Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-01-01 · Heft 1 (1.1.1885) · p. Seite 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 1 (1.1.1885)
Date
1885-01-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227555-3227557--42287-3310829
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

durch die Kapitalmacht" u. s. w. gesprochen, wir werden, sagen wir, recht neugierig auf die „Mittel zur Abwehr" sein, die er im 9. Kapitel anzugeben weiß. Obschon er nun selbst (S. 133) darüber spöttelt, daß das große deutsche Volk „unfähig sein soll, sich gegenüber einer Minderheit von Vi3°io gegen wirthsckaftliche Knechtung zu wehren", so spricht er doch sofort wieder von der „dem deutschen Volke drohenden Ge- Artikels und jeder Notiz mit dem vollen, wahren Namen des Autors." (S. 176) — Aus allem Vorhergehenden wird man sich schon eine Vorstellung von den politischen Ansichten Hartmann's machen können. Er wüthet in seinem Schlußkapitel gegen den „Doktrinären Liberalismus". Wir wollen ihn nicht daran hindern und nur bemerken, daß Hartmann nur doktrinären Antiliberalismus treibt und die wirklichen politischen fahr". Wir haben schon gesehen, daß Hartmann den Staat I Verhältniffe aus seiner Vogelperspektive anschaut, die jedoch für berechtigt hält, die bürgerliche Gleichstellung der Juden wieder aufzuheben. Wenn dies nicht vorangegangcn, so hält er gesetzliche Maßregeln gegen die Juden als solche nicht für denkbar. Er wendet sich daher lieber zur Bildung einer Liga für eine „antisemitische Geschäftssperre" und erörtert, da nur retrospektiv ist. Er hält die Juden für durchaus konservativer Natur, jedoch nur für ihre eigenen Interessen; sie verlangen alle Freiheit für sich, wie die ultramontane Kirche, „aber er gönnt keinem Anderen eine Freiheit". Bor Allem nimmt er es ihnen übel, daß sie zur „freisinnigen Partei" er sie für möglich hält, die Wirkungen derselben auf acht ein Contingent stellen, und verlangt, daß sie allen Parteien langen großen Seiten: die Juden müßten dadurch ausge-! angehören, die nicht eine confessionelle christliche Tendenz hungert oder zur Auswanderung gezwungen werden. Nach haben. (Da bleiben doch nur die nationalliberale, an weldieser weisen Auseinandersetzung kommt er jedoch zum; Schluffe, von dieser Maßregel abzurathen, weil sie — den Streit verschärfen und den Frieden unmöglich machen würde. Ja, er verwirft (S. 148) alle Maßregeln, welche „gegen die Juden als solche gerichtet sind, weil solche den gehässigen Charakter von Ausnahmemaßregclu an sich tragen." Er empfiehlt vielmehr: „Niemand darf seine ganze Einnahme verbrauchen", sondern „cs muß die Rücklegung von Reserven in Gestalt obligatorisch erLohu- oder Gehaltsabzüge durch das Gesetz geregelt sein"; „Niemand soll spekuliren oder in einem Ladengeschäft kaufen, das keine festen Preise hat," u. s. w.; cher sich lange genug Juden betheiligten, und die deutsch-freisinnige übrig.) Aber auch in diesem Kapitel kann er seinen Wahn über die Herrschaft, welche die Juden überall üben sollen, nicht los werden, denn er hält die Juden für die „Oberlciter" jeder Partei, in welcher sie auftreten. — Was ist nun das Endergebniß aller dieser Expectorationen? eine sehr zahme Mahnung „zur Geduld".' Die Juden müßten Geduld haben den Antisemiten gegenüber, nicht empfindlich sein und sich bilden und erziehen, d. h. keine Juden mehr sein, in welcher Weise dieses Wort auch aufgefaßt werde. Die Christen müßten Geduld haben den Juden gegenüber. besonders soll „der Zwischenhandel verringert und auf jede denn auf friedlichem Wege würde in der Zukunft sich Alles Weise lahm gelegt werden" und für alle diese Zwecke empfiehlt schon ausgleichen. Für die Juden ist diese Mahnung sehr er de» llebcrgang zum Socialismus. (S. 157). — überflüssig. Für uns waren anderthalb Jahrtausende eine In dem Artikel „Kunst, Wisienschast und Presie" schreibt Schule der Geduld; und wer sehen will, der kann schon er den Juden nichts als Skeptizismus und Eklektizismus zu; aus der Frequenz der öffentlichen Schulen den in allen sie bringen es höchstens bis zum Talent, von ©eiiie keine Schichten der jüdischen Masse herrschenden Bildungs- Spur. Alle Erfolge, welche Juden erreichen, schreibt er „auf drang gewahren. Ob dieser Schluß auch nur den geringsten Rechnung des jüdischen Cliquenwesens, das seine Berzweilogischen Zusammenhang mit dem übrigen Inhalt der Schrift gungen überall hin erstreckt". Diese „Judenclique" ist es besonders, welche Juden auf Lehrstühle bringt. Daß ein Jude auf wissenschaftlichem Gebiete sich solche Befähigung und Verdienste zu erwerben vermöge, welche seine Berufung auf einen Lehrstuhl zum Bedürfniß machen können, begreift unser Philosoph nicht; doch müssen wir uns darüber trösten, weil er gegen die Universitätsprofeffurcn überhaupt feindlich gesinnt ist. Er mag seine Gründe dafür haben. Noch feindlicher ist er gegen die Tagcspreffe, die er durchaus beschränken, wenn nicht vernichten will. Er verlangt daher von der Gesetzgebung: 1) „Einführung des Jnseratenmonopols für das Reich, die Staaten, Provinzen, Kreise und Gemeinden; 2) durch Trennung der Börsen- und Handelszeitungen von den politischen; 3) durch Besteuerung der Zeitungen nach habe, wird der Leser leicht entscheiden. Das Buch Hartmann's wird von den Antisemiten mit Jubel begrüßt und als eine abermalige Stütze von ihnen betrachtet und benutzt werden. Und da muß uns denn der Herr Philosoph gestatten, ihm ein wenig in's Herz zu blicken. Warum hat er diese Schrift gerade jetzt veröffentlicht, wo die antisemitische Bewegung in Deutschland offenbar sich zu verlaufen begonnen hat? Jedermann wird sich zu dem Schluffe berechtigt fühlen: weil Hartmann eben dieser abnehmenden Bewegung wieder zur Hilfe kommen und sie noch einmal auffrischen wollte. Ob ihn dieses bewußt oder unbewußt geleitet habe, wollen wir nicht entscheiden. Die Sache liegt aber so und wie Herr v. Treitschke den Zug begonnen, so will Herr v. Hartmann ihn schließen. Herr v. Hartmann dem bedruckten Flächenraum. 4) Durch Unterzeichnung jeden, streckt uns die Friedenshand entgegen; aber da wir sie fassen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.