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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-01-01 · Heft 1 (1.1.1885) · p. Seite 5

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 1 (1.1.1885)
Date
1885-01-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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n thätig ist: sie alle streben nach der jüdischen Weltherrschaft. Mit solchen Phantastereien und Willkürlichkeiten läßt sich nicht streiten. Man braucht nur die Ueberschrist des folgenden Capitels „Wirtschaftliche Ausbeutung" zu lesen, um zu wissen, was man hier zu erwarten hat. Hartmann benutzt die Gelegenheit, seine volkswirthschaftlichen Ansichten weitläufig auseinander zu setzen. Derartigen Raisonnements über productive Arbeit und Handel, Werth und Lohn u. dgl. begegnet man jetzt so häufig, und es giebt so Wenige, die sich über diesen doch so viel umspannenden Gegenstand nicht ein nach ihrer Meinung unwiderlegbares Urtheil zutrauen, daß sich Niemand verpflichtet fühlen kann, die ihm eben vorliegende Auseinandersetzung seinerseits zu kriti siren. Die seit Jahrtausenden sich entwickelnde Organisation der menschlichen Gesellschaft und das rasch pulsirende, immer vorwärts treibende Leben werden in einseitigster Weise zerlegt, um ein Schema hervorzubringen, in welches man alle Erscheinungen hineindrängt und hineindrückt, daß sie ersticken müßten, wenn den betreffenden Autoren mehr als bloße Worte zu Gebote ständen. Wir wollen aus Hartmanns Expectoration zur Charakterisirung nur eine Stelle hervorheben (S. 106): „Der Handel vergeudet Unsummen auf Transportkosten, bloß um die naturgemäße Lösung der Frage zu verhindern oder doch hinauszuschieben; er schleppt z. B. die Baumwolle von Indien nach England, von Nordamerika nach Sachsen und schleppt die Gewebe aus derselben Baumwolle von England nach Indien, von Sachsen nach Amerika zurück ohne eine andere Wirkung, als daß er die englischen und sächsischen Baumwollspinncr hindert, nach Indien und Amerika zu gehen und die dort befindliche Baumwolle zu spinnen und zu weben." Hartmann, der für das deutsche Nationalgefühl so überaus begeistert und empfindlich ist, will also die sämmtlichen deutschen Baumwollspinner und Weber nach Amerika versetzen, wo sie natürlich der deutschen Nation und ihre Arbeit dem deutschen Nationalvermögen verloren gehen! Consequenter Weise muß er alle Industrien, welche aus dem Auslande bezogene Rohproducte verarbeiten, aus Deutschland nach den Ländern verpflanzen, wo die letzteren erzeugt werden. Damit würde der größte Theil der deutschen Industrie und der deutschen Arbeiter aus Deutschland verschwinden. Man sieht hieraus, wie weit der Haß Hartmann's gegen den Handel geht, dem er als einen argen Tadel vorwirft, was einsichtsvollere Männer demselben als eine verdienstvolle Thätigkrit nachrühmen werden. Bei dieser Anschauung vom Handel kann man sich schon denken, was die Juden von Hartmann zu erwarten haben. Aber er geht über alle Erwartung hinaus. Er giebr alle Juden — mit geringer Ausnahme — für „unreelle, unsolide, ausbeutende Geschäftsleute" aus; er bedauert, daß auch die Juden das Erbrecht genießen, weil, wenn ein unsolider christlicher Kaufmann stirbt, dessen Vermögen in bessere Hände fällt, die Hinterlassenschaft eines Juden aber in jüdischen Händen bleibt; er belobt die westeuropäischen Völker, weil sie die Inden in früherer Zeit vertrieben haben — (nachdem sie sie ausgeschlossen von allen Berufsarten, gedrückt, geplündert, verfolgt hatten!!) Mit einem Worte: er giebt die Juden „dem Hasse des Volkes" preis; und wirft „den Wortführern des Judenthums" vor, dies Alles zu leugnen. Nun, auch wir wünschen, daß die Juden sich dem Handel immer mehr abwenden mögen, obgleich wir wissen, daß, in welche Berufsart sie eintrcten, alsbald die Klage ertönt, daß sie dieselbe überschwemmen. Aber wir fordern Hartmann auf, die Beweise für seine Assertionen zu bringen. Dies thut er nicht; er stellt seine Behauptungen, seine grellen Beschuldigungen apodiktisch hin, ohne auch nur den geringsten Beweis heranzubringen. Bekanntlich haben dies andere Antisemiten versucht, aber stets konnten sie der Fälschung von Zahlen und Fakten überführt werden. Das scheint uns aber eines Philosophen nicht würdig, Behauptungen ohne Beweise aufzustellen; man könnte ihn nur entschuldigen, daß jene ihm „unbewußt" aus dem Herzen geflossen seien! Das deutsche Volk jedoch hat faktisch den Gegenbeweis erbracht. Jahrelang riefen die Antisemiten aus und ihm zu: „Kauft nicht bei den Juden!" — das Volk zögerte keinen Augenblick, doch bei jüdischen Kaufleutcn zu kaufen. Sie riefen ihm, wie Hartmann, aber mit viel weiter reichenden Mitteln zu: „sie sind Alle unsolid, unreell und beuten euch aus!" — aber das Volk traute seinen eigenen Erfahrungen mehr als jenen Schreiern und hielt die jüdischen Kaufleute für solide und coulante, auf nicht zu großen Gewinn bei erweitertem Umsatz haltende Kaufleute. Dies ist der vollste Beweis, daß das Volk dem Geschrei der Antisemiten nicht vertraute, und so wird es auch dem Herrn von Hartmann gehen. Denn das kann Hartmann unmöglich noch leugnen, daß er seiner Absicht, objectiv, d. h. unparteiisch zu urtheilen, völlig ungetreu geworden: vielleicht ohne seinen Willen! Doch wir wollen nun mit Herrn v. Hartmann zum Schlüsse kommen. Ueber die letzten drei Kapitel werden wir uns möglichst kurz fassen. Wo ist ein Stand, fragen wir, und wo eine Berufs- oder Menschenclasse, über welche die Kritik und namentlich eine befangene oder gar vorurtheilsvolle Kritik nicht Spott und Bitterkeit ausgießen könnte? In der That, kritisircn, auklagen, beschuldigen ist nicht schwer, viel schwieriger bcssermachen oder die Mittel zur Heilung angeben. Wir werden deshalb, nachdem Hartmann auf 132 Seiten über die Juden abgcurtheilt hat. von ihnen als „Fremden", von ihrem „ausschließlichen Stammesgesühl", ihrem Streben nach „aristokratischer Weltherrschaft", von ihrem „unsoliden, unreellen, ausbcutcnden Handelszweige", ihrer „Ausbeutung

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