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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-01-01 · Heft 1 (1.1.1885) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 1 (1.1.1885)
Date
1885-01-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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4 natürlich das Judenthum, das schon so viele Jahrhunderte hindurch Stand gehalten und auch jetzt keine Miene macht, zu weichen, natürlich, und da die Gegner immer sich einbilden, in ihrer Verurtheilung mit Niemandem leichter fertig werden zu können — worin sie sich ebenfalls irren — als mit den Juden, so hat der Verfasser es sich recht leicht ge. macht, dadurch aber auch Gelegenheit gegeben, seine Sophistik unschwer zu entwaffnen. — Wir können über die weiteren drei Capitel „Zurücksetzung im Staat", „Zurücksetzung in der Gesellschaft" und „Bevorzugte Stellung" schneller hinwegkommen. Wenn ein großer Philosoph stets gleichbedeutend mit einem großen Psychologen wäre, so würde Hartmann hier als ein sehr kleiner Philosoph erscheinen. Er hat sich nun einmal in die Voraussetzung verrannt, daß das deutsche Nationalgefühl mit den Gefühlen, welche in dem Juden noch für seine Glaubensgenossen leben und die er durchaus als „Stammesgefühl" charakterisiren will, in einem unversöhnlichen Gegensätze stehe. Er hat keine Ahnung davon, daß in der Brust des Menschen mehrfache Gefühle friedlich, ja innig verbunden, sich durch die Herzenswärme gegenseitig nährend, bestehen können; ihm ist es ausgemacht, daß kein Jude von deutscher Vaterlandsliebe erglühen, ja nur etwas deutsches Nationalgefühl hegen könne, wenn er auch nur die geringste Empfindung für seine Glaubensgenoffenschaft und Glaubensgenossen hegt: als wenn wir nicht dasselbe bei zahllosen Katholiken und Protestanten sähen; er wägt die Gefühle nach Pfunden und Lothen ab, und glaubt, daß der Mensch so Herr über alle seine Gefühle ist, daß er willkürlich das eine hinauswerfen, das andere hineinlaffen kann, während umgekehrt, wenn der Mensch ein in ihm wohnendes Gefühl unterdrückt, es nur kalt und öde in ihm wird, und auch die anderen Gefühle absterben. Jndeß weiß Hartmann dies Alles vielleicht ebensogut wie wir; aber jener vermeintliche Gegensatz bietet ihm einen bequemen Vorwand, die Juden zu bekritteln, zurückzusetzen, auszuschließen und als fremdes Volkselement zu bezeichnen. Allein es gelingt ihm doch nicht, mit all' seiner Dialektik, die psychologische Unwahrheit seines ganzen Vorwandes zu verschleiern. Er geht soweit, daß er den Eintritt eines Juden in den Staatsdienst und z. B. als Reserveoffizier von seinem Austritt aus dem Judenthume abhängig machen will. Hierdurch giebt er zu erkennen, daß er es doch nur auf das Judenthum selbst abgesehen, und daß seine Stammesfeindschaft nur die Maske seines religiösen Fanatismus ist, natürlich zu Gunsten seines dialektischen Monismus. Denn er tadelt es auch, daß man die Anstellung eines Juden von dem Uebertritt zum Christenthum abhängig mache, da hierdurch die Reihen des Christenthums verstärkt würden. Allerdings besinnt er sich hier auf Etwas, was er in früheren Capiteln vergessen hatte, daß nämlich ein solcher, durch äußere Motive erzwungener Uebertritt gegen „die Wahrheitsliebe und die Vertrauenswürdigkeit" laufe. Aber,Herr Philosoph, woher haben Sie denn die Gewißheit, daß jeder Christ ein hohes deutsches Nationalgefühl in sich trage, also von vorn herein die Befähigung zum Staatsdienste nach Ihrem Sinne habe? Woher kommen denn die von den Zeitungen fast täglich berichteten Unterschleife, Veruntreuungen, Fälschungen von Beamten, die keine Juden waren? Wie dürfen Sie voraussetzen, daß jeder Jude, weil er Jude ist, es an Pflichttreue, Diensteifer, Gewissenhaftigkeit, Patriotismus fehlen lassen werde? daß diese Tugenden ihm durchaus mangeln müssen? und Sie machen noch Anspruch auf Unparteilichkeit und Objectivität? Dies ist so naiv, daß man es kaum einem Philosophen in seiner Studirstube nachzusehen vermag. — Hartmann giebt sich auch viel Mühe, die geselligen Untugenden der Juden aufzuzählen und aus ihrer Vergangenheit zu erklären und findet die „Zurücksetzung in der Gesellschaft" deshalb sehr erklärlich. Wir wollen hierüber nicht mit ihm streiten; es mag dies ja bei nicht weninigen Juden wirklich der Fall sein, nur daß man die gesellige Feinheit und Bildung doch auch bei vielen Nichtjuden vermißt, daß an den Juden die geringste Auffälligkeit hervorgehoben und betont wird, daß es auch Gesellschaftskreise giebt, in die nicht hineinzugerathen, für die Juden gesellschaftlich und sittlich recht vortheilhaft ist. Die Hauptsache bleibt, daß man auch in geselliger Beziehung sich gewöhnt hat, alle Juden in einen Topf zu werfen und es die ganze Claffe büßen zu lassen, wenn Einzelne aus ihr unangenehm sind. Dasselbe ergiebt sich aus seinem Capitel „Bevorzugte Stellung". Hartmann versteht hierunter die jüdische Geldaristokratie. Er entwickelt weitläufig die Vorzüge des Grundadels und des Dienstadels. Das Volk beneidet diese, aber noch mehr den Geldadel. Auch wir sind Feinde der Plutokratie; aber wenn wir die ungeheure Mehrzahl der Juden betrachten, welche nur ein mäßiges oder gar kein Vermögen besitzen, die gewaltige Zahl der armen Juden, so fragen wir, wie sollen alle diese darunter leiden, daß es auch eine beschränkte Zahl reicher Juden giebt, die freilich in einer Groß» stadt wie Berlin auffallen kann, aber in der Masse der Juden verschwindet? Daß selbst diese reichen Juden nur einen verhältnißmäßig geringen Theil aller Reichen ausmächen, daß es nach der Organisation der menschlichen Gesellschaft Reiche und Arme immer gegeben hat und geben wird, daß auch von vielen reichen Juden ein angemessener und würdiger Gebrauch von ihrem Ueberfluß gemacht wird — dies find Dinge, aus welche unser Philosoph nicht zu rücksichtigen braucht. Nach ihm streben die jüdischen Reichen nach der Herrschaft, nach l er Weltherrschaft und zwar für alle Juden, und deshalb müssen sie als Feinde behandelt werden. Gleiches ist nach ihm der Fall, wenn ein Jude in die Verwaltung, namentlich die städtische, eintritt, oder in der Presse

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