Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 51 (16.12.1884)
- Date
- 1884-12-16
- Page
- Seite 809 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227501-3227553--42244-3310792- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
809 die ihr eigenes Leben und ihre Unabhängigkeit haben, nichtsdestoweniger weiter fortbestehen. Aber das Streichen des dem israelitischen Seminare gewährten Zuschusses wäre die Zerstörung dieses Etablissements; denn es sind nicht nur die Stipendien, die man ihm entzieht, es sind die Gehälter seines Directors und seiner Lehrer, es sind die Unterhaltungs- und Verwaltungs- Kosten, kurz Alles dessen, was seinem Bestehen unentbehrlich ist. Was diese Maßnahmen noch verschlimmern würde, ist, daß der israelitische Cultus nicht wie die christlichen Culten, Facultäten besitzt, welche den Religionsunterricht organisiren, die Diplome ertheileu und die jungen Leute zu ihrem heiligen Berufe ausbilden. Wenn man uns das Seminar nähme, könnte das Central Consistorium, das nach den Bestimmungen des Art. 3 des Decretes vom 29. August 1862 die Diplome verleiht, diesen Thcil seiner Mission nicht mehr erfüllen. In der Fremde müßten unsere Prediger sich ausbilden und Frankreich würde dem israelitischen Cultus nicht mehr die Wege bieten, die Bildung seiner künftigen Rabbinen zu sichern; wäre das nicht ein Umsturz der Constitution des jüdischen Cultus, einer Frankreich ganz allein eigenen Constitution und die ihm gemit dem nach dem Tode des Verfassers vom Herrn Prälaten Beck in Schwäbisch-Hall herausgegebenen Werke: Gott und Seele. Stimmen der Völker und Zeiten von Friedrich Natter. Nur ein Mann wie der berühmte Danteübersetzer Dr. Notier, zugleich Dichter und Gelehrter und unermüdlicher Forscher, vermochte eine so großartige Leistung zu Stande zu bringen, und auch er nur mittelst hingebender unverdrossener Arbeit während der letzten Jahrzehnte seines Lebens. Für die Leser dieser Zeitung dürfte das Buch „der Hebräer" in der ersten „Zeugniß der Völker" überschriebenen Abtheilung, sowie die „Aussprüche der Hebräer" im „Buche der Welt" von besonders großem Interesse sein. Hier werden Stellen aus der heiligen Schrift und den Apokryphen in ausgezeichneter Uebersetzung und Ueberarbeitung wiedergegcbcn, welche unwiderleglich darthun, daß jene älteste Urkunde des Menschengeschlechts in erhabenen, unübertroffenen Aussprüchen richtige Erkenntniß Gottes und der Menschenscele und beider Beziehungen zu einander aller Welt verkünde. Wahrhaft meister- und musterhaft ist die poetische Uebertragung des Gebetes Salomos bei Einweihung des Tempels (1. Kön. 8, 10—50), welche sich im „Epilog" S. geben worden, um sie mit dem Civilgesetz des Landes in Eini 465 findet. Wir geben sie hier in der Ueberzeugung wieder, klang zu bringen!! den geschätzten Leiern dieser Zeitung dadurch einen großen Der Staat ist es, der, indem er dem Rabbinate Vor- > Genuß zu verschaffen. rechte verlieh, die es vordem nicht besessen, eine neue Situation geschaffen hat, und von den Rabbinen Kenntnisse, Prü-! fungen, Diplome verlangt hat, welche die Religion nicht von! ihnen forderte. , Der Staat ist es, der die obligatorische Cultussteuer ab-; geschafft hat, welche seitens seiner Agenten auf Rechnung der; Gemeinden festgestellt wurde, und sie aus den israelitischen; Sitten hat verschwinden lassen, um dafür die Budget-Unterstützung einzusetzen; der Staat ist es, der nach dieser Bildung einer Civil Constitution des jüdischen Cultus, und nachdem er sie mit der ganzen Strenge der Erlasse und Decrete geleitet hat, der Staat ist cs, der die unentbehrlichen Hülfsmittel, um diesen nachzukommen, zurückziehen würde. Das Verschwinden des israelitischen Seminars würde die Ausbildung von Rabbinen unmöglich machen und folglich gänzlich die Uebereinkunft lösen, welche die ganze Gesetzgebung bezüglich des israelitischen Cultus als vom Staate seit mehr als fünfundsiebzig Jahren errichtet und angenommen erweist. Im November 1884. Literarischer Wochenbericht. Stuttgart, 3. Dezember. Bor dem Schluffe des Jahres wurde den Freunden der Wissenschaft und Dichtung noch eine treffliche Gabe gereicht Aufgethan zum erstenmale War des Tempels leuchtend Thor, Seit ein Haus dem Herrn zu bauen Sein Gesalbter fromm beschwor; Festlich, Kränze bringend wallte, Schaar an Schaar den Berg empor, Und des Königes gewärtig, Harrte dort der Menge Ohr. Und schon war des Altars Flamme Düfte quellend angefacht. Als sich dunkel eine Wolke Senkte auf des Festes Pracht: Da vom Herrsch ersitz sich hebend, In der Hoheit lichter Tracht, Rief der Fürst: „Gott hat beschlossen, Daß er wohne in der Nacht." Und der Stimme Meer verbrauste. Das noch erst sich tosend brach. Und der Geist des Unerschaff'nen Ward in seinem Hause wach; Leise Wiederhalle bebten Weitum in den Herzen nach. Als die Arme ausgebreitet, So der Thronentstieg'ne sprach: