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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-12-23 · Heft 52 (23.12.1884) · p. Seite 823

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 52 (23.12.1884)
Date
1884-12-23
Page
Seite 823 (sequence 3)
Language
German
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823 des Judenthums neben den Bischöfen und Superintendenten' einen Sitz einnehmen wird. Dies zur Charakteristik des ablaufenden Jahres, und unsere Zuversicht auf den göttlichen Beistand und auf die Kraft der humanen Civilisation läßt uns für die weitere Entwickelung im kommenden Jahre das Beste erhoffen. Das IudenthuM in Gegenwart und Zukunft. (Nach Eduard vou Hartmann.) III. Das gewichtigste Capitel ist das dritte, welches die Ueberschrift „Stammesgefühl und Nationalgefühl" trägt; unter ersterem versteht der Verfaffer das Gefühl der Juden als Stammesgenoffen, unter letzterem das Gefühl der Nation, welcher der Jude angehört, hier insonders das deutsche Nationalgefühl. In diesem Capitel erweist sich Hartmann als echter vollständiger Antisemit, aber auch als einseitiger, oberflächlicher Philosoph. Durch das ganze Capitel spricht er in entschiedenster Weise von der „aristokratischen Weltherrschaft", welche die heutigen Juden erstreben, erhoffen, erträumen. Und es ist hier nicht etwa von irgend einer ideellen, sondern von einer ganz realistischen Weltherrschaft die Rede, deren „Joch" die Juden den Völkern auferlegen, gegen welche diese sich aufbäumen und dieselbe zertrümmern werden. Diese letztere Aufgabe werden nach Hartmann die Sozialdemokraten übernehmen. Wer gegen einen Theil des Volkes eine solche Anklage erhebt und sich dabei von vornherein als Philosoph einführt, von dem kann man doch mit Recht fordern, daß er diese „aristokratische Weltherrschaft" definire, ihre Natur bestimme und die Mittel und Wege angebe, durch welche die Juden sie erringen wollen. Von allem dem findet man aber nicht die Spur. Hartmann begnügt sich mit dieser allgemeinen Phrase. Da er die Sozialdemokraten als letzte Aushülfe der Völker anführt, so können wir voraussetzen, daß er unter jener Aristokratie die Macht des Capitols vermeint. Er scheint daher die Börsenfürften für die gesammte Judenheit zu nehmen, und hiermit erweist sich seine Einseitigkeit und Oberflächlichkeit. Daß es einige Juden giebt, welche auf der Börse eine Rolle spielen, geben wir zu. Damit jedoch die große Maffe der Juden, die über die Erde zerstreut sind und im Schweiße ihres Angesichts ihr Brvd erwerben, und die — man denke z. B. an die 3^-2 Millionen russischer und an die Million orientalischer Juden — zum Theil in Armuth und Elend leben, zu identifiziren, ist ein starkes Stück, das nur ein echter Antisemit fertig bekommt. Daß diese jüdischen Finanziers doch nur einen sehr verhältnißmäßigen Theil der Finanz- und Kapitalwelt ausmachen, daß zu den Leitern der Börse, namentlich in Paris, London und New-Z)ork viel mehr Christen gehören, könnte er wissen; ebenso, daß die Macht und der Einfluß der Börse, die vor Jahrzehnten sehr übertrieben erachtet wurde, in der Gegenwart, der Großindustrie und dem Grundbesitz gegenüber, auf ein bescheidenes Maß reducirt sind. Noch leichter konnte er in Erfahrung gebracht habendaß gerade die Mehrzahl dieser jüdischen Finanziers die lauesten, indifferentesten Juden sind, die vom Judenthum so gut wie gar nichts mehr wiffen wollen, die nur nach christlichen Verbindungen streben und sich glücklich schätzen, wenn sie ihre Töchter an verarmte Aristokraten bringen können. Aus diesen Leuten für die gesammteJudenheit die Idee einer aristokratischen Weltherrschaft zusammenzuleimen, dazu gehört eine verbrannte Phantasie, die unter der Aequatorsonne des Judenhasses gelitten hat. Schreiber dieses steht seit einem halben Jahrhundert gewissermaßen im Mittelpunkte des Judenthums, kennt die Bestrebungen, Gesinnungen und Meinungen seiner Glaubensgenossen, wie sie sind und wie sie sich in Thatsachen und Handlungen kundgeben, und hat von einem Verlangen nach einer solchen jüdischen „aristokratischen Weltherrschaft" niemals etwas erfahren, bis die Antisemiten sie entdeckt und ans Licht gebracht haben. Was die Juden meinen, ist ihr Glaube, daß dereinst die monotheistische Gotteslehre die religiöse Anschauung der ganzen Menschheit sein werde; sie meinen aber zugleich, daß dieses Resultat ganz von selbst, ohne ihr Zuthun, auf dem Wege der geistigen Entwickelung erreicht werden würde und daß sie nur die Aufgabe hätten, diese monotheistische Gotteslehre bis zu jener fernen Zukunft getreulich zu bewahren. Was dieser Glaube mit einer aristokratischen Weltherrschaft gemein haben kann, ist nicht abzusehen. Unser Verfaffer muß dies gefühlt haben, denn er sucht nach irgend einem factischen Anhalt. Und dies ist wieder nichts anderes als die Alliance israelite universelle. Er gesteht zwar selbst zu, daß diese nur Culturzwecke im Oriente verfolgt — ihre Thätigkeit beschränkt sich ja nur auf die türkischen Staaten und Nordafrika — aber Hartmann weiß doch viel von ihrem Einflüsse und ihrer „Capitalmacht" vorauszusagen und daß sie so dereinst die Centralgewalt der jüdischen Weltherrschaft bilden werde. Von dieser „Capitalmacht" der Alliance hat er sich wahrscheinlich aus den antisemitischen Blättern unterrichten lassen: wir wiffen nichts davon; die Alliance lebt von kleinen freiwilligen Beiträgen, höchstens noch von einigen Spenden des Baron Hirsch, und gerade die jüdischen Finanziers halten sich gänzlich von ihr zurück; ihre Fonds übersteigen nicht etwa 200000 Fcs. Daß dies die Mittel und Wege abgeben könne, um zu einer Weltherrschaft zu gelangen, kann unmögcin „objectrver" Beobachter, als welchen Hartmann sich einführte, vermeinen. — Alles dies entspringt dem Verfasser aus dem „Stammesgefühl" der Juden und er stellt nun dieses dem Natio- : nalgefühl gegenüber, betrachtet es als einen Feind des letzteren j und verlangt von den Juden, es gänzlich aufzugeben. Nun, eine solche Forderung zu stellen, ist leicht, aber sie auszu-; sühern, wenn alles Mögliche geschieht, um jenes immer 52*

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