Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 50 (9.12.1884)
- Date
- 1884-12-09
- Page
- Seite 795 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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795 Licht gekommen. Beide gehören der Kabbala d. i. jüdischen j Haben aber die Juden diese dem Recht und der Sitt- Mystik an. Die Mystik ist aber fast gänzlich aus dem jetzigen > lichkeit gefährliche Lehren einiger mystischer Schwärmer der Judenthum geschwunden, und zwar nicht bloß aus allen | ü&rigen Christenheit beigemessen? Oder haben sie sich untermodernen jüdischen, sondern auch aus vielen orthodoxen Kreisen. § sangen, zu behaupten, es gebe eine Klasse von Christen, die Das Judenthum bat keine Dogmen, die nur in der Mystik Halt und Bedeutung hätten, es kann dieselben daher ganz entbehren. Wir wir aber gesehen, enthalten selbst diese mystischen Bücher, trotz ihrer Phantasiegebilde, nichts Unsittliches, geschweige denn die Anpreisung eines gräulichen Verbrechens. Gesetzt aber, ein Jude des 13. oder 16. Jahrhunderts hätte sich so sehr in mystische Anschauungen verrannt, daß er auf den wahnsinnigen Gedanken gekommen dieselbe zur Richtschnur ihres Thuns gemacht habe? Mit Nichten. Sie hegten vielmehr das Zutrauen zu den Christen, daß diese mir so absonderliche verwerfliche Lehre nicht befolgen, sondern zurückweisen werden. Aber warum wird ihnen seitens der Christen nicht ähnliches Zutrauen entgegen gebracht? Auf welcher Seite ist da die Toleranz, die auch in den Andersglaubenden die Grundlagen einer sittlichen Gesinnungs- und Handlungsweise voraussetzt und annimmt? Und wäre — was jedoch in Wahrheit nie der Fall war — die Rohling gehört vielleicht dem Jesuitenorden an! Da lesen Abschlachtung nichtjüdifcher Jungfrauen sei ein gottgefälliges wir in Hase, Handbuch der protestantischen Polemik, S. 283, Opfer: würden ihm wohl die Juden Glauben geschenkt Folgendes: „Dieser Probabilismus (des Jesuitenordens) hat haben? Wußten und wissen denn nicht alle Juden auf dem § den Felsen des Gewissens erschüttert. Er gestattet die Zweiganzen Erdenrunde, daß das mosaische Gesetz den Mord als deutigkeit der Rede, die Lüge, zum Verderben des Ketzers, das größte Verbrechen bezeichnet, auf seine Verübung unnachden Mord, um die Ehre vor der Welt zu retten, oder sichtig die Todesstrafe setzt, und sogar das Land, worin die Mordthat geschehen, als vom Blute des Ermordeten verunreinigt erklärt? — Und wahrlich, wenn die Juden Gleiches mit Gleichem vergelten und irgend eine Stelle aus den Schriften christlicher Mystiker des Mittelalters hervorstöbern wollten, welche unter gewissen Umständen Unsittliches, ja Verbrecherisches, für keine Sünde erklärt, so könnten sie eine solche wohl finden, ohne daß sie nöthig hätten, eine Fälschung mit ihr vorzunehmen oder einen erlogenen Sinn in sie zu legen. So lesen wir z. B. in Hagenbach, Handbuch der Dogmengcschichte Bd. II. S. 56: „Aus dem Satze, daß wer in der Liebe sei, auch in Gott sei, folgerten sie (die Mystiker: Amalrich von Bena und David von Dinando) „was man nu dede in der Leve, dat were keine Sunde, also mochte man stehlen, roven, unkuscheyt driven sunder Sund, wen dat geschehe in der Leve" d. h. was man thäte in der Liebe wäre keine Sünde, also mochte man stehlen, raufen, Unkeuschheit treiben; wenn es in der Liebe geschehe, sei es keine Sünde." —J) 1) Unter den Mystikern des christlichen Mittelalters gab es zwei Richtungen: eine orthodoxe und eine heretisch-pantheistyche. Unter Letzterer gab es solche, deren schwärmerische Ausbtttung des mystischpaniheisiychen Systems eine praktisch gefährliche Richtung nahm, wie z. B. das des Amalrich von Bena rc. Tasselbe wurde zwar van der Uirche verdammt, aber die Erjahrung lehrt, daß gerade die Berdammniß, die über ein System ausgesprochen wird. Manchen reizt, es zu studiren und — auch sich anzueignen. Und so finden wir denn auch, wie jenes mysttsch-pamheisttsche System zu Anfänge des 14. Jahrhunderts in Meister Eckart auf eigenthümliche Weise wiederum auslebte. — Im Judenthum gab es keine oberste Kirchenbehörde, die über eine Schrift das Anathema aus'prechen konnte, aber auch keine, die eine Schrift zur unbedingten Regel des Glaubens hätte machen und die Denkfreihett eines jeden einzelnen Israeliten hätte beschränken oder ausheben können. Letztere hat sich in der geschichtlichen Entwickelung des Judenthumä sehr gut bewährt. — Im Judeuthum herrscht wohl seit Jahrhunderten das Sprichwort: „Ein jeder Jude hat seinen eigenen Schulchau-Aruch." M. beugte doch die Moral unter die elendeste gesellschaftliche Connioenz (Nachsicht, Vergünstigung, Zulassung)." Denn für probabel ward erklärt: die Zweideutigkeit eines Eides, da man ein Anderes denkt, ein Anderes sagt, wenn es nur aus einer ehrbaren Ursache geschehe; für erlaubt, einen Ketzer fälschlich zu beschuldigen, daß er das Bild des Gekreuzigten verwundet habe, und bekanntlich haben auf solche Anschuldigungen katholische Gerichtshöfe Todesurtheile ausgesprochen; für erlaubt, einen Ankläger oder Zeugen, der uns mit der Angabe eines wahren, doch verborgenen Verbrechens bedroht, wenn er, ermahnt, nicht davon abstehen will, zu ermorden; für erlaubt, der Gefallenen in ihrer Verzweiflung einen verbrecherischen Rath zu ertheilen, um Schlimmeres zu verhüten. — Die Frage, ob erlaubt sei, den zu tödten, der mir eine Ohrfeige oder Stockschläge gegeben hat, wird von Pater Heß bejaht, weil es unter gewissen Umständen die höchste Schmach sei, das nicht zu rächen. Escobar (ein spanischer Jesuit, aus dessen Moraltheologie Hase dieses alles entnommen und die bezüglichen Stellen ausführlich citirt har) beschränkt es auf die Adeligen, den Bürgerlichen gereichten Ohrfeige oder Schläge nicht zu besonderer Schande". Ich frage nun: haben die Juden je diese Theorien benutzt, um die Gefährlichkeit der Jesuitenmoral nachzuweisen und dadurch den Orden zu schänden? Oder haben sie in die von protestantischen und deutsch-katholischen Theologen in Wort und Schrift gegen Gury's Lehrbücher der Moraltheologie erhobenen Anklagen öffentlich auf eine ostensive Weise eingestimmt und ihnen Beifall gezollt? Oder haben sie, deren Religion jetzt so arg von einem Mitglieve dieses Ordens geschmäht wird, noch öffentlich dazu aufgefordert, einmal einen Vergleich anzustellen zwischen Gury's Lehrbüchern für Schulen und den von Rabbinern und jüdischen Gelehrten.