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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-01-20 · Heft 4 (20.1.1885) · p. Seite 52

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 4 (20.1.1885)
Date
1885-01-20
Page
Seite 52 (sequence 4)
Language
German
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52 tritt ermahnte. Allerdings war letzteres erst der Schluß, nachdem er selbst mit gutem Beispiel vorangegangen, früher ultraliberal in das reaktionäre Lager über- und in den Polizeidienst eingetreten war. Diese Kundgebungen des Joel Jacoby regten die Juden mehr auf, als die wahrscheinlich spärlichen christlichen Leser. Die Art und Weise, wie er die Orthodoxen und die Neuerungen zugeneigten Juden gegen einander hetzte und in diesem Zwiespalt den Verfall des Judenthums proklamirie, war ein zu greller Berrath an der Religion, um nicht die Gemüther zu beunruhigen. Es war uns nun gegeben, diesen Demonstrationen gegenüber die uns wohl bekannte Persönlichkeit des falschen und faden Sängers bloszustellen*), und dies gelang uns so sehr, daß von ihm bald nicht mehr die Rede war, außer wenn er später als Polizeirath und geheimer Censor die Oberfläche der Oeffentlichkeit berührte. Für seine eigene Person hatte er seine schmutzigen Zwecke erreicht. Ein viel schwererer Kampf stand aber im Jahre 1840 bevor. Wir meinen den berüchtigten Vorgang in Damaskus. Daselbst war am 9. Februar ein Mönch Thommaso mit seinem Bedienten verschwunden, und alsbald verbreitete sich das Gerücht, die Juden hätten ihn getödtet, um seines Blutes für die Osterkuchen sich zu bedienen. Das war nun an sich keine neue Erfindung; aber Nebenumstände gaben der Sache eine Bedeutung weittragendster Art. Seit mehr als einem Jahrhundert war diese mittelalterliche Mähre nicht wieder aufgewärmt worden, und gerade im Oriente tauchte sie hier zum ersten Male auf. Sie nahm aber sofort den vollen mittelalterlichen Charakter an, denn man verhaftete alsbald die Rabbinen und die angesehensten Juden der Stadt, unterzog sie den grausamsten Martern und brachte sie durch die Folter zu einem Geständniß. Die ganze Jntrigue stand unter der Leitung des französischen Consuls. In Rhodus und Smyrna erhob sich der griechische Pöbel und warf sich mit Mißhandlung und Plünderung auf die Juden. Dies war aber noch nicht genug. Das Schmählichste war, daß die sämmtlichen französischen und deutschen Zeitungen, mit Ausnahme des Journal des Debats und der Preußischen Staatszeitung, den böswilligen Arttkel des Semaphore de Marseille, der die vollständige Anklage gegen die Juden und hiermit gegen das Judenthum enthielt, getteulich Wiedergaben und nicht den geringsten Zweifel an der schmählichen Behauptung des inspirirten französischen Blattes äußerten. Selbst diejenigen Zeitblätter, welche einerseits den Liberalismus, andererseits die Wissenschaft und Gelehrsamkeit vertraten, nahmen die Miene an, als ob sie an der Thatsächlichkeit eines solchen Verbrechens aus cultuellen Gründen garnicht zweifelten, als ob hundert - geschichtlich aufgedeckte derariige Fälle und die Gutachten wissenschaftlicher Corporattonen, wie z. B. der juristischen Fakultät von Leipzig vom Jahre 1714, gar nicht existirten. Es war dies eine sehr bettübende Erscheinung, und wir hoben unseren ersten Arttkel über diese Angelegenheit mit den Worten an: „Europa hat den Bekennern der israelitischen Religion nie eine Thräne erspart!" (s. Nr. 19. des Jahrganges 1840). Je allgemeiner also die Anschuldigung erhoben wurde, desto eifriger erließen sofort die bedeutendsten jüdischen Autoritäten von Smyrna bis London und Leipzig die nachdrücklichsten Proteste. Diese waren allerdings für die öffentliche Meinung in Europa von Erfolg. Aber im Oriente liefen die Dinge in ttaurigster Weise fori. Unter dem französischen Einflüsse, namentlich des damaligen Staatsministers Thiers, den selbstverständlich polittsche Zwecke leiteten, ließ der damalige Beherrscher von Syrien, der Vicekönig von Egypten Mehmed Ali, die Juden im Gefängniß schmachten und der Berurtheilung gewärtig sein. Da entschlossen sich Sir Moses Montefiore in Begleitung des Dr. Löwe, ferner Adolphe Cremieux und Salomon Munk nach Damaskus und Kairo zu gehen, die Jnttiguen zu entlarven und Gerechttgkeit für die unschuldig Leidenden zu fordern und zu erlangen. Namentlich durch die Fürsorge und Wachsamkeit des des Arabischen tiefkundigen Munk wurde es vereitelt, daß Mehmed Ali nur eine „Begnadigung" aussprach, womit ver schlaue Orientale sich aus der Affaire zu ziehen suchte, und vielmehr nach sorgfältiger Untersuchung die völlige Unschuld der Juden anerkannte und in einem Regierungserlaß die ungerechte Behandlung, die ihnen wiederfahren war, beklagte. Hiermit war die Sache beendigt, jedoch nur auf der Oberfläche; denn seit diesem Vorgänge war die abscheuliche Fabel wieder in das Bewußtsein der Menschen gekommen und die Feinde des Judenthums zettelten bald hier, bald dort eine ähnliche Geschichte an, so oft auch die Thatsachen und die gerichtlichen Urtheile die Lügenhaftigkeit und Bosheit entlarvten. So zieht sich dies durch die ganze seitdem verflossene Zeit wie ein blutrother Faden hindurch, bis in unseren Tagen die Prozesse in Kuttais und Tißa-Eßlar erwiesen, daß die Zeiten der Barbarei und deren Werkzeuge noch lange nicht vorüber sind. Bewiesen doch bei dem letzteren Prozesse viele europäische Zeitungen, daß sie noch heute von tendenziöser Einseitigkeit nicht fern sind und stellten sich, als ob doch immerhin ein solcher kannibalischer Brauch bei fanatischen Juden möglich wäre. Voruriheil und Haß sind eben niemals ganz von der Wahrheit zu überzeugen, selbst wenn diese sonnenklar ist 3) Siehe Beiblatt Nr. 1, 2, Hauptblatt Nr. 12 des Jahrgangs! £38 und unsere Broschüre: „Tie Juden und ihre Denunzianten". >

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