Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 2 (6.1.1885)
- Date
- 1885-01-06
- Page
- Seite 29 (sequence 13)
- Language
- German
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29 kein patriotisches Unternehmen, an welchem Baron Günzburg unter den ersten im Reiche sich nicht betheiligt hatte. Hier ein kleines, aber illustrirendes Factum von seiner bürgerlichen Pflichttreue, auf welche seiner Zeit bereits die russische Presse aufmerksam gemacht hat. Als die allgemeine Wehrpflicht eingeführt werden sollte, war eine große Anzahl vom Dienste dispensirender Quittungen gegen einen recht beträchtlichen Preis in Umlauf gesetzt, welche sich jeder mehr oder weniger bemittelte Mann, gleichviel welcher Confession und welchen Standes, sich zu Nutze machte, um sich vom Kriegsdienste zu befreien, der bis zur letzten Zeit keines angenehmen Rufes sich erfreute. Solche Quittungen befanden sich auch im Besitze des Barons v. G., welche er aber vernichtete, als seine Söhne erwachsen waren und die Wehrpflicht an sie herantrat, und mußten sie gleich den ärmsten in die Fronte eingereiht werden. So ging denn Baron Günzburg in der Erfüllung der schwersten, wie der heiligsten Bürgerpflicht Bielen mit gutem Beispiel voran. Verweser Dr. Drabkin mit: Baron Günzburg habe gelegentlich der Gründung einer jüdischen Bibliothek bei der Synazöge ihm ein für alle Mal erklärt, er sei bereit 25°/o der gesummten Einkünfte zu jeder jüdischen Stiftung beizutragen. Es würde mich zu weit führen, wollte ich Alles, was im Hause Günzburg in Dingen der Wohlthätigkeit geleistet wird, hier aufzählen. Ich bin es auch beim besten Willen gar nicht im Stande. Nicht immer dringt das, was an Wohlthätigkeit von Seiten Günzburgs geschieht, in die Oeffentlichkeit, welche er gern meidet. Mir sind zufällig eine Summe von 25 Tausend und eine von 10 Tausend Rubel bekannt, welche H. v. G. unter der Bedingung der Verschwiegenheit gespendet hat. Und wer zählt die vielen Stipendien und Unterstützungen, welche Studenten und Studentinnen, arme Gelehrte und invalide Rabbiner und Lehrer und überhaupt Nothbedürftige aller Confessionen und Stände vom Hause Günzburg beziehen? Und wer kennt sie auch alle, da das altjüdische -.no:: ',p.d zu den Lieblingsgrundsätzen des Mit herzerhebendem Gefühle und inniger Befriedigung: Baron H. v. Günzburgs gehört, gehe ich nun zu den Verdiensten des Herrn v. G. als Philan-' Ungetheilte Anerkennung verdient Baron H. v. Günzthrop über. Es darf mit Sicherheit behauptet werden, daß bürg als Jude. Er ist Jude im vollsten Sinne des Wortes, es weit und breit in Rußland keinen zweiten giebt, derj Und er ist cs nicht jetzt, wo eine Rückkehr zum Judenthum in solchem Maße gegen Juden und Nichtjuden und gegen alle ' in Mode ist, geworden, sondern er war es von jeher, er war noch so mannigfache Leiden der Menschheit in ebenso zart-' es auch dann, als unsere Intelligenz und vornehme Kauffühlender wie splendider Weise sich theilnahmsvoll erweist.; Mannschaft es für unter ihrer Würde hielten, als Juden sich Es giebt wenigstens in der Residenz keine milde Stiftung, auszugeben und Alles aufboten, um ihr Judenthum zu verkein gemeinnütziges Unternehmen, für welche die Spenden Günzburgs nicht zu den größten gehörten. Für die Bagatelle von 25 Tausend Rubel als Schenkung scheint Baron Günzburg eine ganz besondere Vorliebe zu haben, da sie sich recht oft wiederholt. „Der Verein zur Besorgung wohlfeiler Quartiere", „die Handwerkerschule des Thronfolgers Nikolaus", „das Asyl zur Pflege armer Kinder", „der Fond zur Förderung des Landbaus und Handwerks unter den Juden in Rußland", „das jüdische Waisenhaus", „die Handwerkerheimlichen. Er hat nicht, wie so mancher der heutigen frischgebackenen jüdischen Patrioten, blos vornehmthuendes Mitleid mit den „armen zurückgebliebenen Juden", sondern er litt und leidet auch wirklich mit seinen jüdischen Brüdern. Er gehört auch nicht zu denjenigen Juden neuester Fa«,-on, die von der Erhabenheit der jüdischen Lehre entzückt und begeistert und von dem wecbselvollen Geschicke ihres Volkes voll Bewunderung sind und für desien Genius die tiefste Verehrung hegen; selbst aber außerhalb des Judenthums schule bei demselben", „die Sammlung zur Milderung der > leben und die religionsgesetzlichen Vorschriften für ihre Person Noth der in den Judenkrawallen Verunglückten" . . . haben außer bedeutenden jährlichen Beiträgen, wo solche Usus sind, die Schenkung zu je 25 Tausend Rubel oder annähernd aus der Schatulle des Baron Günzburg erhalten. Die hiesige Cultusgemeinde, das jüdische Waisenhaus, der „Verein zur Verbreitung der Bildung unter den Juden in Rußland" haben ihr Entstehen und ihren Bestand vorzüglich dem Hause Günzburg zu verdanken. Als vor 3 Jahren das archäologische Institut aus Mangel an Mitteln geschloffen werden sollte, war es die generöse Spende des Baron Günzburg, welche ihm weitere Existenz verlieh. Die Anstalt für Feldschererinnen, die weibliche Hochschule, die sogenannten Bestuerohschen Curse, erhalten jährlich große Beiträge. Was speciell jüdische Anstalten betrifft, theilt mir der hiesige Rabbinatswenigstens als einen überwundenen Standpunkt betrachten, sondern er ist ein streng traditioneller Jude und als solcher erzieht er auch seine Kinder. Sein Haus ist ein altjüdisches Haus im besten Sinne des Wortes. Wer spricht von der genauesten und peinlichsten Beobachtung der Speisegesetze und Ruheoorschriften am Sonnabend und an Feiertagen, — das ist für das Haus Günzburg ganz selbstverständlich, — aber auch Riten und Gebräuche von geringerer Bedeutung werden hier streng eingehalten. Seine Söhne: David, der sich bereits als Orientalist einen Namen gemacht hat, und Alfred, Student der mathematischen Fakultät, haben stets auch auf der Universität ihren Standpunkt als Juden zu behaupten gewußt, und nie am Sonnabend, und wenn es auch gerade Examen war, geschrieben, in welcher Hinsicht sie leider fast dieEinzigen waren.