Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1885)
- Date
- 1885-01-01
- Page
- Seite 13 (sequence 13)
- Language
- German
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13 Den Liberalen ist der Borwurf zu machen, daß sie in der Einseitigkeit ihrer Prinzipienreiterei nur daran denken, ihre antireligiösen Anschauungen zu befriedigen, nicht aber den Bedürfnisien des Volkes zu entsprechen, welches doch die Mittel zur Herstellung der Anstalten hergeben muß. Andererseits haben sich innerhalb der liberalen Partei bereits wieder tiefgehende Spaltungen zwischen den Doctrinären und den Radicalen manifestirt und schlagen sie sich hierdurch selbst Wunden, an welchen sie verbluten muffen. Bonn, 21. Dezember. (Notizen.) Man schreibt uns aus Stuttgart vom 11. Dezember: Gestern feierte man die Jubiläen des Herrn Kantors Moritz Eichberg und des Sekretärs Stern bei der K. Jsr. Oberkirchenbehörde, zugleich Kirchenpflegers der hiesigen israelitischen Gemeinde. Ersterer, geboren 1806, zählt bereits 60 Dienstjahre, davon 50 Jahre hier, und tritt mit dem 1. n. M. in den wohlverdienten Ruhestand, letzterer ist 1814 in Oberdorf geboren, war früher Lehrer in Olehausen und seit 1849 hier thätig. Beide erhielten von Sr. Majestät Auszeichnungen, Eichberg die goldne Medaille für Kunst und Wiffenschaft, eine seltene Auszeichnung, Stern die goldene Verdienstmedaille. Außer einem Ehrengeschenk von 2000 Mark wurden Eichberg als Zeichen der Anerkennung von früheren Schülern und Verehrern außer feiner Pension auch ein Ehrengehalt auf Lebenszeit votirt. Bei dem gestrigen Festgottesdienst hielt I)r. v. Waffermann die Festrede. Adressen wurden von der Gemeinde, dem Synagogenchor und dem israelitischen Lehrerverein überreicht. Abends fand Bankett statt. — Nächsten Samstag findet in Ludwigsburg die Einweihung der dortigen neuen Synagoge statt; die Festrede hält Kirchenrath vr. v. Waffermann.— Man schreibt aus Hagen (Westfalen): In dem Nachbarstädtchen Schwerte fungirte bisher ein Jude als Stadtverordneter. Bei der jüngst stattgehabten Wahl wurde derselbe nicht wieder gewählt und war von einflußreicher Seite aus die Parole gegeben worden: wählt keinen Juden! Hiergegen erhob sich ’ aber fast der gesammte Bürgerstand und wählte den Kaus-; mann L. Weinberg. Ieuilleton. Heinrich Nr-1ich, Professor der Lupferstichkunst. Nekrolog von Moses Feinkind in Turek. Ungekannt in der Großstadt Berlin, in fremdem Lande, endete ein Künstlerleben in der Blüthe der Jahre und des Schaffens. — Wunderbar und von allgemeinem Interesse ist die Laufbahn des dahingeschiedenen Künstlers. — Im Jahre 1840 in der Kreisstadt Lask (Gouv. Petrokow) geboren, verlebte er die ersten Jahre in seinem Elternhause. Bekanntlich riß i das damalige Rekrutirungsgesetz unter Kaiser Nikolaus viele Knaben jüdischer, unvermögender Eltern in zartem Alter aus, der Heimath. Ohne Rücksicht auf den Schmerz des Vaters und der Mutter wurden sie in eine ferne Militärschule gesteckt, wo sie meist griechisch getauft und später zu Soldaten verwendet wurden, ohne je das Elternhaus wiederzusehen. Dies veranlaßte viele polnische Juden, ihre Kinder in zartem Alter über die Grenze nach Deutschland zu schicken und dort der Barmherzigkeit der Glaubensgenossen zu empfehlen. Ein solches Schicksal hatte auch Heinrich Redlich. Es war im Winter 1848, als die Regierungsbeamten anknndigten, daß der kleine „Henech", wie er zu Hause genannt wurde, abgeholt werden würde. Da führte ihn die Mutter wehklagend, nachdem sie ihn, so gut als sie es vermochte, versorgt hatte, bis in die Nähe der russisch-deutschen Grenze. Er überschritt diese und setzte die Wanderschaft immer weiter fort, ruhte des Nachts in den Häusern, wo er Obdach und Barmherzigkeit fand, bis endlich der arme Flüchtling, halb erfroren und ermattet vor Hunger, nach Breslau kam. — Da trat der blaffe Knabe mit blondem, kurz geschnittenem Haar, die Kleider zerfetzt und dürftig, die kleinen Füße mit Staub bedeckt, eines Feierabends in das Wohnzimmer eines angesehenen Fabrikanten in Breslau, Alb. Bauer (Jude) und bat um Barmherzigkeit. Seine Worte fielen da auf keinen unfruchtbaren Boden. — Die Hausfrau Fanny Bauer, welche in Breslau als eine der edelsten und wohlthätigsten jüdischen Frauen, besonders als Beschützerin verlassener Kinder, bekannt war, nahm sich des armen Fremdlings an und versprach, für ihn zu sorgen. Bald hatte sich der kleine Heinrich erholt und gestärkt. Frau Fanny Bauer und Frau Prediger Geizer, beide edle Frauen, vereinigten sich, ihn in gute Pflege und in eine Bürgerschule zu geben, für ihn zu sorgen, und ihn vorläufig zu erziehen. Sechs Jahre blieb er in treuer Obhut seiner Beschützerinnen. In unglaublich schneller Zeit hatte Heinrich die deutsche Sprache erlernt, war einer der fleißigsten Schüler und überraschte durch sein hervorragendes Talent im Zeichnen und Malen. — Als er 14 Jahr alt war, erforderten die Landesgesetze, daß seine Wohlthäterin ihn adoptire oder daß er das Land verlasse. Das Erstere konnte nicht geschehen. So schickte Frau Fanny Bauer den Knaben nach Kalisch, gab ihm Empfehlungen an einen dortigen jüdischen Arzt und versprach, auch in der Ferne für