereilendes Gerücht;" „Wie ein Schiff, das über das wogende Wasser dahin fährt, von seinem Laufe findet man keine Spur, noch seines Kieles Bahn in den Fluthen"; „Oder wie von einem Vogel, der die Luft durchfliegt, kein Merkmal seines Zuges gefunden wird: vom Schlage der Flügel gepeitscht, mit sausender Gewalt durchschnitten, wird die leichte Luft von der Bewegung der Schwingen durchzogen; doch hinterdrein findet sich kein Zeichen des Fluges in ihr"; „Oder wie, wenn ein Pfeil nach dem Ziele abgeschossen wird, die zertheilte Luft alsbald wieder in sich selbst zusammensließet, daß man dessen Durchflug nicht mehr bemerket": „Also sind auch wir, nachdem wir geboren wo.den, verschwunden und haben kein Zeichen unsrer Tugend auszuweisen, sondern sind durch unsre Bosheit verschlungen worden." Der Verfasser fährt fort: „Ja, die Hoffnung der Gottlosen ist wie Spreu, vom Winde fortgeführt, und wie dünner Reif, vom Sturme vertrieben, und wie Rauch vom Winde zerstreut wird und wie das Andenken an den eintägigen Gast vergeht. Die Gerechten aber leben ewig, ihr Lohn ist im Herrn und die Sorge für sie beim Höchsten." — Schon aus diesem Beispiele wird man ersehen, daß der Verf. sich an die biblischen Ideen und die biblische Ausdrucksweise anschließt, wenn auch ohne die Schrift zu citiren, daß er aber doch mit seinem dichterischen Geiste darüber webt. — Der Inhalt des Buches wendet sich gegen den Unglauben, gegen das Heidenthum, gegen die ungerechten Gewalthaber und Herrscher und die sittliche Entartung, namentlich die Unzucht. Er feiert und lehrt die Weisheit, deren erste Quelle die Gottgläubigkeit und Gottesfurcht, deren erster Ausfluß die Gerechtigkeit ist. So allgemein gültig seine Gedanken sind, so stehen sie doch auf dem Hintergründe bestimmter Beziehungen. Wie er an manchen Stellen verräth, versteht er unter den leidenden Gerechten die damals schon in Aegypten hart bedrängten und verfolgten Juden und ihre Verfolger : unter den ungerechten Mächtigen. Insofern wohnt der Schrift j auch eine polemische Tendenz gegen die Apione seiner Zeit! und eine apologetische für das Judenthum inne. So reiht sich j das Buch der „Weisheit Salomo's" dem nachbiblischen Schrift-