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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-01-20 · Heft 4 (20.1.1885) · p. Seite 62

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 4 (20.1.1885)
Date
1885-01-20
Page
Seite 62 (sequence 14)
Language
German
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62 Er, der Sieger über so viele Völker, der auch den Tempel Zions zertrümmert und die Juden in die Verbannung geführt, von dem es (Daniel 4, 19) heißt: „König, der du groß und mächtig bist, und deine Größe reichet an den Himmel und deine Gewalt bis an das Ende der Erde", den (V. 29) „stieß man von den Menschen aus, seine Wohnung war bei dem Gethier des Feldes und Kraut gleich Stieren ließ man ihn essen." Es hatte ihn nämlich der — öfters vorkommende — Wahnsinn befallen, sich für ein grasfreffendes Thier zu halten, und eine Zeit lang derartig zu leben. Man weiß, daß schon die Griechen eine solche Krankheit kannten, in der Menschen sich für Hunde oder Wölfe hielten, wie auch in Hinterindien Fälle von Tigerwuth bei Menschen Vorkommen. Dieser Wahnsinn, der den großen Herrscher tief unter alle Menschen erniedrigte, hielt an, bis „sein Verstand zurückkehrte", und er erkannte, „daß der Höchste schaltet über die Herrschaft der Menschen, und wem er will, sie giebet." Ein eigenthümlicher Zug ist es, daß in der h. Schrift selbst über das so hochgestellte Prophetenthum ironifirt wird, namentlich über die Weissagungen, die gar nicht zur eigentlichen Aufgabe des Propheten gehörten, welche vielmehr in den Reden an das Volk, der belehrenden, mahnenden und strafenden, bestand. Auf solcher Ironie beruht das ganze vorzügliche „Volksbuch" Jonah*), es ist von ironischen Andeutungen voll, und schließt mit der feinen Ironie, da der Prophet sich um des verdorrten Kikajons willen den Tod wünscht: „Du hast Mitleid um das Kikajon, um das du dich nicht gemüht, und das du nicht großgezogen, das in Einer Nacht ward und in Einer Nacht schwand: und ich sollte nicht Mitleid haben um Niniveh, die große Stadt, darin mehr als 12 Miriaden Menschen, die rechts und links nicht zu unterscheiden wissen (Kinder) und viele Thiere?" Aber auch schon in der Thora wird Bileam, der doch „Gesichte Gottes" hat, ironisirt, daß sein Esel etwas gewahrt, was er nicht schaut; daß er seine Rede beginnt (4. Mos. 24 3): „Es spricht Bileam, der Sohn Beor's, es spricht der Mann von offnem Blick, es spricht, der Reden Gottes hört. Gesichte des Allmächtigen sieht, dahin gestreckt, enthüllter Augen", und dann doch Worte des Segens sprechen muß, die ihm gar nicht eigen, die er so gern in Worte des Fluchs gewandelt hätte. So sind noch viele ironische Wendungen durch die Bibel zerstreut. Wo ist eine sinnigere Ironie, als in der berühmten Parabel Jotam's, als die Schechemiten den räuberischen und blutbefleckten Abimelech zu ihrem Könige gemacht, da er diesen unter allen Bäumen des Waldes mit dem Stechdorn vergleicht, von dem Feuer ausgeht, das die Cedern des Libanon verzehrt. Und wie voll ist die Geschichte Simsons von Ironien auf die Tapferkeit der Philister, von welchen Simson mit einem „Eselskinnbacken" 3000 erschlägt, und auf Simson selbst, deffen Stärke in seinem Haare beruht, und der dies Geheimniß, obwohl zweimal gewarnt, einem tückischen Weibe verräth. vermischtes. Ludwig Xviil. und General Wolf. Der Generallieutenant Wolf glaubte, sich die Gunst des! Königs zu erwerben, wenn er zum Katholicismus übertrete. Er hatte sich jedoch sehr geirrt. An dem Sonntage, der auf seinen geräuschvollen Übertritt folgte, begab sich General Wolf nach den Tuillerien, um dem Könige der Gewohnheit > gemäß seine Huldigungen darzubringen. Ganz gegen den j Brauch mußte er stundenlang warten, bevor er in das königliche Cabinet eintreten durste. Endlich vorgelaffen, bemerkte er ehrfurchtsvoll, daß er lange Zeit im Borzimmer habe verweilen müssen. Da antwortete Ludwig XVin mit strengem Tone: „Ich weiß es sehr wohl, und es war meine Absicht, daß ich Sie warten ließ, um Ihnen meine Unzufriedenheit zu erkennen zu geben. Ich war stolz darauf, unter meinen Generälen einen Israeliten zu haben, und gerade deshalb habe ich Sie in meine Gegenwart zugelassen und Ihnen meiner Gunst bethätigt. An christlichen Generälen fehlt es mir nicht!" Und mit einer unwilligen Geberde verabschiedete der König Wolf, der von da ab in Ungnade gefallen war. Furcht vor Gebetriemen. Ein Eisenbahnattentat aus dem Kurierzuge wurde, der „Franks. Z." zufolge, dieser Tage dem Stationsvorsteher in Morgenroth (Ober-Schlesien) gemeldet. In einer Abtheilung eines Wagens befand sich ein polnischer Jude und ein junger Mann. Während der Fahrt zog der Jude einige Gegenstände aus den Taschen, die zur Verrichtung von Gebeten nothwendig sind, darunter auch einen Gebetriemen. Mit ängstlichen Blicken verfolgte der junge Mann die Bewegungen seines Reisegefährten, öffnete dann plötzlich die Wagenthüre und sprang aus dem in voller Fahrt befindlichen Zuge heraus. Als der Zug in Morgenroth ankam, war bereits telegraphisch die Durchsuchung des Wagens angeordnet. Diese fand statt und der arme jüdische Mitreisende, dem das Herausspringen einen kleinen Schreck verursacht haben mochte, wurde unter dem Verdachte eines beabsichtigten Attentats ins Verhör genommen. Indessen war auch eine zweite Depesche mit der Nachricht eingegangen, daß der Herausgesprungene außer einigen Quetschungen keinen Schaden erlitten hatte. *) S. unsere Einleitung zu diesem Buche.

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