Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 3 (13.1.1885)
- Date
- 1885-01-13
- Page
- Seite 46 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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46 ebenso sehr auch der veränderte Charakter der Wohnung, die' Abneigung der Wirthsleute gegen derartige Vereinigungen, und vor Allem der Charakter des Kurorts, der durch seine ausgedehnten Raumverhältnifse und die damit verbundenen Erschwerungen des geselligen Verkehrs der Bildung einer Gemeinschaft zu heiligen Hebungen hinderlich ist, gleichzeitig aber auch durch Synagoge und geeignete öffentliche Andachtsmittel dieselbe unnöthig macht. Dvittev Errief. Am ersten Tage nach meiner Ankunst im Kurorte begab ich mich zu einem der zahlreichen Aerzte, die dort während der Saison prakticiren. Da im Vorzimmer viele Patienten anwesend waren, und ich in der Reihenfolge der Borzulaffenden weit zurück stand: so benutzte ich meine Muße, darüber nachzudenken, ob ein vielbeschäftigter, oder ein wenig gesuchter Arzt von dem Kurgast vorzuziehen wäre, der doch den Arzt zu seinem vertrauten Berather machen und dem er von seinen großen und kleinen Leiden wissentlich auch nicht eins verschweigen möchte. War doch eine erst vor wenigen Minuten entlassene Dame athemlos in unsere Mitte zurückgekehrt, weil ihr hinterher noch etwas beifiel, was sie dem Arzte mitzutheilen vergeffen hatte. Wann mag die Aermste unter den vielen Harrenden an die Reihe gekommen sein! Das Wartezimmer eines Arztes, zumal im Kurorte, flößt dem Wartenden ein eigenartiges Empfinden ein, als ob der Genius des Orts aus die Roth des Lebens hinwiese, zu deren Heilung Gott den Arzt als Werkzeug erkoren hat. Etwas von heiliger Scheu und Ahnung bewegt die Seele des Leidenden im Aufhorchen aus den Rath des Arztes, der dem Geiste und dem Körper neues Leben, neue Arbeitslust und Kraft, der Familie des Patienten Trost und Erholung zuführen soll. Glauben Sie nicht, verehrter Freund daß hierauf zum Theil die große Pflege der medicinischen Wiffenschaft und Praxis zurückzuführen sei, welche unter den Bekennern des jüdischen Glaubens in allen Jahrhunderten der Geschichte hervortritt? Noch einen zweiten Gesichtspunkt möchte ich dafür geltend machen. Die Wiffenschaft der Medicin beruht in ihrem tiefsten Grunde auf Erkenntniß der Uebereinstimmung und Einheit zwischen den Kräften der Natur und des Menschen, und dementsprechend auf der Fähigkeit, die Kräfte der Natur für das Leben und die Gesundheit des Menschen zu verwenden, — durch zweckmäßige Verbindung bestimmter Natursubstanzen mit den Organen des Menschen die letzteren in den Zustand größerer Vollkommenheit und Stärke zu versetzen. Das entspricht aber thatsächlich der Grundrichtung der jüdischen Religion, die in dem Schöpfungsgedanken, den sie ausspricht. Ein Gesetz und Einen Geist lehrt, — eine Harmonie zwischen der äußeren Welt der Erscheinungen und der inneren des Menschen. Sie machen mir den Einwurf, daß nicht allein die Medicin, sondern auch andere wiffenschastliche Erforschungen und Erkenntnisse, ja selbst die Idee der Moral, auf dem Grunde dieser von der jüdischen Religion gelehrten Uebereinstimmung und Einheit beruht. Ich gebe das bereitwilligst zu und erkläre mir daraus das wissenschaftliche Leben der Juden überhaupt *) in den Zeilen der Drangsal; nur werden sie anerkennen müssen, daß der wiffenschastliche Geist der Juden sich zumeist auf dem Gebiete der Medicin ausgeprägt hat. Wie aber immer der inneren Neigung und Anlage die Vorsehung zu Hilfe kommt: so war es im 11. Jahrhundert, — wo in Italien ein Umschwung im geistigen Leben eintrat, der im 12. Jahundert zu einer Vorrenaiffance führte und im 13. und 14. die Renaiffanceblüthe zeitigte — die orientalische Sprachkenntniß der Juden, welche diese zum Uebersetzen der medicinischen Werke des Galen, Hippokrates und Anderen aus dem Griechischen in's Syrische, Arabische, Lateinische befähigte und mit dem Geist und Wesen der Medicin in hohem Grade vertraut machte2). An der Hand solcher Betrachtungen hielt ich Umschau über das Feld medicinischcr Thätigkeit bei den Juden, unter welchen bereits in der talmudischen Zeit Samuel3), Arzt des großen Redacteurs der Mischnah, mit großem Selbstbewußtsein und Erfolge auftritt, und Andere sich auszeichnen. Maimonides ragt als Arzt hervor und hat zugleich in der medicinischen Literatur einen Namen. Seitdem giebt es keine Zeit und kein Land, in welchem die Juden nicht den ersten Rang unter den Jüngern der Medicin einnahmen. An den Höfen der Fürsten und in den Palästen der Päbste standen die jüdischen Aerzte im höchsten Ansehen und waren deren Leibärzte, und ob ihnen auch Concilien und Dekrete wiederholt die Praxis untersagten, Haß und Verfolgung den Juden insgesammt das Leben zur Last machten, dennoch wurden die jüdischen Aerzte allen anderen vorgezogen und genosten im Volke das größte Vertrauen *). Daß in unseren Tagen die jüdischen Aerzte so zahlreich sind und in Badeorten ein großes Contingent aus ihren Reihen stellen, hat seinen Grund wohl auch darin, daß die Medicin kosmopolitischer Natur rst und deren Uebung den Juden am wenigsten durch Schranken und Erschwerungen verleidet wird. Während ich mich solchen Gedanken im Vorzimmer des Arztes hingab, wurde ich zum Eintritt in den anstoßenden Saal geladen. Ich stand vor einem jüdischen Arzt, dessen Wahl ich nicht bereute. Er hörte aufmerksam meinen Mittheilungen zu, stellte eine genaue Untersuchung meines Zustandes an, gab mir wohlüberlegte Anordnungen und unter- 1) Auch Spinoza's Philosophie erhält dadurch eine besondere Beleuchtung. 2) Carmoly, Histoire des medicins juifs ancienne et moderne I, § 26 und 113. 3) B. Me-ia 85b; 107b; 113b; Sfjulin 7 b; Joma 49a. 4) Carmoly, Histoire § 100.