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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-12-09 · Heft 50 (9.12.1884) · p. Seite 793

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 50 (9.12.1884)
Date
1884-12-09
Page
Seite 793 (sequence 5)
Language
German
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793 mit einem Aufgeben des kirchlichen Standpunktes verbunden. Zahllose Beispiele lehren das Gegentheil, daß wissenschaftlich geschulte und sehr gebildete Männer im kirchlichen Glauben verharren und für denselben eifrig arbeiten. Das zweite Moment liegt in der bei den monarchischen und conservativen Parteien vorherrschenden Meinung, daß „der Altar die Stütze des Thrones" und der kirchliche Glaube die Bedingung für die Erhaltung der gesellschaftlichen Ordnung sei. Hierdurch kommt es, daß die weltliche Macht häufig in energischer Weise über die strenge Kirchlichkeit wacht und ihren Einfluß auch i als „Kirchenregiment" zu Gunsten der Orthodoxie anwendet.! Dies hat auch in den protestantischen Ländern eine großes Bedeutung, da auf diesem Wege die überwiegende Mehrzahlj der geistlichen Stellen von der orthodoxen Partei besetzt i wird. So sehen wir z. B. gegenwärtig einen Mann wie j Stöcker, der, nachdem er seine erste Staffel durch den Antij semitismus erreicht hat, als eifervolles Rüstzeug der ecclesia militans agitirt, einen gewaltigen Anhang unter den protestantischen Geistlichen gewinnen, so daß ihn die Brandenburger Gencralsynode zu ihrem Vicepräsidenten erwählte und den Antrag, den er gegen die wissenschaftliche Theologie und die theologischen Facultäten richtete, mit 88 gegen 35 Stimmen annahm. Ueberblicken wir vielmehr den Wechsel der Geistesströmungen seit einem Jahrhundert, so bemerken wir, daß die freiere theologische Richtung zwar immer wieder einmal durchdrang, aber nach kurzer Dauer ihrer Gegnerin wieder weichen mußte. So weit mögen wir uns heute mit der Schrift Dulk's! beschäftigen, welche noch viele interessante Beobachtungen enthält, im Ganzen aber, wie wir nicht verschweigen wollen, an verj worrener und unfaßlicher Sprache leidet. j Darmstadt, im November. Die Rohling-Iustns. Bon M. Mannheimer.') (Vorbemerkung der Redaktion. Wir geben diesen! Artikel, weil er die ganze Angelegenheit angemessen zusammenfaßt und die Sachlage kernig schildert, weil „Rohling-Justus" noch immer spuken und jüngst wieder erst recht in Ungarn, und um vielen unsrer Leser die Sache recht faßlich zu machen.) — 1) Bereits vor einem halben Fahre hatte ich diesen Aussatz ausgearbeitet. allein da zu hoffen war, daß der von Rohling Justus vorgebrachte Unsinn, nachdem er die gründlichste Widerlegung erfahren, wieder aus der Welt verschwinden werde, ließ ich denselben liegen. Allein da diese Hoffnung nicht in Erfüllung gegangen und im Ungarischen Abgeordnetenhause am 19. d. von dem katholischen Geistlichen Zimandy die aus Unwissenheit und Bosheit zusammengesetzte Blutanklage wieder aufgefrischt, sie mit größter Heftigkeit vorgetragen, und als ganz begründet darzustellen gewagt wurde, so halte ich es für Pflicht, ihn zu veröffentlichen. — Wie das Frankfurter Zu den schlimmsten und wüthendsten Judenfeinden unseres Jahrhunderts gehört sicherlich Rohling, der aber, wie aus seiner Schrift „Antichrist" (St. Louis 1875), worin er die Reformatoren Schurken nennt, hervorgeht, gewiß ebenso den Protestantismus verfolgen würde, wenn dieser nicht in mächtigen protestantischen Fürsten mächtige Beschützer fände. Das schutzlose Judenthum hingegen glaubt er stets unbeirrt und ungestraft verfolgen und mit giftigen Geschossen treffen und verwunden zu dürfen. Die gründlichsten Widerlegungen seiner fälschlichen Anklagen gegen daffelbe rühren ihn nicht. Er ist, wie Prof. Delitzsch in seiner Schrift „Schachmatt den Blutlügnern" S. 37 sagt, wie eine taube Otter, die ihr Ohr verstopft; er ist starrblind, er will cs sein. Und in jüngster Zeit hat er in feinem feindlichen Vorgehen gegen das Judenthum einen Bundesgenossen gefunden, einengewissen I)r. Justus, Herausgeber einer Bonifacius Broschüre, betitelt > „ Judenspiegel" (Paderborn 1883 >. Von diesem Manne, 1 der uns stark an Pfefferkorn erinnert, sagt Prof. Delitzsch, ib.! 8: „I>r. Justus ist offenbar ein polnischer, d. i. irgend- |it>o im slavischen Osten geborener Jude, welcher sich, nachdem I er Christ geworden, dem Bonifacius-Verein zu Diensten ge-! stellt und im „Judenspiegel" alle erschnüffelte schmutzige! Wäsche an die Paderborner Leine gehängt hat. Daß er ein I Pole ist, sieht man an der Aussprache des Titels des einen > von ihm eitirten Buches Halkuthem für Halikkutim (die Sammlungen); daß er ohne sprachliche Bildung ist; daß er auch biblisch nicht recht geschult ist :c. Und wenn er anhebt: Die Religionsbücher der Juden zerfallen in 2 Klassen: Peschat und Kabala, so weiß sofort jeder Kenner, daß hier ein Halbwisser sich unterwindet, das Publikum über jüdische Literatur aufzuklären." — Dieser Justus hat am Schluffe seines „Judenspiegels" die Blutanklage dadurch zu begründen gesucht, daß er vorgab. in zwei kabbalistischen Büchern: im Sefer Halikkutim und in dem Sohar, in je einem, eine Stelle gefunden zu haben, in welcher das Abschlachten einer nichtjüdischen Jungfrau als ein gottgefälliges Opfer bezeichnet werde. Das war für Rohling Wasser auf die Mühle, und er war von der Behauvtung des Justus so überzeugt, daß er, wie Herr Delitzsch berichtet, in einem Schreiben vom 1. I Juli v. I. sich bereit erklärte, vor Gericht zu beschwören, daß es sich wirklich also verhalte. Da veröffentlichte der ausgezeichnete Kenner der jüdischen Literatur abermals eine Schrift: „Schachmatt den Blutlügnern Rohling und Justus, Journal berichtet, hat er unter Anderem gesagt: Ich beschließe meine Rede mit dem Hinweise, daß meine Quellen nicht aus dem Mittelalter stammen. Im Jahre 1864 erschien das Wert von Liralis:e. Unter dem Titel Sohar erschien im Jahre 1860 ein jüdisches Werk rc. — Tie Zuhörer konnten nun glauben, beide Werke seien in unserem oder frühestens im vorigen Jahrhundert verfaßr werden; allein Bital hat sein Werk im 16. Jahrhundert und der «ohar wurde schon im 13. Jahrhundert versaßt. Sind das nicht etwa keine Quellen aus dem Mittelalter? M.

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