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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-01-20 · Heft 4 (20.1.1885) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 4 (20.1.1885)
Date
1885-01-20
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Allgemeine Zeitung -es Zudenthums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Leitung erscheint wöchentlich. > Preis vierteljährig 3 Mar!. Abonne-1 ment in Deutschland (Postzeitungsliste I Nr. HI) und Oesterreich bei allen Post-1 | önttent, außerdem durch den Buchhandel. Herausgegeben von Rabbiner vr. Ludwig Philippson in Bonn. KXpeöitrorr: Leipzig, Woßplerh 18. In redactionellen Angelegenheiten I wende man sich an Dr.2. Phklippson inl iBorrn direct, in allen übrigen au diel I Berlaashandlung. Beilagen (Gebührl s l2 M.) sind gleichfalls an letztere ein-| zusenden. 49. Jahrgang. Leipzig, den 20. Januar 1885. 4. Inhall. Leitende Artikel: Skizzen über das Ehemals und Jetzt im Judenthume. HL — Rückblick auf die Kämpfe des letzten halben Jahrhunderts. H. — Literarischer Wochenbericht.— Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin. Hannover. Bielefeld. — Frankreich: Paris. — Rumänien: Bukarest. — Rußland: Odessa.— Großbritannien: London. — Feuilleton: lieber die Ironie in der Bibel.— Vermischtes. SLcitevCDc öz-ti&cf’. Bonn, den 14. Januar. Skizzen über -as Ehemals und Jetzt im Zudenthnme in. Die Verfolgungen hatten aufgehört: die Beschränkungen waren geblieben; die Juden hatten jene vergessen und wußten diese zu ertragen. Sie erfreuten sich der Sicherheit des Lebens und des Eigenthums, die ihnen seit mehr als einem Jahrhundert geworden: und wenn ihnen der Druck, der auf ihnen lastete, und der Spott, der sie zu ihrer Zielscheibe machte, recht fühlbar wurde, so trösteten sie sich mit dem Gedanken: wir find nun einmal im Golus, d. i. in der Verbannung, in der Unfreiheit. Hierzu gesellte sich die Einfachheit des gewerblichen Lebens, das sich nur in längst ausgetretenen Geleisen bewegte. Bei dem äußerst geringen Erwerbskreise, der den Juden gestattet war, und welcher hauptsächlich in dem Vertriebe englischer Waaren bestand, die, da die deutsche Industrie noch völlig unentwickelt war, einen großen Absatz hatten, gab es für die Juden nur einen Großhandel auf den Messen, ein Ladengeschäft und den Hausirhandel. So war der Reichthum unter den Juden nur selten, die Mittelklasse nicht sehr zahlreich und die große Masse war arm. Aber die Mäßigkeit, die Sparsamkeit und die Gewöhnung an Entbehrungen, Tugenden, welche an den Juden sowohl durch ihre geschichtlichen Verhältnisse, als auch durch die streng beobachteten Satzungen großgezogen waren, dann der damalige Mangel an allem Luxus in der Lebensweise und an jener übertriebenen Genußsucht, welche die heutige Menschheit plagt, machten ihnen auch diese Verhältnisse erträglich. Am meisten förderte sie in dieser Ruhe und Sicherheit und hielt jede Verwirrung und die Stürme des Lebens von ihnen ab, die feste Regel, die bestimmte Lebensnorm, mit welcher das talmudisch-rabbinische Gesetz ihr Dasein umschrieben hatte, und ihrem Thun und Lassen in allen Lagen den einzigen Weg vorschrieb, den sie zu beschreiten und zurückzulegen hatten. Unter allen diesen Umständen war unter ihnen in zahllosen Individuen jene Herzenscinfalt heimisch geworden, von welcher wir im vorigen Artikel gesprochen, jene Naivität des Gemüthes, welche Tiefe und Zartheit der Empfindung innerhalb des Hauses und des kleinen umgebenden Kreises umfaßte und bethätigte. Aber mit dieser war noch eine andere Eigenthümlichkeit verbunden, welche fast noch mehr und nicht bloß die Zeit, von der wir sprechen, sondern viele der vorangegangenen Jahrhunderte charakteristisch auszeichnete: die Naivität des Glaubens, die unbedingte Hingabe an alles autoritativ Ueberlieferte. Hiervon hatten Alle ihren vollen Antheil, die Rabbinen und Gelehrten wie die Laien und Unwissenden, die Reichen wie die Armen, die Jugend wie die Greise, die Frauen wie die Männer. Nur höchst selten wohl fand sich eine Ausnahme, und diese wurde von Allen verabscheut. Religionsphilosophie und Poesie waren längst erloschen. Wer z. B. die vielen Schriften Menasseben-Jsraels (1604—1657) liest, erkennt, wie sehr schon damals Religionsphilosophie und Exegese verblaßt waren, und dies mehrte sich noch in dem darauf folgenden Jahrhundert. ,Das Studium des Gesetzes wurde eifrig fortgesetzt, bewegte 4

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