Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 4 (20.1.1885)
- Date
- 1885-01-20
- Page
- Seite 50 (sequence 2)
- Language
- German
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50 sich doch nur noch im populistischen Kreislauf. Nun, diese j tesfurcht, das unerschütterliche Gottvertrauen, die Gewißheit Naivität des Glaubens beherrschte die Geister noch zur Zeit der göttlichen Gerechtigkeit in Lohn und Strafe und vor unserer Kindheit und ersten Jugend. Oder giebt hierfür > Allem die Selbstbeherrschung, die allen Begierden und Leinicht ein beredtes Zeugniß jener treffliche Landesrabbiner, der: denschaften dem ausgedehnten Gesetze gegenüber Schweigen die Frage aufwars: wie ist es begreiflich, daß die Christen, auferlegte, mußten einen großen sittlichen Einfluß auf alle die so viel Großes und Gescheidtes erdenken und ausführen, daran glauben können, daß Jesus lebendig zum Himmel gefahren? und als man ihm erwiderte: Nun, Rabbi, wir glauben doch auch, daß Elija lebendig zum Himmel gefahren — antwortete: „Wie könnt Ihr das vergleichen, das ist doch wahr!" — Oder jener vorzügliche Rabbiner einer kleinen Landstadt, der, als ihm Jemand berichtete, ein jüdischer Knabe habe am Sabbath etwas gekauft und bezahlt, erwiderte: das ist nicht wahr, und als der Andere versicherte, er sei dabei gewesen und habe es gesehen, antwortete: „Ihr seid auch nicht dabei gewesen, und habt es nicht gesehen, das thut kein Juden- Bekenncr des Judenthums üben. Welch' ein anderes Bild bietet die Gegenwart! Welche Umwandlung in einem halben Jahrhundert! Von der Zeit an, wo zahlreiche Autodidakten Deutsch lesen erlernten und von da aus durch eigene Kraft in alle Wiffensfelder eindrangen, wo jüdische Jünglinge in die Klaffensäle der Gymnasien und in die Hörsäle der Universitäten eintraten, wo in großen und kleinen Städten Deutschlands jüdische Volks- und Bürgerschulen errichtet wurden, von dieser Zeit an nahm die Thätigkeit und Kraft des Verstandes den Vorrang in den Geistern ein, die Phantasie verlor an Energie, und der Nimknabe!" — Oder jener scharfsinnige Rabbiner einer deutschen bus der Autorität erblaßte. Die Philosophie hatte sich seit Residenzstaat, der von der Kanzel herab hören ließ: es Cartesius und Spinoza von der Religion losgelöst, um in gäbe ein Land, in welchem Vögel mit kupfernen Schnäbeln völliger Freiheit und Selbständigkeit ihren Weg zu verfolgen, auf den Bäumen wachsen — und als er Zweifeln begegnete. Die Naturwiffenfchaften hatten feit Baco die inductive Mediese nut dem Hinwers auf die stelle im Midrasch mederthode als die einzig richtige anerkannt und ließen nur gelten, schlug, an welcher es berichtet wird. Daß nun diese N^iwas auf diesem Wege beobachtet und erforscht ward. Hiervität des Glaubens auch von der ganzen Masse praktrich gekam nun andererseits, daß die Schranken, welche solange übr wurde, brauchen wir nicht auszusüyren: stand sie doch Zeiten die Juden vom allgemeinen Leben getrennt und in unerschütterllch und wohlgeschult unter der Herrschaft jenes ihre Ghettt eingeschloffen hatten, in den westeuropäischen talmudrschen Theorems von der Umzäunung der Thora, von Ländern immer mehr fielen, daß die Juden auf dem gewerbder Aufrechterhallung des Gesetzes durch die kleinlichsten | lichen wie auf dem bürgerlichen Gebiete alle Pfade beschritten Vorbeugungsmaßregeln, und war ihr selbst jeder Minhag,! und sich mit dem allgemeinen Culturleben amalgamirten. d. i. jeder örtliche Brauch gleichwerthig mit dem Gesetze der Wurden hierdurch die Anschauungen auch in der Masse meist Thora. — Wir wollen hier nicht untersuchen, ob und rnwieunbewußt gänzlich verändert, so übten auch die neuen Verwert diese Naivität des Glaubens auch in älteren Zeiten! Haltnisse oft eine zwingende Gewalt auf die Lebensweise und vorherrschend gewesen? Die Existenz der Sadduzäer und die Sitten aus, und das Beispiel wirtte namentlich in der später der Karäer erweist, daß nach dem babylonischen Exil, Jugend rasch umwandelnd ein. Die bald fühlbare erste nach der großen Synode und während der Entwickelungszeit Folge aller dieser Einflüsse war. daß vor dem Andrange der tradttronellen Gesetzauslegung nicht alle Geister von dem! aller dieser neuen Interessen die Religion aufhörte, das naiven Glauben gefangen gehalten wurden; Notizen im Tal-! Hauptelement des geistigen Lebens zu sein, daß in den Jnmud und die Ausstellung der bekannten Grundsätze über die1 dividuen so viele neue Momente der Aufmerksamkeit und Göttlichkeit der Thora in ihrem gesammten Umfang und! der Thätigkeit Platz griffen, daß das religiöse Leben theoreüber die Auferstehung der Tobten im Talmud erweisen das-! tisch und praktisch zurückgedrängt wurde. Dasselbe concenselbe. Niemand wird verkennen, daß in dieser Glaubens-! trirte sich vielmehr auf einzelne Zeiten des Jahres und auf Naivität eine große Beschränktheit der Intelligenz enthalten die großen Ereignisse des Lebens. Noch mehr. Die Reli-> ist. Wo jede Prüfung durch den Verstand, wo jede Untergion verlor in den Gemüthern an Jntensivität; sie beherrschte suchung und jedes Urtheil der Kritik von vornherein ausge-. nicht mehr vorzugsweise die Empfindungswelt, das religiöse schlossen ist und der unbedingte Glaube und Gehorsam als Bedürfniß nahm ab, in Vielen erstarb es gänzlich. Aber allein gültrges Motiv, als alleiniger seelischer Faktor festgehalten wird: da ist die Intelligenz von selbst außer Uebung gesetzt, und höchstens der Scharfsinn innerhalb des Gegebenen thätig. Dennoch müssen wir ebenso bereitwillig anerkennen, daß als Hauptmoment müssen wir hier betrachten, daß mit der Entwickelung des Verstandes die Religion aus dem Glauben zu einer Ueberzeugung ward. Wenn einerseits das Hauptinteresse an der Religion in unserer Zeit in dem Kampf der in jener Glaubensnaivität ein schwerwiegendes, sittliches Mo- Religionen und Confessionen unter einander besteht; wenn ment lag. Die intensiveste Gottgläubigkeil, die kindliche Got-1 andererseits alle Vorgänge in den jetzigen Menschen durch