Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 2 (6.1.1885)
- Date
- 1885-01-06
- Page
- Seite 28 (sequence 12)
- Language
- German
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28 Solche leuchtende Muster stets vor Augen habend, ist es gerade kein Wunder, wenn der Sohn solcher Eltern, Horace v. Günzburg, zu dem geworden ist, als welchen wir ihn heute kennen. Horace v. Günzburg hat im Jahre 1831 in Swenogorodsk das Licht der Welt erblickt. Reb Josel, wie seine Gemahlin, waren in erster Linie Juden, und so ist es denn ganz begreiflich, daß die Erziehung, welche sie ihrem Sohne gaben eine in jeder Beziehung streng jüdische war. Bei einer vielseitigen allgemeinen Bildung, die ihm auch meist von ausgezeichneten jüdischen Lehrkräften zu Theil wurde, spielten doch die speciell jüdischen Fächer die Hauptrolle in der Erziehung des jungen Barons. Schon früh wurde er in den Talmud eingeführt, aber zugleich auch mit der neuhebräischen Literatur, die damals, und zum Theil noch heute, von der Masse als Ketzerei verdammt wird, vertraut gemacht. Und bis heute correspondirt Baron Günzburg gern im Neuhebräischen und folgt mit lebhaftem Jntereffe allen neuen Erscheinungen auf dem Gebiete der besagten Literatur. Daraus erklären sich auch seine warmen Sympathien für den Fortschritt derselben und die reiche Unterstützung, welche bei ihm aller Zeit neuhebräische Schriftsteller finden. Ob auch, oder viel richtiger gesagt, „weil" die Er. ziehung des jungen Horace so tief im Judenthum wurzelte, bereitete sie ihm ebenso zum Juden als zum Bürger und Menschen, zum Philanthropen als zum Kaufmann in gleicher Weise vor und blieb so keine Seite seiner empfänglichen Seele vernachlässigt. Ich sage: „weil", da ich glaube behaupten zu dürfen, daß trotz der vielgeschmähten „Exclusivität" des Juden, er weniger als irgend ein anderer in Wirklichkeit exclusiv ist. Der durchschnittliche Jude ist nicht blos weit mehr bekannt mit dem Leben und der Sprache, den Sitten und Gewohnheiten seiner nichtjüdischen Nachbaren, als diese mit seinem Leben und seiner Sprache, mit seinen Sitten und Gewöhnheiten, sondern er zeigt auch gemeiniglich ein weit größeres Jntereffe und eine wärmere Bereitwilligkeit, an Freud und Leid seiner nichtjüdischen Umgebung theilzunehmen und ihnen in deren Noth helfend entgegen zu kommen, als umgekehrt; man hat sich derart daran gewöhnt, daß man glaubt, es muffe so sein, ja es dürfe gar nicht anders sein. Und selbst der Nichtjude, welcher auf jüdische Exclusivität schimpft, hält es doch für etwas Selbstverständliches, daß der Jude sich an den nichtjüdischen mildthätigen Stiftungen betheiligt, nichtjüdischen Armen hilft und in seinen Geschäften Nichtjuden anstellt, während er das Verlangen eines ähnlichen Verfahrens der Nichtjuden gegen Juden von letzteren als eine freche Zudringlichkeit auslegen würde. Mein Beruf hat mich nur selten in Berührung mit Herrn v. G. gebracht und habe ich, ob ich zwar jedes Mal, da ich ihn sprach, von ihm den angenehmsten Eindruck davongetragen, wenig Uriheil über ihn als Mensch; allein ich lebe hier seit einer Reihe von Jahren, kenne viele zuverlässige Personen, die mit H. v. G. von frühester Jugend an näher bekannt sind, und höre ich von ihnen über letzteren nichts als Gutes und Rühmenswerthes. Juden und Christen rühmen ihn gleichmäßig als eine durchwegs strengsittliche, biedere und brave Natur und wissen viel von seiner Empfänglichkeit und Zugänglichkeit für alles Gute und Edle zu erzählen. Aber ich spreche ungern von Dingen blos nach dem Hörensagen, und so überlaffe ich die Schilderung dieser Seite einem berufeneren Biographen. Auch vom Großindustriellen H. v. Günzburg kann ich nur wenig mittheilen. Ich weiß nur, daß das Haus Günzburg als das bedeutendste und reellste unserer Residenz und wohl auch in ganz Rußland gilt, daß die jährlichen Einkünfte des H. v. G. auf circa drei Millionen Rubel angegeben werden, daß die riesigen Geschäfte dieses Crösus über ganz Rußland verzweigt sind. Ich habe nie Gelegenheit gehabt, etwas Unangenehmes, selbst in unserer antisemitischen Presse, über Baron Günzburg und feine Geschäftsführung zu lesen, und das genügt ja, es ist das größte Lob was man in dieser Zeit einem jüdischen Kaufmann nachsagen kann. Noch mehr, als von der Concession der Bulgarischen Eisenbahn die Rede war und es hieß: Baron Günzburg bewerbe sich um dieselbe und habe einen Bollblutruffen Kolotzow zum Concurrenten, und in der Presse jemand die „jüdische Herkunft" Günzburgs und die „russische" seines Rivalen zu Gunsten des letzteren hervorhob, da war selbst die erzantisemitische „Nowoje Wremja" so ehrlich und patriotisch, annähernd folgendermaßen sich zu erklären: Wer Baron Günzburg ist, wissen wir; ist er auch nicht russischer Herkunft, so ist er doch russischer Bürger und sein Name ist uns Garantie, daß er nicht zum Berräther Rußlands werden wird, aber wer bürgt uns dafür, daß irgend ein Kolotzow nicht ein österreichischer Spion ist? Ferner, wenn ein Crösus wie v. Günzburg so verhältnißmäßig wenig von sich sprechen macht, für seine Verhältnisse ziemlich bescheiden lebt, und nicht wie andere jüdische Reichen, die ihn an Vermögen lange nicht nahekommen, aller Welt die Augen aufreißen und Neid und Mißgunst wecken, so kann es ihm nur zur Ehre gereichen. Ueber den Bürger v. Günzburg hat wohl das günstigste Urtheil der competentesten Richter in dieser Beziehung unsere Regierung selbst gefällt, indem sie ihm bereits mehrere Orden verlieh und schließlich zum „Wirklichen Staatsrath" ernannte, welcher Titel in den erblichen Adel versetzt. Daß die Presse dießmal nicht, wie gewöhnlich in ähnlichen Fällen, über den „neuen General" witzelte, sondern durchweg sympathisch diese Erhebung eines Juden in den Adelstand begrüßte, spricht am beredsten für die patriotischen Verdienste v. Günzburgs. In der That gab es in den letzten Decennien meines Wissens,