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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-12-16 · Heft 51 (16.12.1884) · p. Seite 807

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 51 (16.12.1884)
Date
1884-12-16
Page
Seite 807 (sequence 3)
Language
German
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807 sich drehen und wenden, wie man will. Der materialistischen Anschauung aber entgeht es, daß in der großen Mehrheit der Menschen eine religiöse Innerlichkeit vorhanden ist, welche, wenn sie sich auch von diesem oder jenem besonderen Dogma oder von diesem und jenem Ceremonial freigemacht hat, doch vom positiven Gottglauben und den aus diesem fließenden Consequenzen erfüllt ist. Es hat zu allen Zeiten und in allen Religionen Biele gegeben, welche von den formulirten Glaubenssätzen einen nicht geringen Theil ausgegeben, oder für das Ceremonialwesen keine Anhänglichkeit verspürten, doch aber in dem weiteren Inhalte ihrer Religion einen reichen Stoff für ihr geistiges und sittliches Leben, für ihre gedankliche und Empfindungsthätigkeit fanden. Hierfür geht aber dem Philosophen die Beobachtung ab; er kennt nur zwei Gegensätze: die unbedingte Glaubensfüüe und die Glaubenslosigkeit. So meint denn Hartmann, daß es vor der „modernen Weltanschauung" — einem höchst vagen unbestimmten Begriff — nur noch äußerst wenig Christen gebe, daß das Christenthum, „wenn es erst jetzt seinen Eroberungszug durch Europa antreten sollte, unüberwindlichen Schwierigkeiten durch die moderne Weltanschauung begegnen würde". (S. 29.) Er müßte dasselbe auch von den Juden aussagen. Das geht aber doch nicht, denn die große Maffe der „ungebildeten" Juden ist noch orthodox, und in dem größten Theile der „Gebildeten" ist das „Reformjudenthm" noch zu mächtig. Er muß deshalb dabei stehen bleiben, daß die religiöse Differenz noch lange wirksam sein werde, die nicht sowohl durch die Verschiedenheit der Glaubenssätze, als vielmehr durch die des Cultus und der ceremoniellen Bräuche einen trennenden Einfluß übe. Aergerlich ist ihm, daß der Antisemitismus auch die getauften Juden verfolge, wodurch viele Juden von dem Uebertritt zurückgehalten werden. Denn hierin urtheilt er ganz so wie alle Nichtjuden, und weiß den philosophischen Standpunkt nicht innezuhalten. Er gesteht zu (S. 31): „Im Großen und Ganzen macht die Christologie es jedem gebildeten Nichtchristen unmöglich, mit Ueberzeugung zum Christenthum überzutreten." Die Folge müßte davon sein, daß er den Uebertritt gegen die eigene Ueberzeugung als unmoralisch verurtheilen müßte. Aber nein! der Übertritt der Juden zum Christenthum, von dem er jedoch soeben die große Mehrheit der Christen selbst als abgefallen angesehen, gefällt ihm doch. Er „bezweifelt" nicht, daß durch den Uebertritt aller Juden mit einem Male die religiöse Differenz verschwinden würde (!); er hält ihn jedoch für nicht wahrscheinlich. Die Ueberzeugung gilt ihm so wenig, daß er sogar es als eine rühmliche Handlung ansieht, wenn Juden, obschon sie selbst Juden bleiben, ihre Kinder taufen lassen — daß auch hierin nur ein Schacher mit der Religion liegt, um den Kindern Nachtheile zu ersparen und Vortheile zu verschaffen, kümmert den Philosophen nicht, und er verschleiert und beschönigt es mit — „Patriotismus"! Bildet er sich doch sogar ein, daß der Uebertretende die weltlichen Vortheile verliert, die mit dem Judenthum verbunden sind!! Unser Autor giebt sich also mit immer Wenigerem zufrieden: wenn nicht Alle, wenn nicht einmal viele Juden übertreten, was er auch zugiebt — so sind doch ein paar Kinder schon etwas. Außer dem Uebertritt liegt ihm die Confessionslosigkeit am Herzen, denn dieser Zustand ist ihm eine Vorbereitung zu seiner „Religion der Zukunft", dem Bekenntniß des Monismus. Er freut sich über das Austrittsgesetz, weil dadurch Juden sich confessionslos erklären können. Jndeß hat dieses Gesetz bekanntlich so gut wie gar keine Wirkung gehabt. Aber nicht allein nur äußerst wenige Juden sind der Confessionslosigkeit verfallen, sondern vcrhältnißmäßig nur eine geringe Anzahl Christen. Unser Autor weiß auch hier Rath zu schaffen: als Ursache sieht er die Ungunst an, in welcher die Confessionslosen bei den maßgebenden Kreisen ständen. Nun, das war für eine wirklich vorhandene Geistesströmung noch niemals ein Hinderniß. Herr Hartmann sieht nicht ein, daß der wahre Grund in der Unklarheit, Unbestimmtheit, Inhaltslosigkeit der Confessionslosigkeit liegt, daß von ihr ein echter llorror vaeui abschreckt. Was ihm am „Reformjudenthum" am meisten mißfällt, ist, daß in ihm die Hoffnung lebt und ausgesprochen wird, der reine Monotheismus werde dereinst die Religion aller Menschen sein. Es ist natürlich, daß eine solche Anschauung den Bekenner des Monismus sehr shokirt. Aber das Mittel sie zu verdächtigen, ist doch nicht hübsch gewählt von einem Philosophen. Er beschuldigt die Reformjuden, hiermit eine „Weltaristokratie" anzustreben, und sieht diese als eine verbefferte Auflage der alten jüdischen Hoffnung auf eine politische Weltstellung an. Der Verfasser mußte sich doch selbst sagen, daß, wenn diese Juden ihre Gotteslehre vom Einig Einzigen als das zukünftige Eigenthum aller Menschen erhoffen, sie damit ihre bevorzugte Stellung, ihre „Geistesaristokratie" aufgeben, denn das Eigenthum Aller hebt die Besonderheit der Einzelnen auf. Wir hätten hier noch mancherlei Bemerkungen Hartmann's zu bestreiten, es würde uns dies jedoch zu weit führen. Aus dem einseitigen Gesichtspunkte, welchen Hartmann in religiösen Dingen nun einmal einnimmt, kann eine klare und richtige Beurtheilung der wirklichen Sachlage nicht hervorgehen — wozu kommt, daß der Philosoph auch nichts anderes will, als die anderen Nichtjuden: die Vernichtung des Judcnthums, nur daß dies bei ihm, der da meint es gebe nur noch wenige Christen, um so auffallender ist. Doch es kommt noch schlimmer. 51'

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