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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-12-23 · Heft 52 (23.12.1884) · p. Seite 828

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 52 (23.12.1884)
Date
1884-12-23
Page
Seite 828 (sequence 8)
Language
German
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828 nung hegen, als daß der Menschengeist in seiner fortschrei-! tenden Verbreiterung und Vertiefung sich nicht durch irgend eine, das große Problem scheinbar lösende metaphysische Formel bannen und abgrenzen läßt. Wir haben dasselbe in unseren Tagen bei den Schellingianern, Junghegelianern u. s. w. erlebt, und allen diesen, wie den späteren Philosophemen ist jetzt der Neukantianismus nachdrücklich entgegengetreten. Aber unser Autor, und deshalb heben wir jene Aeußerung hervor, geräth mit sich selbst in Widerspruch. Er erklärt selbst wiederholt, daß er nur bei der Grundidee Schopenhauers stehengeblieben, aber dessen Folgerungen aus seiner Prämisse und den ganzen Pessimismus verwerfe, und er verspricht, unter günstigen Umständen, diese seine von Schopenhauer völlig abweichenden Ansichten systematisch auszuführen. Er knüpft also im Geiste schon selbst eine ganz neue und anders verlaufende Entwickelung an das, was ihm das Ende der Entwickelung erscheint. — Was nun der Autor als Uebereinstimmung Schopenhauers und des Mosaismus ansieht, hält er für eine großartige „Entdeckung", die er lange Zeit als „Geheimniß" mit sich umhergetragen, und die er nun der Welt offenbaren will. Um so mehr sind wir verpflichtet, ihm darin unsere Aufmerksamkeit zu schenken. Seinen zweiten Abschnitt betitelt er: „Arthur Schopenhauer, sein Leben und seine Lehre." Die letztere stellt er (S. 52.) Zweck, Grund und Bewußtsein, weil er ohne das letztere sein Ziel nicht erreichen, seinen Zweck nicht erfüllen könnte. Schopenhauer hat uns also das Problem gar nicht gelöst, sondern auf dem Grunde seiner Anschauung erst recht aufgestellt. Sein Wille ist ein leerer metaphysischer Begriff, aus welchem niemals etwas werden konnte. Doch wie gesagt, hierauf gehen wir an dieser Stelle nicht ein, sondern fragen jetzt nur, wie unser Autor diese Idee mit der mosaischen Gotteslehre.übereinstimmend finden will? Er findet sie darin, kurz ausgedrückt, daß im Mosaismus und nach diesem im Judenthume das größte Gewicht auf das „Leben" gelegt werde, und daß das Leben durch den „Willen" Gottes hervorgebracht worden, der die Quelle alles Lebens, der ein „lebendiger" Gott ist. Beides ist richtig, und könnte noch durch viel mehr Stellen unterstützt werden als unser Autor anführt, namentlich daß es der Wille Gottes, der Alles geschaffen, alle Wesen, so wie sie find, und von welchem sie in jedem Moment ihres Daseins abhängig find. Dagegen könnte man einwenden, daß, wenn in der Thora und bei den Propheten für die Erfüllung des Gesetzes „Leben" verheißen wird, die Verlängerung des Lebens und das Wohlergehen im Leben zu verstehen ist, nicht aber der abstrakte Begriff des Lebens, des Daseins. Bemerken wollen wir noch, daß wenn der Verfasser anführt, daß die Rabbinen vor jeder der jedoch an sich selbst bewußtlos ist. Der Wille ist das Erste, der Jntellect das Zweite: die Welt ist der Wille; die so dar. Bei der Frage nach dem „Ding an sich" haben alle Todesgefahr die Ausübung des Gesetzes zu unterlassen vor- Philosophen geirrt, indem sie den Jntellect als das Prius! schreiben, diese in dem bekannten Ausspruch hinzusetzen, daß angenommen haben; nach Schopenhauer aber ist es der Wille,! in drei Fällen der Israelit das Leben opfern müsse, nämlich wenn er gezwungen werden soll, Götzendienst zu üben, einen Mord oder Blutschande zu begehen. Sie stellen also die Dinge aber, in denen der Wille in die Erscheinung tritt,! höchsten Gesetze der Sittlichkeit weit über den Werth des bilden die Welt als Vorstellung. Der Wille, der bewußt-! Lebens. Aber wir sehen hiervon ab; die Hauptdifferenz lose, nicht von Erkenntniß getragene Wille, bleibt das Unjbesteht darin, daß, während Schopenhauer den Willen als abänderliche in allen Dingen. Dieser Wille ist „schlechthin j das Ding an sich bewußlos, grundlos und ziellos anfieht, der grundlos, frei von aller Vielheit, Einer, untheilbar, sein Mosaismus als den Grund aller Dinge den Willen Gottes Streben ein endloses, ohne Ziel." Frägt man nun, was lehrt; mit dem Begriffe Gottes kann aber schon an sich Bedieser Wille wolle? so antwortet Schopenhauer, daß der mußt-, Grund- und Ziellosigkeit gar nicht verbunden wer- Wille vor Allem der Wille zum Leben, oder richtiger, zum den, und so lehren auch der Mosaismus, die ganze hei- Dasein ist, jedoch nicht als eine Folge der Erkenntniß des lige Schrift und alle Lehrer des Judenthums, daß Gott die Lebens, so daß der Wille zum Leben sich nicht infolge der! Welt und alle Wesen mit Allweisheit geschaffen, d. h. durch Welt einfindet, sondern die Welt infolge des Willens zum | seinen Willen vollbewußt die weisesten Schöpfungsgedanken Leben. — Wir wollen hier diese Grundidee Schopenhauers! ausgeführt, jegliches Wesen mit bestimmtem Zwecke und nicht bestreiten, nur das Eine bemerken: entsteht hier nicht! mit den diesem Zwecke entsprechendsten Mitteln geschaffen sofort die Frage: wie kommt denn dieser bewußtlose, grund-! hat. Dies ist Alles so notorisch, daß Belege gar nicht lose und ziellose Wille dazu, mit einem Male der Wille zum nothwendig wären. In der Schöpfungsgeschichte heißt es: Leben zu werden? will dieser Wille das Leben, so ist er nicht mehr ziellos, der inhaltslose bekommt plötzlich einen Inhalt, er will nicht blos etwas, sondern etwas ganz Bestimmtes, das Dasein, das Leben. Indem er sich deshalb in den Erscheinungen „objectivirt", d. h. die Dinge hervorbringt, hat er seine Natur völlig verändert, er hat Ziel, „Gott sprach: Es werde Licht! und es ward Licht." „Sprechen" heißt aber, einen Gedanken zum Ausdruck bringen und sagt so, daß der Gedanke dem Willen und der That vorangegangen, daß der Gedanke durch den Willen verwirklicht wurde. Ausdrücklich heißt es Spr. 8, 22: „Mich (die Weisheit) schuf der Ewige als seines Wandels Anfang,

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