Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 4 (20.1.1885)
- Date
- 1885-01-20
- Page
- Seite 51 (sequence 3)
- Language
- German
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51 den Verstand und die von diesem geübte Kritik beherrscht werden, so war es folgerichtig, daß sich die frühere Naivität des Glaubens in eine durch den Verstand gebildete und festgestaltete Ueberzeugung verwandelte. Erst von hier aus verband sich in der Seele die Verstandesthätigkeit wieder mit dem Herzen, mit dem Gefühl und der Empfindung, um ein neugestaltetes religiöses Leben, so gänzlich verschieden vom früheren, herzustellen. Hier war es auch, wo das Judenthum von Neuem die Hebel ansetzte. Durch die Einfachheit und Berstandesgemäßheit seiner Lehren, die zugleich den natürlichen Gefühlen der menschlichen Seele entsprechen, war es geeignet, auch den gebildeteren Geist zu erfasien, die Seele mit Wärme zu durchströmen und seine Bekenner an sich zu fesieln. Hierzu gesellte sich der neu erwachte geschichtliche Sinn, welcher die große Vergangenheit des Judenthums, so wie die unerschütterliche Ueberzeugungstreue der jüdischen Geschlechter und die in diesen Geschicken sich offenbarende Mission der jüdischen Religionsgenoffenschaft als ein Werk der göttlichen Weltordnung klar aufdeckte und zum vollen Bewußtsein brachte. Hierdurch wurde das Judenthum auch in seiner neuen Richtung und Gestaltung auf den festen- Boden einer ununterbrochenen vieltausendjährigen Ueberlieferung und Entwickelung gestellt, ^ind wie es von innen und von außen gedrängt war, seinen Gedanken- und Lehrinhalt durchzuarbeiten und in allen Phasen, die es durchwandelt hat, festzustellen, gewinnt es für denselben die Sicherheit der geschichtlichen Entwickelung als ein menschengeschlechtliches Produkt. In dieser Weise ist es für die Zukunft neu gesichert, und so groß auch die in der Zeit der größten Erfindungen, Entdeckungen und des mannigfaltigsten Auffchwunges auf allen Gebieten des manschlichen Lebens rasch vor sich gegangenen Umwandlung gewesen: die neu erwachte geistige Energie im Judenthume ist die Bürgschaft für die kommenden Zeiten und Geschlechter, wenn auch aus diesem merkwürdigen Prozeffe mancherlei Uebelstände uud Verluste hervorgehen mußten. Rückblick auf die Kämpfe -es letzten halben Iahrhnu-erts. n. Alle diese Verhandlungen, Gesetzentwürfe und Gesetze — zu welchen sich bald auch Debatten im englischen Unterhause, in den nordjütländischen Provinzialständen und abermals in den badischen Kammern gesellten, enthielten implicite die wirkliche Emancipation, indem sie selbst sich für „einen Fortschritt zur endlichen Befreiung" erklärten. Sie waren also immerhin bedeutsame Erfolge. Folgerichtig regten sie deshalb eine ganze Schaar Gegner auf und es regnete Brochüren und Zeitungsartikel, welche mehr oder weniger heftig gegen die Juden, die ihnen eingeräumten Rechte und die in Aussicht genommene Gleichstellung polemisirten. Aus der Menge heben wir drei hervor, weil sie den meisten Lärm erregten und von unserer Seite nachdrücklich bekämpft wurden. Ein protestantischer Prediger, vr. Ludwig Fischer in Leipzig stellte aus den Schriften Luthers, der früher sich sehr freundlich über die Juden ausgelaffen, aber als er sah, daß sie sich nicht zu seinem Lutherthum bekehren wollten, in maßloser Heftigkeit gegen sie lospolterte, alle diese feindseligen Stellen zusammen und gab sie unter dem Titel: Martin Luther von den Juden und ihren Lügen" heraus, natürlich mit weitschweifigen Zusätzen aus der eigenen Federt) Daß Luther sich in so roher Weise gegen die Juden ausgesprochen und zu Mord und Brand aufgefordert hatte, war damals nur Wenigen bekannt und die Schrift machte deshalb viel Aufsehen — gerade wie in der jüngsten Zeit die Autorität des großen Reformators von antisemitischer Seite ins Feld geführt worden. Der zweite war kein anderer als Karl Gutzkow, damals der Führer des jungen Deutschlands, der Held der Liberalen. In dem von ihm redigirten „Telegraphen" erklärte der freisinnige Mann sich aus „germanischer Antipathie" gegen die Emanzipation der Juden, „solange sie nicht die Synagoge verlaffen Hütten!" Wenn diese Worte einen Sinn haben sollten, so besagten sie nichts anderes, als solange die Juden Juden blieben, sollten sie der Gleichberechtigung nicht theilhaftig werden. Es war nicht schwer, den Mann mit seinen eigenen Waffen zu schlagen.-) Aber an diesen beiden Beispielen erweist es sich, daß damals wie heute die orthodoxen wie die radikalen Feinde des Judenthums nichts Anderes im Sinne hatten, als die Vernichtung desselben. Eine Rechtsfrage, welche doch nach der Lage der Dinge hier die Hauptsache bildete, existirte für sie nicht; sie wollten nichts, als daß das Judenthum verschwinde, dann wollten sie großmüthig den früheren Bekennern desselben die gleichen bürgerlichen Rechte gewähren. Dazu bedurfte es allerdings ihrer Expectorationen nicht, denn seit den ersten Zeiten des Ehristenthums schon wurde den abtrünnigen Juden nichts vorenthalten, sogar nicht Belohnungen und Pfründe. Gutzkow sang 1838 kein anderes Lied als Eduard v. Hartmann 1884. — Doch noch eines Menschen müssen wir gedenken, obwohl er es an sich nicht verdient. Ein Jude, der weder vom Judenthume noch von anderen Dingen wirkliche Kenntniffe besaß und nichts sein nannte, als das Verlangen, ohne Mühe und Arbeit gut zu leben und Ansehen zu erwerben, ließ in drei Heften Lieder los, in welchen er mit vielem Wortgeklingel das Unglück der Juden, ihre traurigen Geschicke in Vergangenheit und Gegenwart bejammerte, ihnen ihre Religion verleiden wollte und sie schließlich zum Ueber- 1) Siehe Nr. 69, 72, 78, 79, 83 des Jahrgangs 1838. 2) Siehe Nr. 114, 117, 120, 129 des Jahrgangs 1838. 4