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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-01-13 · Heft 3 (13.1.1885) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 3 (13.1.1885)
Date
1885-01-13
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Allgemeine Zeitung des Äudencthums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Philipplon in Bonn. GXpeöition: Leipzig, Woßplcrh 18. Diese Leitung erschein: wöchentlich. Preis vierteljährig s AiLrl. Abonnement in Deurschland (Postzeitungsliste Nr. 111) und Oesterreich bei ollen Postämtern , außerdem durch den Buchhandel. .In redactionellcn?lnqelegenhciten wende man sich an Nr.L.PHilipvion in Bonn direct, in allen übrigen an die Berlaasbandluiig. Beilagen (Gebühr >2 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 49. Jahrgang. Leipzig, den 13. Januar 1885. Xo. 3. Inhalt. Leitende Artikel: Skizzen über das Ehemals und J-tzt im Judenthume. II. — Rückblick auf die Kämpfe des letzten halben Jahrhunderts. I — Literarischer Wochenbericht. — Zcitnug-r-nachrichten: Deutschland: Berlin, Tarmstadt, Fürth, Marienburg. :'luS der Provinz Posen. — Oesterreich-Ungarn: Graz. — Frankreich: Paris. —• Rußland: Turck, Bon der russischen Grenze. — Amerika: New Orleans. — Notizen: Bonn. — Feuilleton: Balneologische Briese eines Rabbiners. — jCcitc-iic'c €1 rti-flef. Bonn, den 7. Januar. Skizzen über las Ehemals und Jetzt im Judenthume n. Es liegt ein eigener Zauber darin, namentlich für das höhere Alter, sich in die Zeiten der Kindheit und der Jugend zurückzuversetzen und die Erinnerungen der Zustände und Ereignisse aus vergangenen Tagen sich zurückzurusen. Kindheit und Jugend, wo unsere Augen auf die Erscheinungen der Welt voll Wißbegicrde gerichtet, wo diese mit dem Reize der Neuheit geschmückt sind, wo das Herz voll freudij ger Hoffnung, voll Erwartungen auf die Höhen, die man zu erklimmen gedenkt, um so wärmer allem Schönen und Edlen zuschlägt, und wo Alles, was da ist, als daß cs so sein müsie, und nicht anders sein könne, erscheint! Und nun, da das Leben zurückgelegt ist, da es uns des Neuen nichts mehr bieten kann, sondern gewissermaßen abgeschlossen vor uns liegt, gewahren wir, daß cs doch ganz anders geworden, daß die tiefgreifendsten Veränderungen und Umwandlungen vor sich gegangen sind. Hier ist es nun merkwürdig, daß bei den Juden die hauptsächlichste Umwandlung, diejenige, an welche sich die ganze weitere Entwickelung schloß, innerhalb einer Generation eintrat, so daß sich die Alten und die Jüngeren neben einander befanden, völlig verschieden an Wesen und Form, an Richtung und Gesinnung, an Wollen und Thun. In der vaterländischen Gegend des Schreibers dieses zeigte sich diese eigenthümliche Erscheinung etwa von den Jahren 1810—1830; in anderen Landschaften mag es später so gekommen sein, und gewiß tritt es noch jetzt in zurückgebliebenen Ländern auf, daß in der jüdischen Masse! zwei aufeinander folgende Geschlechter neben einander eristi!ren, die sich durchaus ungleich sind, bis daun allmälig die Aelteren aussterben, nur noch in Einzelnen sich wiederholen, um daun gänzlich verschwunden zu sein. Man konnte hier so recht die Wirkung eines guten, in seinen Zielen nicht zu beschränkten und in seinen Methoden nicht zu pedantischen Bolksschuluutcrrichts gewahren. Von dem älteren Geschlechts konnten, selbst wenn sie im Hebräischen und im jüdischen Schriftthum einiges oder sogar bedeutendes Wissen besaßen, nur Wenige Deutsch lesen oder schreiben: die junge Welt war vollkommen damit vertraut, sie las nicht blos ihren Schiller, sondern auch die Romane des vorigen Jahrhunderts und die neuen von August Lafontaine mit großer Begierde; sie besuchte das Theater und bekümmerte sich um besten Personal. Es versteht sich, daß alles dies bei dem späteren Auswuchs gar nicht mehr aussallen konnte, aber in der Zeit, von der wir sprechen, lebten in einem und demselben Hause die Alten, die außerhalb ihres Judenthums und ihres Gewerbes, in denen sie sehr taktfest waren, eine unglaublich naive Unwissenheit besaßen, und die Jungen, welche sich mit ungeahnter Geistesgewandtheit eine Menge von Kenntnissen, namentlich auch der französischen Sprache angeeignet und auch in den Formen der äußeren Erscheinung große Fortschritte gemacht hatten. Hier ist es nun überaus anerkenncnswerth, daß diese Verschiedenheiten nur höchst selten zu Eonflieten führten. Das jüngere Geschlecht hatte Ehrfurcht und Liebe 3

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