Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 51 (16.12.1884)
- Date
- 1884-12-16
- Page
- Seite 810 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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810 „Dich, den keine Himmel fassen, Faßt dies Haus der Erde nicht; Doch es bleibe ob ihm offen Deines Auges heilig Licht! Hör' es, wann an dieser Stätte Deines Lobes Stimme spricht. Hör' es wann der Ruf -er Sünde, Gott, hier fordert dein Gericht. „Wenn der Unterdrückte flehet. Werde du hier für ihn laut; Wenn die Lüge sich verhüllet. Sei ihr Schleier hier durchschaut; Heilung werde hier dem Kranken Wenn auf dich er fromm vertraut; War der Boden dürr, so werd' er. Wenn hierher er blickt, bethaut. „Wenn dein Volk verbannt zu Fremden, Um der Heimat Boden fleht. Hingewendet nach der Seite, Wo dies Haus des Lichtes steht. Laß, o Herr! dein Ohr empfahen Der Verstoßenen Gebet: Führ sie wieder nach dem Lande, Wo der Geist der Väter weht. „Wenn ein Fremdling hier dich anruft. Der nicht in dein Volk gehört, Werd' ihm seiner Sehnsucht Bitte Gnadenvoll von dir gewährt. Daß, wem dieses Haus gebaut ist. Auch das fernste Herz erfährt. Und von all der Erde Völkern Einst dein Name sei verehrt." Bonn, 7. Dez. In Paris macht jetzt ein Roman vieles Aufsehen, der in den letzten drei Nummern der Revue des deux Mondes stand, und jetzt auch in Buchform erschienen ist: Bes Monaeh par Robert de Bonniäres. Man erinnert sich, daß vor zwei Jahren dieselbe Revue einen sehr judengehässigen Roman aus Rußland brachte. Man ist daher vielseitig geneigt, auch den vorliegenden Roman aus der Feder eines streng katholischen Legitimisten als von antisemitischer Tendenz ausgehend zu betrachten und einige Pariser Journale haben darüber ihre Entrüstung ausgesprochen. Andere wollten ihn im Gegentheil als philosemitisch demonstriren. Man wird also gut thun, ihn gar nicht aus diesem Gesichtspunkte zu betrachten. Er liefert eine Schilderung jener jüdischen reich gewordenen Emporkömmlinge, wie sich einige in allen Großstädten finden, die nach nichts mehr als nach aristokratischen Verbindungen streben, dazu den ausfälligsten Luxus entfalten, weder Juden noch Christen sind und sich ihrer jüdischen Abstammung schämen. Derartige Figuren sind in deutschen Romanen keine Seltenheit mehr und fangen bereits an, das Publikum zu langweilen. In Frankreich sind sie noch etwas Neues, Pikantes, und finden deshalb ein empfängliches Publikum. Der Verfasser hat sich viel Mühe gegeben, die religiösen Bräuche der Juden kennen zu lernen und zu schildern, wobei er natürlich oftmalige Verstöße macht, wie es ja auch George Eliot in ihrem „Deronda" erging. Aber auch er kennt die wirklichen Juden nicht und insinuirt ihnen z. B, daß alle modernen Juden von der Sehnsucht erfüllt sind, nach Palästina zurückzukehren, den Tempel wieder zu i erbauen, und Rinder und Schafe darin zu schlachten. Während j aber jene englische Dichterin die erhabensten Ideen und die! reichste Phantasie, verbunden mit tiefer Innigkeit und edelstem > Sinne entfaltet, erhebt sich der Franzose nicht vom realisti-! schen Boden und selbst seine Sprache entbehrt jener Feinheit j und Flüssigkeit, die bei den älteren französischen Romanciers j so sehr entzückten. Eliots Werk wird daher bleibenden Werth Ist der Inhalt des Buches nach dieser Seite hin er-! behalten, während Bes Monach zu den Eintagsfliegen gehebend, so ist er nach einer anderen belehrend. Nicht jedem | hören und mit dem Sensationellen auch ihr Dasein verlieren ist es gegeben, aus den Schätzen der Weisheit zu schöpfen/werden. — Eine recht wackere Dichtung hingegen haben wir welche die großen Geister aller Völker und Zeiten gewonnen; zu besprechen in: Bes Captifs, I)rame Judeo - Romain en haben. Die Arbeit Notters bietet in leicht übersichtlicher prose en quatre Actes et un tableau par Maurice Walch. Ordnung das Köstliche daraus; sie reicht uns Aepfel in sil- (Paris, A. Durlacher 1864). Allerdings ist über das ganze berner Schale. Wer sich dieselben aneignet, wird Gewinn und Freude davon haben. W. Der im v. I. als 81 jähriger Greis verstorbene Verfasser war ein echt liberaler Mann und hat sich auch in der Judenfrage in der Württ. Kammer der Abgeordneten, im Parlamente zu Frankfurt a. M. und im Reichstage stets als solcher gezeigt. Deshalb wird es mich freuen, wenn sein oeuvre posthume Stück ein dichter Trauerflor gebreitet. Es hat das düstere Geschick der jüdischen Gefangenen in Rom nach der Zerstörung Jerusalems zum Gegenstände und den sittlichen Heroismus, den sie unter den schwersten Leiden bewährten. Der Dichter entlehnte zu seinem Thema dem Talmud die bekannte Erzählung von den beiden durch Schönheit ausgezeichneten Kindern des Rabbi Jsmael aus dem Priestergeschlechte. Als in gebildeten jüdischen Kreisen Anerkennung und Verbreitung; Sklaven nach Rom gebracht, ohne daß sie von einander findet. W.! wußten, wollten ihre Herren sie miteinander verbinden, um