Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 3 (13.1.1885)
- Date
- 1885-01-13
- Page
- Seite 43 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Form von Tressen auf den Kleidern (was die „biblische Brüderschaft" sich nicht genirte, offen, vermittelst der Presse bei ihrem ersten Auftreten und das zur Zeit, als die Judenkrawalle in Süd-Rußland im vollen Gange waren, nachzusuchen), als Leute, „welche von Anfang an die Sache der „Reform" in den Schmutz gezogen, indem sie als Kanzel für ihre Predigt jene Harlekinsbuden politischer und sittlicher Taschenspielerei und judenfeindlicher Zeitungen Nowojewremjaischen Schlages wählten. . . Gegen diese Charakteristik der Resormhelden der „Brüderschaft" haben wir nichts einzuwenden, zu stark ist sie gewiß nicht, es ist nur zu bedauern, daß der „Woschod" so spät zu ihr gelangt ist. — Priluker, Gordin, Benzion und Consorten sind ja dadurch, daß die „Nowoje-Wremja" sie lobte, nicht schlimmer geworden, als sie früher waren, und warum nahm der „Woschod" für sie Partei bis zum letzten Augenblick, und warum fiel er über dieses Blatt, wie über uns, mit spezifisch „Woschod'schen" Schimpfreden her, weil wir, und zwar mit möglichster Schonung in diesen Spalten uns erlaubt haben, ihn zu mahnen, von der Propaganda der „Biblischen Brüderschaft" zu lassen. Bei dieser Gelegenheit sei mir gestattet, nach meiner authentischen Erkundigung, dem sehr hochverehrten Herrn Prof. vr. Franz Delitzsch in Leipzig zu versichern, daß er in seiner Broschüre, in welcher er die Nachricht über die „quasi- Sekte" der christlichen Welt als eine Freudenbotschaft gebracht hat, die gleich von der „Nation" in Berlin aufgefaßt wurde und die ein englischer Bischof D. in der „Times" triumphirend weiter verkündete, das Opfer einer gemeinen Lüge geworden ist, wenn man ihn hat glauben machen, daß es Herrn Josef Rabinowitz in Kischinew gelungen ist,' eine „jüdisch-nationale Gesellschaft des neuen Testaments" zu gründen, welche täglich größere Dimensionen annimmt und bereits 200 jüdische Familien zählt. In Wirklichkeit aber besteht, trotz der vielen Mühe und des Schreibens, die erwähnte Gesellschaft höchstens in der Phantasie des Herrn Josef Rabinowitz, und es ist ihm gelungen, eine jüdische Seele für seine produktiven Ideen als Anhänger zu gewinnen. — Jetzt erst -pt? ^rn rrrs „wird verstummen der Mund der Verleumder" — auf immer — das walte Gott! — Moses Feinkind. Von der russischen Grenze, im Dezember. Wie man der „Pol. Corr." aus Lemberg, 30. Dez. meldet, drängen die Gouverneure der russischen Grenzprovinzen, namentlich in Podolien und Wolhynien, im Sinne eines veralteten Ukas des Zars Nikolaus, auf Entfernung fremdländischer Juden aus dem Rayon bis zu 50 Werst von der Grenze. In Radziwillow wurden österreichische Juden, die sich im Besitze vorschriftsmäßiger Reisepässe befanden, ausgefordert, sich protokollarisch zum Verlassen ihres Wohnsitzes zu verpflichten. — Einige Blätter brachten die aphoristische Nachricht: „In Wolhynien widersetzen sich die Juden der allgemeinen Wehrpflicht." In solcher Fassung verräth sich nur eine böswillige Erfindung '. Amerika. Rew-Orleans, den 15. Dez. (Privatmitth.) In dieser sturmbewegten Zeit ist Alles von Bedeutung, was darauf hinweist, daß der Antisemitismus nicht im Stande ist, festen Fuß in einem freien Lande zu fassen. Hier nur ein eclatantes Beispiel: Vor einigen Tagen wurde Herr Isidor Neuman einstimmig zum Präsidenten der hiesigen -8toclc-Exckange“ erwählt. Am nächsten Tage enthielt der „Times-Demokrat", das bedeutendste Blatt des Südens der Bereinigten Staaten, einen Leitartikel über die Wahl, welcher folgenden Passus enthielt: „ Es ist mit wahrer Befriedigung, daß wir hier die Wahl des Herrn Isidor Neuman zum Präsidenten der 8toclc- Exchange constatiren, nicht weil derselbe ein durch und durch tüchtiger Mann ist, nicht weil Ehrlichkeit und Geradheit seinen ganzen Lebenswandel kennzeichnete — sondern weil derselbe ein Jude im Glauben ist und sich in der Ausübung desselben immer bethätigt hat. Mögen während der Weltausstellung, wo so viele Besucher von allen Welttheilen unsere Stadt betreten, dieselben hier vor allen Dingen lernen, daß wir an einem Manne schätzen und ehren, was er ist — und nicht was er glaubt." Wenn Sie in Erwägung ziehen, daß Herr Neuman ein deutscher Jude aus Kaiserslautern ist, der als „seif-made man“ sich zu dem emporgeschmungen hat, was er heute ist, wenn Sie ferner berücksichtigen, daß, mit Ausnahme von fünfen, alle Mitglieder Christen sind, Amerikaner, Franzosen und einige Deutsche, so gereicht es uns zur hohen Ehre, daß ein deutscher Jude zu einem der verantwortlichsten Posten der hiesigen Geschäftswelt erwählt wurde. — Was wohl Herr Stöcker dazu sagen wird? A. Bonn, 4. Januar. (Notizen.) Aus Pest wird uns geschrieben: Se. Majestät der König wendete dem hiesigen israelitischen Frauenverein zu Gunsten seiner Volksküche eine Spende von 100 Gulden zu. — Herr Lehrer Eckmann aus Nienburg a. W. schreibt uns: Der Landesrabbiner Dr. Salojmon Herxheimer, geboren am 23. Schewat 5561 (6. Februar 1801) in Dotzheim bei Wiesbaden, ist am 25. Tecember des eben verflossenen Jahres, fast volle 84 Jahre alt, zu Bernburg, allwo er seit 1d31 als Landesrabbiner gewirkt, nach kurzem Krankenlager verstorben. Wie sein ganzes Leben wahr, klar und sanft, so war auch sein Verscheiden ein sanftes Hinüberschlummern, und die Klarheit des Geistes 3*