Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 3 (13.1.1885)
- Date
- 1885-01-13
- Page
- Seite 34 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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u für die Eltern genug, um sich die Art und Weise der letzteren gefallen zu lassen und ihren Wünschen zu genügen; und die Alten ließen die junge Welt ihre Wege gehen, so lange sie nur nicht offenbar gegen die religiösen Satzungen ansiieß. Es lag eben in der Lust, daß das jüngere Geschlecht zu weltlicher Bildung und Gesittung herangezogen werden müsse und Niemand hat es stets besser verstanden als der Jude, sich dem Unabänderlichen zu fügen. So hatten die Alten ihr Wohlgefallen daran, wenn ihre Kinder in der ihnen unzugänglichen geistigen Sphäre Lob und Erfolg erlangten, und die jüngeren hatten Nachsicht mit dem, was ihnen an den Alten allmälig auffällig werden mußte und richteten sich nach der väterlichen Sitte, auch wenn sie in derselben schon etwas schwankend geworden. Gerade an diesen Tugenden hat die Gegenwart fühlbaren Mangel und man muß sie deshalb um so mehr an einer Zeit beloben, in welcher doch die Gegensätzlichkeit um Vieles stärker und empsindlicher hervortrat. In Einem jedoch waren sich diese Geschlechter gleich: in dem Mangel an allem politischenSinn. Wir haben im vorigen 'Artikel über den Mangel an geschichtlichem Sinn bei unfern Vorvätern gesprochen. Dieser eine Mangel wird uns aber ganz erklärlich eben aus dem änderndem Fehlen jedes politischen Sinnes. Die Juden hatten seit dem Untergänge ihres Staates, seit der Zerstreuung durch alle Länder und seit sie nur, aber unter den größten Mühseligkeiten, um die Duldung ihrer Existenz als Personen zu kämpfen hatten, jeden aktiven Antheil an der politischen Welt, an den Ereignissen uno Wandlungen derselben ausgegeden. Zurückgedrängt in einen kreinen, eng umschlossenen und doch so oft angegriffenen und bestürmten Winkel der Welt, kümmerten sie sich nicht um das, was in dieser großen Welt vor sich ging, außer wenn sie von den harten Schlägen getroffen wurden, welche auf die unterliegende Partei fielen. Sie hatten ihren schweren Antheil an den Niederlagen und Verlusten zu tragen. Die Siege mit ihrem Gewinn brachten ihnen nichts ein. Wechselten ihre Herren und Gebieter, so hatten sie selten etwas verloren oder gewonnen, so daß sie kaum der Frage einen besonderen Werth beilegen mochten, wie der neue Herrscher gegen sie gesonnen sei? Brauchten sie doch nicht allzu lange zu warten, bis es ihnen fühlbar ward. Eine Masse aber, die kernen selbstthätigen Antheil an der Politik, an deren Kämpfen und Begebenheiten, und selbst von passiver Seite nur um die Noth ihrer vielbestrittenen Existenz zu sorgen und zu ringen hat, verliert folgerichtig jeden politischen Sinn, der höchstens auf einige Zeit dann und wann durch großartige völkerumwälzende Ereignisse geweckt wird, um in den nächsten Jahren der Ruhe wieder zu entschlummern. Wenn wir das ganze jüdische Schriftthum seit dem Abschluß des Talmuds durchmustern, so werden wir höchst selten und auch dann nur dürftig Anklänge von einer Erörterung politischer Fragen finden. Selbstverständlich haben wir hier die jüdischen Persönlichkeiten auszunehmen, welche sich eine Stellung im Rathe der Fürsten, namentlich im Finanzfache, erworben hatten. Daß diese an dem Kampfe der Parteien, an der Erhebung oder dem Sturze der einen oder der anderen theilnahmen, versieht sich von selbst, und wir wollen selbst zugeben, daß mancher unscheinbare „Hofjude" seine Hand in den politischen Ränken und Geschehniffen hatte. Aber dies schwächt das Urtheil über den Mangel an allem politischen Sinne, an der Theilnahme für die Ereigniffe der Welt in der jüdischen Masie nicht ab. Und so war es noch bis zum Jahre 1830. Wer von unfern Vätern führte ein politisches Gespräch, kümmerte sich um das, was in der Nähe oder Ferne vor sich ging, wenn es nicht einen unmittelbaren Einfluß auf ihn hatte? Hierzu kam aber, daß damals, mit Ausnahme der größten Städte, das Zeitungswesen noch in der Kindheit lag. Höchstens erschien hier und da ein Blättchen, zweimal die Woche, welches einige politische Nachrichten, sonst aber Mord- und Räubergeschichten und Inserate brachte. Aber auch dieses wurde in jüdischen Familien wenig gehalten: man beschränkte sich hier auf das „Wochenblatt", welches die Verordnungen der Regierung, des Bürgermeisters nebst den Marktberichten enthielt. Wer aus der jetzigen Welt könnte sich das noch oorstellen? Jetzt, wo die Zeitungen bei zahllosen Menschen, namentlich auch bei unfern Glaubensgenoffen, fast die einzige Lektüre ausmachen, wo es die erste Beschäftigung des Tages ist, nach der neuesten Zeitung zu greifen, und Viele nach des Tages Mühe und Arbeit ihr Tagewerk damit schließen, wo die Tage im Jahre, in denen keine Zeitungen erscheinen, lästig dünken — wie könnte man da begreifen, daß die Menschen, und zwar recht gut und angenehm, ohne Zeitungen fertig wurden und die Werke ihres Lebens in ihnen genußreicher Weise vollbrachten? Und doch war es so, und selbst die aufstrebende Jugend fühlte den Mangel daran, sowie am politischen Interesse durchaus nicht, und man füllte die Unterhaltung mit anderen Dingen aus, als mit Äannegießerei. Bekanntlich fand im Jahre 1830 mit der französischen Julirevolution ein völliger Umschwung statt, das politische Bewußtsein erwachte auch in der Maffe des deutschen Volkes, das Zeitungswesen erstand auch in Deutschland in ungeahntem Maße und breitete sich besonders seit 1848 über Stadt und Land aus. Die Juden standen jetzt bereits inmitten der Volksbildung und nahmen daher an dieser Wandlung vollen Antheil. Unter diesen Umständen hatte sich in den jüdischen Gemüthern reichlich eine Eigenart entfaltet, die wir nicht anders als mit dem Worte Herzenseinfalt bezeichnen können. Ausgeschloffen von dem allgemeinen geistigen und weltlichen Leben, fern von jeder Art Streberthum, diesem Grundübel unserer Zeit, da selbst in den wenigen ihnen zugestandenen