Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-01-01 · Heft 1 (1.1.1885) · p. Seite 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 1 (1.1.1885)
Date
1885-01-01
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3227555-3227557--42289-3310831
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

8 (Leipzig, Arnold, 1885)." (Schluß.) In der Definition, welche Moses (2. Moses 3, 14) von Gott giebt (ts rr>“N rvriN), wird Gott als das absolute Sein aufgefaßt, welches durch den Gedanken (Allweisheit), den Willen (Allliebe) und das unendliche Können (Allmacht) Gottes das besondere Sein in jedem Wesen hervorbringt. Wie nun dieses zu denken sei, stellt uns die biblische Lehre in folgender Weise vor. Wir gestatten uns hier, um nicht die Meinung auskommen zu lassen, als ob wir dies erst bei dieser Gelegenheit aufstellten, ein Citat aus dem 1862 erschienenen zweiten Bande unserer Israelitischen Religionslehre (S. 32 ff.). Es wird hier die Frage beantwortet, wie der allgegenwärtige Gott in allen Dingen sei, ohne diese selbst zu sein? wie das Wesen Gottes in ihnen sei, ohne daß sein Wesen zu ihrem Wesen geworden? Die Antwort lautet: Sein Gedanke und sein Wille sind in jeglichem Dinge, dadurch werden die Dinge und sind sie. Das Wesen jedes Dinges ist nur Ausfluß des Gedankens und Willens Gottes, nur die Verkörperung, die reale Erscheinung dieser, so aß diese wesenhaft im Wesen jedwedes Dinges bestehen, das eben nur so wird, ist und vergeht, wie der Gedanke und Wille Gottes in ihm sind. Auf dem Gedanken und Willen Gottes beruht daher das ganze Wesen des Dinges, ohne daß dieses jene selbst ist. Denn der Weltkörpcr z. B. verfolgt seine bestimmte Bahn nach dem Gedanken und Willen Gottes, die in ihm realisirt sind, und die ihm diese Größe, diese Dichtigkeit, diese Gestalt und diese Nähe anderer Weltkörper gaben, durch die nun seine Bahn und Geschwindigkeit bestimmt werden. Aber der Weltkörper weiß von allem dem nichts, es gehört zum Wesen des Weltkörpers, kein Bewußtsein zu haben und letzteres widerstreitet jenem ganz und gar. Während also in dem Weltkörper ein Bewußtsein, d. i. der Gedanke und Wille Gottes, also das göttliche Wesen waltet, so ist doch sein, des Weltkörpers Wesen, gänzlich davon verschieden. Dadurch bleibt auch jegliches Ding immerfort der Fügung Gottes unterthan. Denn auch in der Natur geschieht Unzähliges, nicht nach einer Nothwendigkeit, sondern durch das Zufammentteffen von Umständen, innerhalb derer erst dann wieder das Naturgesetz sich vollzieht. Wie nun Gott diese Fügung für alle Dinge vollführt, ist nur dadurch erklärlich, daß der Gedanke und Wille Gottes immerfort in den Dingen sind, ohne diese selbst zu sein. Zum Belege wollen wir außer zahlreichen Stellen der Schrift nur folgende anführen: „Bin ich es nicht, der Himmel und Erde füllet? spricht der Ewige". (Jerem. 23, 24). „Seine Herrlichkeit füllet die ganze Erde". (4. Mos. 16, 14 ff. 72, 19. Jes. 6, 3) „Herrlichkeit" ->->:n bezeichnet nach biblischem Gebrauche das Wesen Gottes. Auch im Talmud (Berach. 10, 1) heißt es: „Wie der Herr füllet die ganze Welt, so füllet die Seele den ganzen Körper'" — Wie nun mit dieser Lehre der metaphysische leere Begriff eines bewußt-, grund- und ziellosen Willens Schopenhauers als ein und dasselbe angesehen werden kann, ist schwer zu begreifen. Und wenn das Judenthum Gewicht auf das Leben, auf die Verlängerung und Beglückung desselben legt, es jedoch den sittlichen Zwecken unterordnet, weshalb das Gesetz für gewisse Verbrechen die Todesstrafe dekretirt, und die Rabbinen es dem Götzendienste, dem Morde und der Blutschande aufzuopfern vorschreiben: in welchem Zusammenhänge soll es darum mit Schopenhauers System stehen, wenn dieses den inhaltleeren Willen — freilich auf unerklärte Weise — zum Willen zum Leben, d. i. zum Dasein macht? Wie konnte deshalb der Verf. sagen (S. 90), daß „Sch. nicht von der leisesten Ahnung beschlichen worden, daß er das Judenthum lehre und ebenso wenig der orthodoxe Israelit ahnt, wenn er feine Morgenaudacht beginnt, daß er die Schopenhauer'sche Philosophie in Versen recitirt!!" Nein, dazu hatten und haben sie beide nicht die geringste Veranlassung. Um Verlängerung und Beglückung des Lebens beten ja die Bekenner aller Religionen. — Um seine einmal gefaßte Meinung weiter zu bekräftigen, erhebt sich der Verf. besonders nachdrücklich gegen den Unsterblichkeitsglauben im Judenthume, sträubt sich mit aller Macht gegen die biblischen Stellen, welche diesen Glauben aussprechen oder andeuten, und läßt sich sogar zu der Behauptung verleiten, daß die Unsterblichkeitslehre erst „unter dem Einflüsse des Christenthums" im Judenthume heimisch geworden. Wir wollen heute nicht schon wieder auf diesen Gegenstand eingehen und verweisen auf unsere ausführliche Abhandlung „Die Unsterblichkeitslehre im Judenthume" im zweiten Bande unserer Religionslehre S. 231 ff., wo wir von Moses bis Mendelssohn alles prüfen, was hierauf Bezug hat. *) Beoenken mußte aber doch der Berf., oaß schon lange vor dem Christenthum die Pharisäer und Essäer den Unsterblichkeitsglauben zu einem ihrer Glaubenssätze gemacht und daß hierin die Sadduzäer ihnen ebenso bestimmt gegenüber standen; daß Philo vor, und Josephus zur Zeit des Entstehens des Christenthums die Unsterblichkeitslehre in ihrem vollsten Sinne besprechen und bekräftigen; daß die älteren Mischnischen Lehrer dieselbe in zutreffenden Sentenzen verkünden, und daß diejenigen Stellen der h. Schrift, welche den Zweifel an der Unsterblichkeit besprechen und bekämpfen, gerade für die Verbreitung dieses Glaubens im Volke Zeugniß geben. Daß seit jenen Zeiten die Unsterblichkeitslehre auch im Judenthume ein fester Glaubenssatz geworden, gesteht der Berf. selbst zu. Nun, eine Entwickelung auf dem Grunde des Mosaismus durch die ganze Geschichte oes Judenthums, z. B. 1) Wenn der Berf. S. 71 in freundlichster Weise, wofür wir ihm herzlich danken, eine Srelle aus dieser Leitung citirt, in welcher wir den Gegensatz Moje»' zum Aegyptizismus Nachweisen, so hätte er doch wohl statt dieser nur gelegentlichen Bemerkung vielmehr auch die von uns angeführte Abhandlung berücksichtigen müsien.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.