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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-12-23 · Heft 52 (23.12.1884) · p. Seite 824

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 52 (23.12.1884)
Date
1884-12-23
Page
Seite 824 (sequence 4)
Language
German
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824 von Neuem zu wecken und zu stärken, ist schwer. Freilich ankommt, sich bethätigen. Steht etwa das stark entwickelte wirft Hartmann den „Wortführern des Judenthums" vor, dieses Familiengefühl dem Patriotismus feindlich gegenüber oder „Stammesgefühl" in den Juden sorgfältig zu erhalten. Dies l thut ihm wesentlichen Abbruch? Ist die Liebe zu seiner ist aber wiederum ein Ausfluß der Einseitigkeit Hartmann's. j Vaterstadt, zu seinem Heimathsorte mit einem kräftigen Na- Anderthalb Jahrtausende hat man die Juden aller Orten j tionalgefühl, mit Liebe für Kaiser und Reich unvereinbar? unter dieselben Verhältniffe, dieselbe Ausschließung, denselben Kann der gute Sachse oder Schwabe nicht zugleich ein sehr Druck, dieselben Verfolgungen gestellt; hat sie überall als eine und dieselbe Körperschaft behandelt, sie daran gewöhnt, was einem Theile zum Schaden oder zum Nutzen gereicht, als das Loos der Gesammtheit zu betrachten — und da klagt man sie dann an, daß in ihnen ein Gefühl der Zusammengehörigkeit lebe! In den jüngsten Jahren, namentlich in Deutschland, hat man wiederum die sämmtlichen Juden guter Deutscher sein? Kann also auch in einem jüdischen Herzen nicht die Flamme des deutschen Patriotismus hell auflodern, wenn es auch noch ein besonderes Gefühl für seine Glaubensgenoffen hegt? Nein, ein warmes Gefühl, eine wahrhaft innerliche Empfindung wird mit derselben Kraft Vaterland, Heimathsort, Familie und Glaubensgenoffenschaft umfassen, und je inniger sein Gefühlsleben ist, desto wärmer in einen Topf geworfen, sie Alle mit denselben Anschuldigungen! wird er für alle diese Gegenstände seiner Liebe sich zu ent- und Verdächtigungen ohne Unterschied belastet, gegen sie Alle! flammen befähigt sein. Hierzu kommt nun, daß das sogebeschränkenden Maßregeln vorgeschlagen und gewaltthätige Ausschreitungen hervorgebracht — und dann tritt man mit der Klage auf, daß sie ein gewisses Gemeingefühl für einander hegen! — Dennoch kann selbst Hartmann nicht umhin, anzuerkennen, daß das deutsche Nationalgefühl in dem Herzen der deutschen Juden Platz gegriffen und sich sicherlich immer mehr darin befestigen werde. Sein Jrrthum besteht aber auch hierin, daß er dieses deutsche Nationalgefühl nur den höher gebildeten Juden zuschreibt. Er nicht. Auch in der Masse der weniger gebildeten Juden hat dieses deutsche Nationalgefühl Wurzel geschlagen und wird gegenwärtig nur durch den furchtbaren Judenhaß geschwächt, den man in allen Claffen des deutschen Volkes wieder anzufachen verstanden hat. Hartmann schreibt dieses Erwachen des Nationalgefühls in den Juden der Emancipation zu. Auch das ist falsch. Wer die Kämpfe, namentlich seitens der Juden um die Emancipation kennt, die schweren Kämpfe während fast eines ganzen Jahrhunderts, der muß doch begreifen, daß das Verlangen, der Nation anzugehören, in den Juden seit einem Jahrhundert, lange also vor der erlangten Emancipation, also auch das Nationalgefühl mächtig vorhanden war. Man überschätzt in der That dieses „Stammesgefühl der Juden", das bereits in sehr zahlreichen Individuen ziemlich erloschen ist, Individuen, die möglichst ihr Judenthum verheimlichen. Aber ohne daß wir dasselbe irgend ableugnen wollen, müffen wir es doch als einen entschiedenen Jrrthum, als einen auffälligen Mangel an psychologischer Kenntniß erklären, dieses jüdische Stammesgefühl durchaus als unvereinbar mit dem deutschen Nationalgefühl anzusehen. Selbst unser Philosoph, wahrscheinlich aus seiner Sucht nach Schablone, die er ja in seinen früheren Schriften genugsam manifestirt hat, begreift es nicht, daß in dem Herzen des Menschen mehrfache Gefühle mit einander Raum haben, die sich durchaus nicht bestreiten oder abschwächen, die nannte Stammesgefühl der Juden ja noch einen ganz anderen Hintergrund hat, nämlich den des gemeinsamen Bekenntnisses und wir behaupten, daß diese Glaubensgemeinschaft die Hauptingredienz des den Juden zugeschriebenen Stammesgefühls bildet. Den Beweis hierfür liefert die Erkaltung, die gegen einen Juden eintritt, der seine Religion verlassen hat. Wäre es wirklich ein Stammesgefühl, so wäre dies nicht der Fall, da die Abstammung des getauften Juden dieselbe bleibt, kennt eben andere! Eine noch stärkere Erkaltung findet bei den getauften Juden statt und dies erweist wiederum, daß hier die gemeinsame Abstammung nur eine sehr schwächliche Rolle spielt. Noch hat ader Niemand den Katholiken und den Protestanten das deutsche Nationalgefühl abgesprochen, weil sie eine gewisse Neigung für ihre Glaubensgenossen hegen, weil sie für ihre Glaubensgenossen große Stiftungen machen, dieselben in der Diaspora unterstützen, selbst große Opfer bringen, um ihren Glauben in fernen Ländern zu verbreiten. Aber den Juden wird so etwas verargt; sie beweisen den Mangel an deutschem Nationalgefühl, wenn sie dergleichen thun! Das ist das gleiche Maß, mit dem man mißt, das ist die Objectivität, die der „Philosoph" bekundet! — Jndeß sucht Hartmann auch hier nach einem praktischen Anhalt. Glücklich scheint er uns in der Wahl nicht zu sein. Er schlägt als ein Experiment vor (S. 57): „Wenn der Jude in die Alternative versetzt wird, von zwei gleich würdigen und bedürftigen Menschen nur einem helfen zu können, entweder einem fremdstaatlichen Juden oder einem nichtjüdischen Landsmann." Er fährt fort: „Ich zweifle nicht daran, daß bei solcher Probe in dem bei weitem größeren ungebildeten Theile der deutschen Judenschaft das jüdische Solidaritätsgefühl den Sieg über das nationale davontragen würde und daß nur bei einem Theile der gebildeten deutschen Juden das entgegengesetzte Ergebniß eintreten würde." Das sind doch sonderbare Prämissen. Es müssen zwei gleich würdige. in voller Kraft nebeneinander bestehen und sobald es darauf: zwei gleich bedürftige vorausgesetzt werden, zwei, die in ganz

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