Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 2 (6.1.1885)
- Date
- 1885-01-06
- Page
- Seite 27 (sequence 11)
- Language
- German
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27 Menschen London's der wohlwollendste und herzlichste Empfang zu Theil wurde. Herr Samuel Montag» und Herr D. E. Samuel stellten ihn den bedeutendsten israelitischen Persönlichkeiten der Stadt vor und sicherten ihm das Gelingen seiner Mission. Herr Nissim erreichte für die Schule von Jerusalem, als außergewöhnliche Subvention eine Summe von Liv. St. 2,500. Zenit Petersburg, im Dezember. Larou Harare von Günzburg. Am 28. November war unser Glaubensgenosse Baron Horace von Günzburg, der auch den geschätzten Lesern dieser Zeitg., nicht unbekannt sein dürste, der Gegenstand seltener Ovationen aus der finanziellen und commerziellen Welt von Nah und Fern und einer noch selteneren ehrenden Auszeichnung Kaiserlicher Huld. Das fünfundzwanzigjährige Bestehen einer Kaufmannsfirma ist sonst keine besonders auffallende Begebenheit, die irgend welche Beachtung verdient, und sie wäre sicherlich auch hier spurlos vorüber gegangen, wenn es sich nicht um den Namen v. Günzburg gehandelt hätte. Durch diesen Namen eben, seine Verdienste, Popularität und allgemeine Beliebtheit, nimmt sie einen ganz besonderen Charakter an. Es ist, als ob unsere Regierung, die Handelswelt, die Presie und die Gesellschaft nur auf eine Gelegenheit gewartet hätten, um Baron Günzburg zu zeigen, daß man ihn nach Gebühr zu schätzen und zu würdigen weiß und daß selbst in unserer Zeit, bei der allgewaltigen Herrschaft der antisemitischen Stimmung, es doch noch Juden giebt, welchen gegenüber auch diese Stimmung ohnmächtig ist, und an deren Wandel weder Verleumdung noch Mißgunst sich heran wagen dürfen. Das sollten unzählige Gratulationsdepeschen aus allen Welttheilen, zahllose Adressen von verschiedenen Corporationen und die werthvollsten und kostbarsten Geschenke, und vor Allem sollte es ein Brief vom Finanzminister beweisen, welcher vom Vorsitzenden des hiesigen Börsencomites H. K. Winberg verlesen wurde, in welchem mitgetheilt wird, daß Seine Kaiserliche Majestät geruht hat, Herrn Baron H. v. G. in Anerkennung seiner Verdienste um den Handel und die Industrie in Rußland zum Wirklichen Staatsrath zu ernennen, eine Auszeichnung, die wegen solcher Verdienste zum ersten Mal einem Juden in Rußland zu Theil wird. Es sei mir nun gestattet, in möglichster Gedrängtheit ein Bild dieses Mannes als Mensch, Kaufmann, Bürger, Jude, Philanthrop und persona publica zu entwerfen. Eine große, stämmige, imposante Figur, von edler und vornehmer Haltung, mit einem schön geformten Kopfe, einem von dunklem Bollbarte umrahmten schönem Gesichte, mit leton. regelmäßigen Zügen bildet das unbedingt angenehme und sympathische Aeußere des Baron von Günzburg. Feine, distinguirte Manieren und ein nobles Benehmen zeigen in ihm den Mann von guter Herkunft und sorgfältiger Erziehung und Bildung. In der That gehört auch H. v. G. zu einer der besten Familien Rußlands, und schon sein Großvater war unter dem Namen: Reb Gawriel Jacow nicht bloß in seiner Vaterstadt Witebsk, sondern auch in den weitesten Kreisen des „Ansiedlungsrayons" der russischen Juden, als frommer wohlthätiger, patriotisch gesinnter und reicher Jude bekannt und geachtet, der bereits in den ersten Decennien dieses Jahrhunderts, als einer der vornehmsten Kronpächter in Petersburg oft seinen Aufenthalt nahm, wo er reiche Gelegenheit hatte, für seine armen, bedrängten Brüder mit Rath und That einzuschreiten. Dessen Gemahlin war schon damals ihres feinen Verständnisses wegen für die hebräische Literatur unter den damaligen neuhebräischen Schriftstellern eine gefeierte Persönlichkeit, die sie in Poemen verherrlichten und der sie ihre Werke nicht selten dedicirten. Noch weiter als der Ruf des Reb Gawriel Jacow und seiner Gemahlin drang der Ruf ihres Sohnes „Reb Josel Günzburg", des spätcrn zum Baron ernannten Begründers des Hauses Günzburg in Petersburg und Paris, und des Vaters des gegenwärtigen Repräsentanten dieses Hauses. Sein Ruf beschränkte sich nicht mehr auf die Marken des Ansiedlungsrayons, sondern drang auch in das Ausland, wo seine Leistungen als Großindustrieller nicht minder bekannt waren, als seine Verdienste um die russische Judenheit. Auch dort wußte man, wie viel Baron I. von Günzbnrg zur Erweiterung der Rechte der russischen Juden, zur Verbreitung der Bildung unter ihnen und zur Hebung und Förderung ihres materiellen und sittlichen Gedeihens beigetragen hat. In der That war Baron I. v. G. ein lebendiges Beispiel dessen, wie viel ein Mann auch in einem Lande wie Rußland, wo das Vorurthcil gegen Juden und Judenthum so unerschütterlich fest stand, und wo allgemeine Principien des Rechts zu jener Zeit so wenig zu! sagen hatten, wie viel selbst in einem solchen Lande ein eini ziger Mann vermag, wenn er nur dem Judenthum aufrichtig ' ergeben ist, im Dienste desselben keine Opfer scheut, und dort, wo seine eigene Einsicht nicht ganz ausreicht, mit würdigen Rathgebern und Gehilfen sich zu umgeben weiß. 2*