Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 4 (20.1.1885)
- Date
- 1885-01-20
- Page
- Seite 53 (sequence 5)
- Language
- German
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* 53 Literarischer Wochenbericht. Essen, 31. Dezember. Lobiratd Jakob, Gesänge für den israelitischen Gottesdienst für Solo und Chor mit und ohne Orgelbegleitung componirt von Jakob Bachmann, Obercantor der israelitischen Cultusgemeinde in Odessa (Moskau, P. Jurgenson). Man kann der heutigen Cantorenschaft den Vorwurf der Unproductivität gerade nicht machen. Das beweisen die jährlich auf den musikalischen Büchermarkt kommenden Werke und Werkchen. Was Wunder, wenn neben dem Weizen auch Spreu istMein Freund hatte ganz Recht, als er mir neulich scherzhaft sagte, der sei heutzutage gar kein rechter Cantor, der nichts componirt. Wäre das vorliegende Werk gewöhnlichen Schlages, ich Hütte keinen Federstrich seinetwegen gethan; aber es ist ein Werk, das sich eminente Achtung zu verschaffen weiß. Die Anlage, der Bau find hochbedeutend, und ich stehe keinen Augenblick an, das selbe neben Sulzer's erhabenen Schir Zion und Lewandowski's lieblichen, herzgewinnenden Todah w'simrah zu stellen. Denn in demselben paaren sich Gewaltigkeit und urwüchsiger Me lodienfluß. Wie kühn sind manche Modulationen! Trotzdem ist die Stimmführung eine prachtvolle. Auch ist zum Inhalt des Textes die Melodie in der entsprechenden charakteristischen Tonart im Allgemeinen gut getroffen. Denn wenn ich z. B. ein rauschendes, jubelndes Hallelujah componiren würde, so dächte ich zuerst an O-dur und nicht an das die Empfindungen der Bangigkeit, der Schwermuth ausdrückende Esmoll oder an das die stille Weiblichkeit, Lieblichkeit und Zärtlichkeit charakterisirende B-dur. Aber von vornherein muß ich bemerken, daß es nur für große leistungsfähige Chöre geschrieben ist. Kleinere gemischte Chöre, wie wir sie leider des lieben nervus rerum halber haben, diese freiwilligen Milizen, die dem Dirigenten das Leben sauer machen, sollen die Hand davon lassen.*) Wenn nun das Schopenhauer'sche Wort: „der Stil ist die Physiognomie des Geistes. Sie ist untrüglicher als die des Leibes. Fremden Stil nachahmen, heißt eine Maske tragen" wahr ist, so verdienen des Autors Compositionsfähigkeiten ins hellste Licht gestellt zu werden. Obige Einleitung bedingt demnach ein näheres Eingehen auf das Werk selbst. Es zerfällt in 3 Theile: Gesänge für im b/2-Takt ist. Im boi w'scholom, vom 3. Takt im Baß ab, sieht man förmlich das Entgegengehen der Sabbathbraut durch das Auf- und Niedersteigen in der Tonfolge. Vom 9. Takt ab wird das Baß-Solo vom Alt im Chorsatz wiederholt, so 6 Takte lang. Der Schluß drückt mit der doppelten Aufforderung wohl die Freude über das Herannahen der Braut aus. Er schließt mit dem Dominantseptimenaccord, um attaeea zum Reftain zu gelangen. — Nr. 2 u. 3 bringen wieder je ein L'choh dodi in E-dnr. Hieraus ist namentlich im erster» das Andantino in F-moll und das Hissorari in den Triolenfigurationen packend, und sehr schön die Steigerung im „Aufblicken" der anije ammi. --- Nr. 4—7 enthalten die Sabbathpsalmen in 6-äur, aus denen ich das Ki hinneh aujwecho für Sopran, Alt, Baß und Cantor (im Tenorstimmenumfang) hervorhebe. Die letzten 8 Takte erfordern einen Doppelchor. — Das Maariw, Nr. 8—30, beginnt mit einem wirkungsvollen 7-stimmigen Borchu. Das W'schomru (Nr. 18) gehört zu den schönsten Nummern. Im Beginn desselben hat der Alt auf „w'schomru" gleichsam das Leitmotiv — wie sich die neueste Musik ausdrückt —, das der Baß zum Schluß auf „schowaß wajinofasch" wieder aufnimmt. — Das W'schomru, Nr. 19, ist ebenfalls recht ansprechend. In der darauffolgenden Nummer hat der Cantor Gelegenheit, seine Coloratursertigkeit zu zeigen. — Gar wunderschön ist der Kaddisch, Nr. 21, in A-moll für Cantor und Chor, der im Mittelsatz Andante religio sc» 6-stimmig wird. Ich gebe ihm den Vorzug vor seinem Nachfolger, Nr. 22. — Nr. 25 u. 26 enthalten je ein Mögen owoß. In dem er stern derselben will ich das reizende Stimmengewebe in dem frischklingenden E-dur-Satze, und im andern die Aufnahme des Leitmotivs von seiten des Baß-Solos im Largo-Satze auf „El hahodooß" rc. nicht unerwähnt lassen. — Nr. 27 und 28 sind für den Cantor — abgesehen von den Responsen — geschrieben. Der Abendgottesdienst schließt mit zwei Adon olom. — Der Morgengottesdienst beginnt leider erst mit der K'duschoh für Schachariß, zweimal. Beide sind von ungewöhnlicher Schönheit. Die zweite besonders ist ein wahres Kabinetstückchen, wozu die Verzierungen der 32tel im Tenor I. des Männerchors (S. 41) und das bunte Stimmengewebe in der zweiten Hälfte des Andante das Ihrige bei- I. Sabbath, El. Scholosch regolim, III. Jomim noroim und — Nr. 36—41 zeichnen sich durch interessante Anhang. Es beginnt mit einem imposanten L'choh dodi in 6t-dur, der von großer Wirkung im unisono des Moderato-Satzes Modulationen und schöne Stimmführung aus. — Daß der Componist in der Kunst des Contrapunktes heimisch ist, beweist das meisterhafte „Amen", Nr. 42. — Die Neumondsweihe führen uns die Nrn. 43—46 sehr ansprechend vor und ist daraus besonders die Fuge Nr. 46 hervorhebenswerth. *) Weit leichter hat es ein Dirigent, der bezahlte Choristen commandirt und nicht auf die Gnade und Barmherzigkeit der oft sich selbst überschätzenden Sänger angewiesen ist. Da wird die Einstudi-! Der Raum in diesem Blatte legt mir Beschränkung auf, sorung und Aufführung der Gelänge rhm zur Freude und der ver-! . , , . . , . sammelten Gemeinde zum Genuß. Diese Erfahrungen waren mit: daß rch nur noch die Kduschoh für Mußaph rn A-dur und ein wesentlicher Factor, der mich aus dem Saulus des absoluten l jjjg fn B-dur hier nenne, von welchen jede der beiden viel " ' P-»-"s d°- ©emeinbegejangeä g-m-cht. w -2 JL künstlichen Chorgesanges zum hat. G. j des Schönen aufweist, und ich nicht weiß, welcher ich den