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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-01-01 · Heft 1 (1.1.1885) · p. Seite 7

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 1 (1.1.1885)
Date
1885-01-01
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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7 wollen, ist sie eiskalt und starr. Er verkündet auf dem Titel-1 blatte seines Buches, daß er „das Judenthum in Gegenwart und Zukunft" schildern wolle; aber für das Bild unsrer Gegenwart verwendet er nichts als die allbekannten, so oft wiederholten Schlagwörtcr der Antisemiten und er giebt sich nicht einmal die Mühe, sie auf ihre Wahrheit zu prüfen und irgend einen Beweis heranzubringen; er überläßt sich nur dem Erguß seiner Folgerungen aus den unerwiesenen Prämissen und Behauptungen. Unsere Zukunft fällt bei ihm deshalb auch nur in sehr schwachen, undeutlichen Zügen aus, aus welchen nichts bestimmt hervortritt. Wir können Herrn Hartmann versichern, daß wir, und zwar möglichst objektiv, unsre Gegenwart und unsre Zukunft bester kennen. Wer mit vorurtheilslosem Auge auf die jüdische Maste im Anfänge unsres Jahrhunderts — die gebildeten Juden von damals, welche z. B. in Berlin bekanntlich die Elite der Gesellschaft bildeten, ziehen wir nicht in Betracht — und sie mit ihrer gegenwärtigen Beschaffenheit vergleicht, der muß zugeben, daß in dieser vcrhältnißmäßig kurzen Zeit eine staunenswerthe Umwandelung, eine Fortbildung zum Deutschthum stattgesunden, eine Aneignung deutscher Bildung und Gesittung, ein Versenken in den deutschen Geist, eine Entfaltung deutsch - nationalen Sinnes und Patriotismus, und daß so auch die jüdische Maffe ihre Stellung im deutschen Volke sich wohl erworben hat, und so für die Zukunft die besten Hoffnungen erweckt. Daß zu diesem Bilde unsrer Gegenwart auch die düsteren Schatten des Antisemitismus gehören, ist selbstverständlich, und daß dieser mit seinen Wirkungen unser Verhältniß zu den übrigen Theilen des Volkes trübt und unser Borwärtsstreben erschwert. Aber wir wisten auch, daß diese Verbitterung gegen uns doch im Volke selbst lange nicht so stark ist, wie die Antisemiten durch ihr Geschrei glauben machen wollen und daß sie sich bei eingetretener Ruhe wieder abschwächen werde. Wir lasten uns deshalb in unsren guten Bestrebungen nicht beirren. Wir wollen aufrichtig und ganz deutsche Bürger fein, und mit allen unsren Kräften die Pflichten gegen Vaterland, Staat und Mitbürger erfüllen; dann aber auch unser religiöses Bekenntniß lauter und ganz aufrecht erhalten, wie es sich im Geiste und Bedürfniß der Zeit auf dem Boden unsrer Geschichte fortentwickelt, um so mehr als wir von der Ueberzeugung durchdrungen sind, daß dasselbe nicht allein nichts gegen unsre patriotischen Pflichten enthält, sondern uns zu deren gewiffenhaftester Erfüllung auffordert und anfeuert, wie es uns schon der Prophet vor drittehalb Jahrtausenden gelehrt: „Suchet das Heil des Staates, wohin ich Euch geführt, und flehet für ihn zum Ewigen: denn in seinem Heile wird Euch Heil sein." (Jerem. 29, 7), und die Talmudisten als oberste Satzung aufsteüten: „Recht und Gesetz des Staates sind Recht nnd Gesetz" (B. kam"113, 1 u. öfter) und vorschreiben: Bete für das Heil den Regierung, denn sie hütet Recht und Ordnung, „beten" als der Ausdruck der höchsten und wärmsten Empfindung verstanden. (P. A. 3, 2.) *) l) Es ließ sich voraussetzen, daß die Schrift Harlmanns Aussehen erregen und mannichfache Besprechungen Hervorrufen werde. Daß wir in unserer Beurthe-lung des Hartmann scheu Produktes nicht allein stehen, zeigt uns z. B. eine treffliche Kritik in der „Breslauer Zeitung" vom 17. und 18. Dezember. Es heißt da: „Man lese das Buch von der ersten bis zur letzten Seite, und der kühlste Kritiker wird sich sagen müssen, daß hier nicht Oel auf die schäumenden Bogen, sondern in die prasielnden Flammen gegossen wird, daß der Autor, der sich anstellt, als ob er zwischen den streitenden Parteien einen Vergleich stiften wolle, wie jene Porzia im „Kaufmann von Venedig", nur zum schein die theatralische Robe des ehrwürdigen Richters angelegt hat, in Wahrheit aber nur der Advocat der Partei ist, zu deren Gunsten er den Spruch fällt. Und da er diese Rolle mit einer wahrhaft glänzenden Dialecrik (?> und mit dem Aufwand aller seinec schriststelleris ben Darstellungskunst (?) zu Gebote stehenden Mittel durchführt, so wird sein Buch unfraglich einen starken Eindruck machen, und — sagen wir es kurz —der Sache des Antisemitismus eine von diesem selbst kaum erwartete Stütze gewähren, obwohl der Autor fast in jedem Capitel sich gegen seine Zugehörigkeit zum Antisemitismus vei wahrt und am Eingänge jedes Abschnittes den Standpunkt der Gerechtigkeit, Unparteilichkeit und Billigkeit betont. Dann aber gelangt er aus G:und willkürlicher und falscher Prämissen zu Folgerungen, die jenen Standpunkt wieder ganz illusorisch machen, und die Conscquenzen des scheinbar perhorrescirten Antisemitismus voll und ganz rechtfertigen." — An einer anderen Stelle weist der Kritiker nach, wie mangelhaft Hartmann's „Kenntniß der Iradirtcn und auch unter den nichtjn.ischen Theologen allbereitS richtig erkannten Grundlagen des jüdischen Glaubens auf seiner alterthümlichen und neueren Entwickelungsstufe ist" und „wie sich diese Unkenntniß in ihrer ganzen Blöße enthüllt." — Pro*. Dr. Pan Ins Cassel hat soeben eine Broschüre herausgegeben: „Ahasverus. die Sage vom ewigen Juden" (Berlin, Jnternat.Buchh. 188.»). In der Einleitung spricht er auch über Hartmann's Schrift. Er sagt u. A.. „Der Stolz unserer Tage in weiten politischen Kreisen heißt Opportunität. Diese hat zum Grundsatz, was Hecaklit im höheren Stil braucht: nävza Qti, oll.s fließt, d. h. sie hat eben keinen Grundsatz. Heut zu Tage ist man vor allem praktisch, wie die Kunst reali stisch ist. Sentimentales sich Versteifen auf Principien hält man nicht mehr an der Zeit. Man hat für alles die praktische Formel. Man bleibt vor nichts pietätvoll stehen. Es ist eine Art stiller Revolution in der Welt" „In unseren Tagen ist altmodische Humanität eine Chimäre, bis sic in irgend welcher Weise ein praktisches Mittel der Klugheit wird. Es ist nichts sicher; der Grundsatz der Grundsatzlosigkeit, Opportunität, rennt wie ein Nashorn durch den Forst und rennt und reißt alles nieder, was ihm in den Weg kommt. Man kann der Opportunität gegenüber auf nichts mehr rechnen." ..Hartmann wird mir auch zugeben, daß die Judenfrage auch nur eine That der Opportunität war und vielleicht jetzt nicht mehr ist." Der Philosoph wird mir auch zugeben, daß seine Schrift über das „Judenthum" auch nur eine Folge der Opportunität ist." „Bevor ein alter Gelehrter über das Judentum und die Juden schrieb, was machte er da für Studien! Er versenkte sich in die schwere Literatur der Inden selbst und suchte sogar ihre Sprache zu verstehen. Darüber sind die modernen Pablicisten hinaus. Ed. von Hartmann inag moderne Juden genug persönlich kennen, auch von den Salons reicher Israeliten manches wissen, mehr als ich — aber um über das Judenthum zu schreiben, hätte ich dem philosophischen Opportunitäts und Jndustriepublicisten gcrothcn. schon aus „wiffenschaftlicher Ehrlichkeit", wie sie sonst Ed. von Hartmann preist, etwas tiefer zu forschen, nicht blos, wie die Juden an der Börse „haudeln", sondern was sie in einem zweitausindjährigen Ringen und Leiden gethan haben." Literarischer Wochenbericht. Bonn, 15. Dez. „Das Endergebniß der Schopenhauer fchen Philosophie in seiner Uebereinstimmung mit einer der ältesten Religionen, dargestellt von Dr. David Asher

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