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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-12-09 · Heft 50 (9.12.1884) · p. Seite 792

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 50 (9.12.1884)
Date
1884-12-09
Page
Seite 792 (sequence 4)
Language
German
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792 kampf gegen die katholische Kirche erhoben, und wir sehen gegenwärtig die katholischen Völker in zwei schroff gegenüberstehende Parteien getheilt: in die getreuen Anhänger der Kirche und die entschiedenen Feinde derselben. Von Mittelparteien kann hier nicht die Rede sein. Daß sich dieser Kampf aus das politische und sociale Gebiet verpflanzt hat, davon geben Frankreich, Belgien und Italien die nachhaltigsten Beispiele. Anders verhält es sich im Protestantismus. Die Reformation, um sich überhaupt zu ermöglichen, proclamirte die heilige Schrift als die einzige Grundlage des Christenthums, so wie die freie Forschung in derselben. Allerdings verließen recht bald die Reformatoren diesen Standpunkt und . formulirten ein Berenntniß, welches für die Bekenner der evangelischen Lehre eine strikte und dauernde Verbindlichkeit haben sollte. Hierbei beruhigte sich aber die fortschreitende Geistesentwickelung nicht, und wie sich innerhalb der Reformation schon Spaltungen in verschiedene Kirchen, mit verschiedenen Bekenntnißformeln herausstellten: so ging auch die Prüfung und Kritik an der Hand der Denkkraft und der Wissenschaft weiter vor. Innerhalb des Protestantismus mußten sich deshalb mannigfaltige Standpunkte herausbilden, Mittelparteien und Radicale, die schließlich bis zur Negation gingen. Zu diesen letzteren, wenngleich immer noch auf biblischem Boden, gehört auch Albert Dulk. Er unterscheidet zwischen „Christenthum" und „Christianismus", (mit welchem Worte die romanischen Sprachen das Christenthum überhaupt bezeichnen). Er sucht nun zu beweisen, daß Jesus und seine unmittelbaren Jünger das Christenthurn gelehrt, indem sie,! fest auf dem Boden des Judenthums verbleibend, eine Rej form des letzteren in sittlicher Beziehung anstrebten, aber! zugleich den Messiasglauben weit über den Volksbegriff zu einer extatischen Höhe erhoben, auf welcher der Messias sich selbst mit Gott gleich anschaute. Paulus hingegen und der Grieche! Stephanus schufen den Christianismus, indem sie sich völlig; vom Judenthume lösten und sich auf den Boden der heidni-! schen Völker und des Heidenthums verpflanzten. Der Christiaj nismus sei daher keineswegs eine Fortsetzung und Erfüllung! des Judenthums, sondern eine Erhebung und Vergeistigung des Paganismus. Er sucht hierfür den Beweis zu führen, indem er, die katholische Kirche als alleinigen Repräsentanten des Christianismus, den Protestantismus nur als eine Abschwächung desselben betrachtend, alle einzelnen Sätze der Glaubenslehre und der Sittenlehre prüft und ihre Abweichung von der jüdischen Lehre so wie ihre Quellen im Paganismus nachzuweisen sich bemüht. So schlagend hier viele seiner Bemerkungen sind, so geht er doch, unserer Ansicht nach, durch seinen eigenen Scharfsinn verleitet, viel zu weit, indem er übergeht, was nicht in seine Ansicht hineinpaßt. So sehr auch das christliche Dogma von der monotheistischen Lehre des Judenthums abweicht, so ist im Christenthume doch die Anschauung von der Einheit und Geistigkeit Gottes Grundlage geblieben, besonders der Begriff von Gott als Schöpfer der Welt und aller Wesen; die Eigenschaften, welche das Judenthum von der Gottheit ausgesprochen, die Allliebe, Allweisheit, Allmacht, Allgerechtigkeit und Allbarmherzigkeit lehrt auch das Christenthum, sowie die göttliche Vorsehung und Weltordnung. wenn auch einige dieser Eigenschaften in den einzelnen Dogmen sehr beschränkt erscheinen. Nicht minder hat die christliche Moral die Heiligung des Menschen nach göttlichem Borbilde, die Einheit des Menschengeschlechts, die Vorschrift der allgemeinen Menschenliebe und die Zehn Worte aus dem Judenthume bewahrt. In diesen und anderen Punkten hat das Christenthum die jüdische Lehre aufrecht erhalten, und so kann man doch nicht mit Dulk beide Religionen als völlig verschieden und getrennt betrachten. Hat doch auch das Christenthum zu aller Zeit die heilige Schrift Israels, das sogenannte „Alte Testament", als eines seiner Fundamente betrachtet und aus ihm, aus Thora, Propheten und Hagiographen Alles gezogen, was ihm durch die Schriften des „Neuen Testamentes" mangelte und lückenhaft war. Schließlich zeigt es sich, daß diejenigen, welche sich von den Dogmen der christlichen Kirche entfernen, ohne in Atheismus und Materialisj mus zu verfallen, auf dem Boden des jüdischen Gottglaubens, | der jüdischen Gottes- und Sittenlehre stehen bleiben, ein Bej weis, daß sie diese als Residuum ihres Christenthums be- I trachten. Wir wollen noch eine Bemerkung hinzufügen. Wer die Schlußfolgerungen beobachtet, welche die Kritiker aus ihren Untersuchungen über die Aussichten und die Zukunft der christlichen K irche ziehen, der muß über den Jrrthum erstaunen, in welchen dieselben über die Kraft und Macht der bestehenden Kirche verfallen. Sie halten sie bereits für ohnmächtig und die Tage ihres Bestehens gezählt. Was sie dafür an die Stelle setzen wollen, kann kaum aus den vagen, unbestimmten Worten, aus den nebelhaften Gedanken, die sie darüber äußern, erkannt werden. Jndeß, wer die Vorgänge und Zustände unserer Zeit sorgfältiger beobachtet, muß zu einem anderen Schluffe kommen. Die Kirche wird in ihrer Machtstellung insbesondere durch zwei Momente erhalten. Zuerst durch die in einem großen Theile des Volkes vorhan- ' dene, durch Erziehung, Schule und Gewohnheit genährte Anhänglichkeit. Wir sahen in unseren Tagen die gesammte katholische Bevölkerung Deutschlands sich bei dem Gedanken, daß ihre Kirche angegriffen und unterdrückt werde, fest zu einem politischen Körper zusammenschließen, der zur Vertheidigung der Kirche alle Kräfte aufzuwenden entschlossen war und ist; wir sehen ebenso in Belgien die Wahlen zu Gunsten der clerikalen Partei ausfallen; wir sehen in Frankreich die radikale Regierung genöthigt, dem Elerus gegenüber schonend zu verfahren. Hierbei ist es auch ein Jrrthum der Kritiker, daß sie meinen, die wissenschaftliche Bildung sei unbedingt

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