Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 2 (6.1.1885)
- Date
- 1885-01-06
- Page
- Seite 20 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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20 Aus der Provinz, im Januar. Kalueologische Hriefe eines Rabbiners. 1. Wvief. Lieber Freund! Sie haben Recht mit Ihrer Meinung, daß auch die Feder eines Rabbiners willkommene Schilderungen von den Eindrücken, welche dieser an Curorten gesammelt hat, zu geben geeignet ist. Allein die gesammte Denk- und Lebensrichtung des Rabbiners, die vielleicht mehr gemessene als leichte Darstellung seiner Gedanken, werden nicht ohne Einfluß auf seine Schreibweise bleiben und dem Farbenton seiner Schilderung Abbruch thun, welche neben ernstem auch heiteres Stoffgebiet umspannen soll. Sie sehen, daß ich die Schwierigkeiten nicht verkenne, wenn ich an die Abfassung der von Ihnen angeregten „Balneologischen Briefe" gehe, zumal dieselben den Leser nicht dauernd an demselben Badeorte festzuhalten bestimmt sind, sondern ihn nach allen Gegenden der Windrose führen werden, wo ich, um Heilung zu finden, geweilt habe. Dennoch wage ich es, im Vertrauen auf die Nachsicht des Lesers, um welche ich von vornherein bitte. Lassen Sie mich im ersten Briefe vorweg einem Einwürfe begegnen, der gelegentlich dem Rabbiner von „ambulanten Gelehrten" gemacht wird, die aus socialen Gründen Städte und Länder bereisen. Diese vergleichen den Rabbiner von heute, der „in die Bäder reist", mit dem von früher, der in der „Lernstube" zubrachte. Wie wenig zutreffend ist solcher Vergleich! Denn einmal suchten auch die Rabbiner von früher oft genug Heilquellen auf und fanden dabei überall in den Orten, durch welche ihr Weg führte, oder durch welche sie denselben willkürlich nahmen, reichliche Unterstützung von Seiten der Gemeinde. Andererseits war die Möglichkeit einer Badereise jener Männer, sowohl wegen der mangelhaften Beförderungsmittel, welche eine lange Zeitdauer der Reise zur Folge hatten, als auch durch die damit verbundene Erschwerung, die religiösen Obliegenheiten seelischer und leiblicher Natur zu erfüllen, fast gänzlich ausgeschlossen. Dagegen reisen die Rabbiner von heute unter einem freundlicheren Sterne. Tie größere Gehobenheit ihrer Stellung, wie die große Bequemlichkeit und Schnelligkeit der Beförderung, reichen sich die Hand, um die Badereise eines guten Theils ihrer materiellen und religiösen Scheu und Sorge zu entkleiden. Und sie bedürfen derselben, die Rabbiner der Gegenwart in ihrer Thätigkeit, die auf dem Grund der heutigen Wissenschaft und Bildung — in langen arbeitsvollen Vorbereitungsjahren erworben — diejenige ihrer früheren Cvllegen in mehr als einer Hinsicht hinter sich zurückläßt. Daß schon die Großen des jüdischen Alierthums die Heilquelle in Palästina aufsuchten, ist durch Mischnah, Talmud und Midrasch beglaubigt und durch die balneologischen Gewohnheiten der das jüdische Leben beeinflussenden Griechen und Römer erklärlich. Am häufigsten werden die Thermen von Liberias genannt, die auch unter dem Namen „Hamath" vorkamen, weil dieser Flecken seiner Nähe wegen in das Weichbild von Liberias gezogen und mit demselben identisch wurde. *) Emmaus nennt ihm Josephus.2) Hier treffen R. Elieser, R. Josua und R. Akiba zusammen, die in Gemeinschaft baden und dabei von einem Beschwörer belästigt werden?) Hier finden wir auch R. Josua b. Levy aus Lydda, der, auf R. Elija bar Abba gestützt, das Bad gebraucht.4) R. Eleasar ben Aroch trennt sich nach R. Jochanan ben Saccai's Tode von seinen Cvllegen und zieht nach Dimsith^) oder Emmaus*), wo seine Frau weilt, da dies ein durch schöne Lage und gesundes 7) Wasser gesegneter Ort ist, wo er auch ein Lehrhaus zu gründen beabsichtigt. R. Gamaliel, der in Jabneh lehrt, badet in dem am mittelländischen Meere gelegenen Akko, in dessen Badehallen eine Statue der Venus ftefjts) und R. Jehuda Hanaßi endlich siedelt aus Beth-Schearim nach Sepphoris über, weil es hoch gelegen ist und eine reine würzige Luft hat?') Daß Rabbi in Sepphoris, wo kalte Quellenbäder aus öffentlichen Mitteln erhalten wurden, badete, ist hinlänglich erwiesen?") Ueberhaupt Pflegte in dem an heilkräftigen Wassern reichen Palästina7') die jüdische Bevölkerung eifrig balneologische Neigungen, und so sehr beherrschten diese das ganze Leben der Juden, daß die Gesetzeslehrer wiederholt halachische Vorschriften ia) darauf gründeten und die griechisch und römische Bezeichnung der Badegewänder in die jüdische Sprache überging. l3) Ich habe Ihnen im Vorstehenden eine gedrängte Uebersicht über die balneologischen Verhältnisse im alten Israel gegeben, aus welcher mit Sicherheit hervorgeht, daß die Rabbiner des Alterthums auch fern von ihrem Wohnorte Badeplätze aufsuchten, sei es zur Herstellung ihrer Gesund- | heit oder zu geistiger Erfrischung. Gestatten Sie mir nun, 1) Megillah 6 a; das. 2 b; Jerusch. Erubin V, 7; Tossiphtha V. 2) Kriege IV, 2. 3) Jerusch. Sanhedrin VII, 13. 4) Jerusch. Kiduschin I, 7. 5) Aborh d' Rabbi Nathan XIV. Sabbath 147 b; Arach: Nm'iS Levy, Chald. Wörterbuch. 6) Koheleth Rabbah § 10!. 7) Herr Prof. Grätz (Zeitschr. 1870, S. 526) hebt mit Recht hervor, vaß von einer „beißen" Quelle hier nicht die Rede ist. 8) Abod. Sarah 44 o. 9) Jerusch. Kilajim IX, 3; Babli Katuboth 103 b. 10) Megillah 5b; Aruch rr,*ip (s. dagegen Raschi zu Megillah 5b); Kohelath Rabbah § 98. 11) Daß auch das Wasier des Jordan heilkräftig wirkte, lehrt die Heilung des Syrers Naaman (Könige II, 5). 12) Sabbath Iva; das. 147b; Abod. Sarah 44b; Thoßephtha Berachoth II. 13) Jerusch. Kilajim IX, 2; das. Moed Katan III, 3; Frankel, Zeitschr. 1865. S. 392.