Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 51 (16.12.1884)
- Date
- 1884-12-16
- Page
- Seite 806 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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. :!• , i ' :?!! T‘- 1 : ■{ : ’; f? r,-. \ dennoch, weil bequem und gewissen Leidenschaften dienend, noch aufrecht. Es wird nicht verwundern, wenn Hartmann seinen ersten Artikel der „Race" widmet; aber obgleich er bei dem Mode gewordenen Unterschiede zwischen Ariern und Semiten verbleibt, trotzdem er die jüngst erstandenen Zweifel über die wirkliche racenmäßige Herkunft der jetzigen Juden würdigt — wird ihm alsbald der Racenunterschied doch nur zu einer ethnographischen Differenz und bespricht er nur die ethnologischen Verschiedenheiten, die sich an den Juden bemerkbar machten. Auffällig ist es uns, daß er sagt, (S. 7): „Den Juden fehlt nur der jüdische Staat mit jüdischem Landgebiet, um in demselben Sinne eine Nationalität zu repräsentiren, wie die Italiener oder Franzosen." Das ist ein arger Mißgriff für einen Denker! Fehlt nicht den Juden, was für eine Nationalität entscheidend ist, die gemeinsame Sprache? Können sich, z. B. französische und italienische Juden verständigen, wenn sie nicht zufällig eine dieser Sprachen erlernt haben? Das Hebräische kann dafür nicht gelten, denn es ist nur die Sprache des Gebetes, die nur von einigen jüdischen Gelehrten gesprochen und geschrieben wird. Wenn sich ziemliche Theile der Juden mit einander verständigen können, so ist es nur dem Umstande zu verdanken, daß sie die deutsche Sprache, selbst in slavischen Ländern, als Sprache de- Hauses bewahrt haben, aber auch da ist es schwierig, daß der deutsche Jude den russischen verstehe. Und hierzu nun noch die Bildung. Man legt jetzt bei den Culturvölkern ein so großes Gewicht auf die nationale Bildung und den dadurch erzeugten nationalen Geist. Und nun soll auf einmal dieses wichtige Moment an den Juden keine Bedeutung haben, die doch von Kindheit an von der nationalen Bildung erzogen und vom nationalen Geiste gepflegt werden! — Hartmann spricht weitläufig über die Mischehen, schreibt ihnen jedoch, weil fie doch immer nur Ausnahme bleiben, geringen Einfluß zu, wie er überhaupt die Einwirkung der Juden auf den deutschen Volkscharakter darum für unbedeutend hält, weil sie nur einen geringen Bruchtheil der gesammten Bevölkerung, nämlich lV3°'o in Deutschland ausmachen. — Unser Verfasser unterscheidet an den Juden in ethnologischer Beziehung die durch die geschichtlichen Verhältnisse und die Eman zipationskrisis erworbenen Eigenschaften, von den angestammten; die crsteren erscheinen ihm als schlechte, die durch Beispiel und Ansteckung auf das Volk üble Wirkung haben, jedoch durch Zeit und Uebung sich abschleifen und verlieren, während die angestammten Qualitäten guter Art sind und auf den deutschen Volkscharakter veredelnd einwirken. Das Merkwürdige ist hierbei, daß er die ersteren, die schlechten, nur mit wenigen Worten anzugeben weiß, über die guten Eigenschaften aber sich weitläufig ausläßt, wahrscheinlich weil er die Gelegenheit wahrnehmen wollte, dem deutschen Volke einige Wahrheiten zu sagen. Als üble Eigenschaften der Juden nennt er „Schacher, Wucher und Schwindel" und die Aeußerlichkeiten, die zur Verspottung der Juden veranlassen. Den Deutschen wirst er unpraktischen Idealismus und Genußsucht vor. Er findet, daß „die allgemeine Bildung der höheren Stände in einem erschreckenden Rückgänge begriffen, weil der Bierconsum der studirenden Jugend weder Zeit noch Nüchternheit mehr läßt, um mehr zu lernen, als die gesteigerten Ansprüche der Berufsbildung erfordern." Er meint, daß „die Einbußen der deutschen Volkskraft durch Excesse inBaccho et venere zusammen von keinem auf annähernd gleicher Culturstufe stehenden Volke erreicht werden." Den Juden hingegen rühmt er „Realismus, jedoch ohne ideale Ziele auszuschließen, Nüchternheit, Mäßigkeit, Geduld, Zähigkeit, Elasticität im Unglück, Arbeitsamkeit, Emsigkeit, Betriebsamkeit, Wirthschastlichkeit, Sparsamkeit, Häuslichkeit, Familiensinn, Kinderliebe, Schätzung und Hochachtung der Frauen, Pietät vor den Eltern, Wissensdrang, Bildungsstreben und Lehreifer" nach. (S. 21.) Er nennt sie „für praktische Wohlthäkeit geradezu das classische Volk, dem entschieden die Ueberlegenheit ebensowohl über die indische Passivität des Mitleids, wie über die unpraktische christliche Almosenwirthschaft zukommt". (S. 22.) Er sagt ferner (S. 23.): „Wohl bei keinem Stamme der Welt steht von Alters her Bildung und Gelehrsamkeit in solchem Ansehen, wie bei dem jüdischen; insbesondere sind hier alle Schichten, von den Gebildetsten bis zu den ungebildetsten, von dieser Ehrfurcht für das Wissen durchdrungen." (S. 25.): „Gleich diesem Wissen steht auch die Arbeit in hoher Ehre bei den Juden und nichts ist verachteter als der Müßiggang und das Leben auf Kosten Anderer." Anderweitig bemerkt er, daß „die Jüdinnen sich gleich den Deutschen und Jrländerinnen durch Keuschheit auszeichnen", daß „der Jude ein stärkeres Gefühl für die sociale Pflicht des Mannes, eine Familie zu gründen", und „für die Zukunft seiner Familie zu sorgen hat, unter Entbehrungen, die er fich selbst auferlegt." Er glaubt daher, daß, den Deutschen die Juden in mancher Hinsicht, sei es als Sporn, sei es als Vorbild von Nutzen sein können."- Das zweite Capitel überschreibt Hartmann „Religion". Wir können ihm hier keine besondere Bedeutung zuschreiben. Er urtheilt als Philosoph des Unbewußten und als Berliner. Als ersterer hält er alle positiven Religionen „durch die moderne Weltanschauung für überwunden", und als Großstädter sieht er in einer großen Anzahl von Christen uud Juden die Religion als erloschen an. Wir haben schon im ersten Artikel den Standpunkt Hartmanns gekennzeichnet. Er bekennt sich zu einem dialectisch zugespitzten Monismus. Im Grunde ist dieser Monismus doch nichts Anderes als Materialismus. Denn wo Geist und Stoff als „Weseneins" angesehen werden, wo also der Geist nur eine Modalität, eine Qualität oder ein Proceß des Stoffes ist, da ist Materialismus, mag man f