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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-12-16 · Heft 51 (16.12.1884) · p. Seite 816

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 51 (16.12.1884)
Date
1884-12-16
Page
Seite 816 (sequence 12)
Language
German
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816 errettet, sondern mit den nothwendigsten Kleidungsstücken versehen werden konnte, daß seine Schnorrreisen durch Deutschland eingeschränkt wurden, ja, daß die jüngere Generation in der erwähnten, von Dr. Rülf am 1. November 1879 eröffneten russisch israelitischen Freischule (Armenschule) einen geregelten Unterricht in hebräischen und deutschen Lehr gegenständen erhält. Bevor wir näher auf die Zustände in dieser neuerdings reorganisirten Schule eingehen, wollen wir die besondere Befriedigung registriren, welche es allgemein hier hervorruft, daß Herr Dr. I. Rülf als Gründer und Leiter der obengenannten Schule noch vor seinem 25 jährigen Amtsjubiläum, das am 15. November stattgefunden, die Freude erlebt hat, sein Unternehmen durch ein ad hoc bewilligtes Capital von 50000 Mark seitens des deutschen „Eentral- Comites" für die russisch-jüdischen Flüchtlinge sichergestellt zu sehen. Zu der für die Reorganisation der russisch-jüdischen Grenzschule zu Memel entscheidenden Sitzung vom 16. Mai 1883 war aus Berlin als Vertreter des Berliner Comitcs, Herr Justizrath Makower, dessen Wirksamkeit auf diesem Gebiete bekannt ist, anwesend. In dieser Sitzung wurde Rechnung über die bisherige Verwaltung der Fonds gelegt, die Freischule hatte vom 1. Mai 1882 bis 1. Mai 1883 für 75 Schüler 2797 Mark gekostet, eine im Berhältniß zu der Anlage des ganzen Unternehmens, das mehr vollständiges Erziehungsinstitut als Privatschule ist, winzige Summe. Der Zuschuß der Alliance ist nun seit kurzer Zeit fortgefalleu und die Schule kann ohne die Subvention der „Alliance" nicht fortbestehen. Die Seele der erwähnten Schule ist Herr Dr. Rülf, auf ihm ruht die ganze Arbeitslast, oft bringt der humane Mann auch Tausenden von gedrückten braven russischen Ftücht-- lingen Erlösung und Hülfe. So ist das 25 jährige Amtsjubiläum des Dr. I. Rülf in Memel nicht ein Jubiläum wie jedes andere, sondern es ist eine äußerliche Anerkennung seiner Verehrer der so speziellen Arbeit für seine unglücklichen Glaubensgenosien im Osten, für die der Jubilar seine Gesundheit aufgeopfert hat, für die er jede andere Rücksicht, selbst unter Verzicht auf eine Besierung seiner Position, die ihm auf diesem traurigen Posten festhält, seinem Ideale nachgestellt hat. — — Bei Gelegenheit des so schmählich verlaufenen Jubiläums der Universität in Kijew hat Herr L. Brodski es sich nicht nehmen lassen, 5000 Rubel zu einer Stiftung herzugeben. Dafür hat er nun die Ehre gehabt, weil er Jude ist, daß in dem von der Universität herausgegebenen Stiftungsverzeichnisie sein Namen nicht aufzufinden ist! Wer den Schaden hat, darf für den Spott nicht sorgen. — Ernster behandelt der „Woschod" die Sache, indem er erörtert, wie die Universität eine Gabe annehmen konnte, deren sie sich chämt! Tann aber schlägt auch dieses Blatt um und kommt in das allgemeine Fahrwasier: Wie mochte Herr B. seine Leute so wenig kennen? Der „Hamelitz" fügt hinzu: Jft's jetzt, wo der Jude überall zurückgestoßen wird, an der Zeit, die Hand unserer Verächter und Bedrücker zu küssen? Die Universität Kijew hat von jeher Juden nur dann unterstützt, wenn sie sich tauften. Dr. Mandelbaum wurde nicht zur Professur zugelassen, weil er Jude ist! Die Hauptantisemiten Pich na und Soligin dürfen Professoren in Kijew sein — ihre Judenfeindschaft befähigt sie dazu. Ist ja auch die Anregung, die Zahl der jüdischen Gymnasiasten und Studenten zu beschränken, von hier ausgegangen. Und trotzdem stiftete ein Jude, der kein Schüler dieser Hochschule ist, ein Stipendium? Giebt es denn nicht für die Glaubensgenossen jetzt genug Stellen, wo die 5000 Rubel fehlen? Und wenn auch das Stipendium, wie man nachträglich hört, für jüdische Studenten bestimmt ist — sind die jetzigen Professoren Bürgen dafür, daß sie es nur solchen zuwenden werden, die am Taufbecken stehen. Jetzt heißt es in Rußland: Bon Juden, für Juden, durch Juden!!! — Es hat in der obengenannten Stadt allseitig überrascht, daß Professor Benedict (Jude) aus Wien, der beim Universitätsjubiläum zu Kijew Oesterreich vertrat, zum Ehrenmitgliede der Universität ernannt und überall mit Ostentation geehrt worden ist, obschon er - Jude ist. Die Thätigkeit der in der Judenfrage eingesetzten Commission hat sich, wie die „Nowosti" aus Petersburg berichtet, bis jetzt nur auf historische Untersuchungen konzentrirt. Von einem der Mitglieder der sog. „Judenkommission", dem Fürsten San-Donatv P. Demidow, wird in nächster Zeit ein interessantes Memoire über die Geschichte der Judenfrage in Oesterreich, Frankreich, Deutschland u. s. w. erscheinen, eine Fortsetzung seiner im vergangenen Jahre veröffentlichten Schrift über „die Juden und Judenthum in Rußland." — Laut der Mittheilung russischer Blätter sollen sich zuständige Behörden an die sog. „Judenkommission" mit der Vorstellung gewendet haben, die Leitung der Matrikel den sog. „Kronsrabbinern" abzunehmen und sie der Polizei zu übergeben. Als Grund sollen verschiedene Mißbräuche dienen, deren sich mehrere Rabbiner haben zu Schulden kommen lassen. Daß solche Mißbräuche wohl stattgehabt, unterliegt kaum einem Zweifel und, wer mit den Charakter und Wesen unserer sog. „Kronsrabbiner" bekannt ist, wird sich sicher kaum darüber wundern. Sind sie ja, einige wenige ausgenommen, die man an den Fingern herzählen kann, nichts weniger als Rabbiner, und wollen sie, wie aus ihrem Leben, Benehmen und Wissen zu urtheilen ist, auch selbst gar nicht als solche gelten. Sie find einfach überflüssiig. Regierungsbeamte und dazu noch meist verpfuschte „Tschinowniki", welche als eine unnütze Bürde den armen jüdischen Gemeinden zur Last fallen, und es hegen wohl sämmtliche russische Juden keinen

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