Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 2 (6.1.1885)
- Date
- 1885-01-06
- Page
- Seite 22 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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22 Deutschland. Berlin, 23. Dez. (Privatmitth.) Es ist eine bekannte Thatfache, daß der Antisemitismus in den Reihen der protestantischen Geistlichkeit eine beträchtliche Zahl Anhänger und Förderer gefunden. Um jedoch gerecht zu sein, muß man sich ein klares Bild von den verschiedenen Richtungen innerhalb dieser Geistlichkeit machen. Außer der religionsphilosophischen Partei, welche insonders die der Professoren der evangelischen Theologie ist, und des Protestantenvereins, welcher die gemäßigte rationalistische Richtung verfolgt, finden stch in der orthodoxen, strenggläubigen Partei zwei Fraktionen: die eine, welche mit der Orthodoxie die weltliche Macht verbinden will, sowohl was die Kirche als auch den Staat betrifft, und die andere, die in diesem Streben eine ein, Ungenauigkeiten in seiner Rede im Abgeordnetenhause begangen zu haben. Aber ein öffentlicher Redner, zumal ein Geistlicher, darf keine Ungenauigkeiten begehen, namentlich wenn er angreift. Falsche Citate, ungenaue Wendungen sind in solchem Falle mehr als ein Fehler; sie sind eine Sünde. Und doch waren sie in der Rede noch minder schuldig, als wenn er sie nach drei Jahren noch einmal drucken läßt und so beweist, daß er auch den alten Groll, der in ihnen ruht, noch nicht vergessen hat." Ferner: „Ich hatte ihm in meinem Büchlein anheimgegeben, nicht so leicht über den Talmud zu reden, „als ob er ihn gesehen hätte." Er nennt dies „eine unwahre und verläumderische Beschuldigung" und sagt „allerdings habe ich ihn nicht bloß gesehen, sondern in der Uebersetzung auch gelesen aber nicht genug, um ein gründliches Urtheil darüber zu haben." An dieser Berichtigung Verletzung der Lehre Jesu und des ganzen Evangeliums und wird jedem Kenner offenbar werden, daß er ihn nicht geder durch diese gebotene Liebe erkennt. In der ersten dieser! sehen hat — im Original gewiß nicht und in der Ueber- Fraktionen ist die antisemitische Agitation entsprungen und'setzung konnte er ihn nicht sehen. Möchte doch St. so gut wird noch heute von ihr betrieben; theils sehen sie in den! sein, die Ausgabe zu nennen, in der er den „Talmud" Juden Gegner, theils glauben sie durch die Weckung des deutsch gelesen hat, ob gründlich oder nicht. Es giebt be- Judenhaffes im Volke Werkzeuge für ihre Zwecke zu finden.! kanntlich nur einige Stücke desselben in deutscher Uebersetzung. Zur zweiten Fraktion, welchen der aufrichtige Glaube die! Wenn dem aber so ist und ich mache ihm gar keinen Bor- Hauptsache und die Liebe zur Wahrheit ein Herzensbedürf-! wurf daraus, daß er ihn nicht sah. er würde ihn auch deutsch niß ist, gehören Männer wie Franz Delitzsch. Paulus Cassel, nicht verstehen, weil dazu eingehendes Studium gehört, zu u. A., und es ist charakteristisch, daß diese gerade mit einer unfassenden Gelehrsamkeit ein ernstes Studium unsrer heil. Schrift und der jüdischen Literatur verbinden, während ihre Gegner, die Stöckerianer, vielfache Beweise völliger Unkenntniß und leichtfertiger Oberflächlichkeit gegeben haben. Wie Delitzsch den krassen Unwahrheiten und Erfindungen von Rohling und Consorten siegreich entgegentrat, so hatte Paulus Cassel schon am Anfang der Berliner Bewegung sich nachdrücklich gegen diese erklärt. Er hatte es dadurch natürlich mit Stöcker verdorben, und dieser richtete seine Waffen gegen die Person und Stellung Cassels. Charakteristisch ist es hierbei, daß Stöcker vor Kurzem eine Sammlung seiner Reden unter dem Titel „Christlich-Sozial" veröffentlicht hat, unter Anderem Reden, die er vor vier Jahren im Abgeorddem er nicht Zeit hätte — so wird er wiederum bekennen, daß sein Vorwurf, ich hätte ihn als Talmudkenner verleumdet, wiederum eine Ungenauigkeit ist, die vor seinen Zuhörern etwas bedeuten konnte, weil sie zumeist auch keine Talmudkenner waren, aber doch von den Lesern — unter denen er doch einige solcher wünscht, nicht ohne Humor aufgefaßt sein wird." „Es ist ja überhaupt seltsam, wenn Stöcker behauptet, irgend ein Produkt antisemitischer Presse sei ihm fern geblieben. Denn alles wurde ihm gebracht. Jeder, der Industrie im Antisemitismus suchte, wandte sich an ihn. Die sonderbarsten Leute jeden Schlages kamen zu ihm. Ein Kuhhirt sandte ihm seine Elaborationen. Es war auch natürlich. Wie sich bei jeder Bewerbung im Jntelligenzblatt Hunderte netenhause gehalten, und die von „Unrichtigkeiten" wimmeln,'drängen, so war hier die Industrie rege. Es braucht nur welche ihm damals sofort nachgewiesen wurden, was ihn je-1 eine Fahne ausgesteckt zu werden, die Hoffnung auf Gewinn doch nicht verhindert, die Reden mit allen ihren Unrichtig-! erweckt, und man kann der Bewerber die Fülle haben. Dakeiten wieder abdrucken zu lassen. Hiergegen erläßt nun! zu kam, daß man sich die ganze Agitation viel großartiger Cassel in seiner eben veröffentlichten Broschüre „Ahasverus, im Lande dachte. Man glaubte wirklich, daß von der die Sage vom ewigen Juden" (Berlin, Internationale Buch-! Hindersinstraße die soziale Reform ausginge. Gute Leute Handlung 1885, S. 65.) eine „Erklärung" die wir nichts sandten Geld — Andere wollten welches verdienen. Streber ganz unberücksichtigt lassen können. Wir heben deshalb folgende \ und Mitläufer giebt es überall und viele wurden getäuscht Stellen aus derselben hervor: „Stöcker", sagt Cassel, „gestehtj und ließen sich täuschen. Aber vielen wurde es nicht zum