Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 50 (9.12.1884)
- Date
- 1884-12-09
- Page
- Seite 791 (sequence 3)
- Language
- German
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791 soph schon vollständig durch die dunkelste antisemitische Brille. Gegen das unermeßliche volkswirthschaftliche Leben einer großen Nation können diese paar Börsenfürsten, die doch auch nicht alle der Judenheit angehören, nichts ausrichtcn, und nicht die Börse beherrscht das industrielle Leben, sondern sie ist vielmehr nur Dienerin desselben und von ihm abhängig. Hartmann verfällt auch in einige Widersprüche. Er erkennt an, daß die Juden auf dem Wege vorgeschritten waren, „sich zu entjuden und zu verdeutschen" und daß sie hierin durch die antisemitische Agitation aufgehalten, ja zurückgeschlagen worden seien. Ist dies der Fall, so bestand ja eben keine „Judenfrage", diese wurde allerdings künstlich hervorgerufen, man hätte nur der Entwickelung freien Lauf lassen sollen! Uebrigens läßt sich eine herrschend gewordene Richtung durch Angriffe und Kränkungen wohl etwas verzögern, aber nicht hemmen. — Ebenso sollen die Juden in jenen ihre Freunde finden, „welche die bestehenden Differenzen klar legen und damit die Wege zu ihrer allmäligen Ausgleichung und Beilegung eröffnen", er fügt aber sofort hinzu, „an solchen Kundgebungen fehle es aber bis jetzt noch ganz." Wie kann aber Jemand seine Freunde in solchen finden, die noch gar nicht vorhanden sind? das scheint uns nicht sehr philosophisch. Unser Autor will nun das Problem lösen, indem er es in einzelne Probleme zerlegt, und hierin wollen wir ihm folgen. Ein bemerkenswerthes Such über das Leben Jesu. ii. Wir haben unseren Lesern in voriger Nummer eine Existenz von Racenantipathien und religiöser Verschiedenheit leugnen" und „jede antisemitische Regung und Bewegung im Volke für das Resultat einer künstlichen Jnteressenagitation, für eine Folge des Neides und der Mißgunst erklären". Diese Definition der „Judenfrage" scheint uns doch etwas hinkend- Die Existenz von Racenantipathien und religiösen Verschiedenheiten giebt noch lange keine Frage ab. Sie können existiren, ohne daß daraus eine „Frage" entsteht. Die „Judenfrage", wie die Antisemiten sie stellen, will das Prinzip der Gleichberechtigung aus der Verfassung streichen, will tief einschneidende Beschränkungen für die Juden von Neuem einführen, will ihnen die bedeutendsten Gebiete des öffentlichen und bürgerlichen Lebens verschließen, will ihnen sogar ihr Vaterland nehmen und sie daraus vertreiben. Wer sich gegen diese „Judenfrage" erhebt und ihre wirkliche Existenz leugnet, der verkennt noch nicht, daß Antipathien und religiöse Verschiedenheiten existiren. Diese existirten immer, ohne daß seit langer Zeit eine solche „Frage" erhoben und zur Tagesfrage gemacht worden. Hartmann scheint uns deshalb hier nicht sehr philosophisch vorgegangen zu sein. Das Unrecht auf der anderen Seite findet er darin, daß „man die Juden als die böswilligen Urheber aller socialen Schäden der Gegenwart betrachtet", einen „Kampf gegen das Ueberwuchern einer stammesfremden und religionsfremden geschloffenen Aristokratie des mobilen Besitzes", „gegen die Gefahr der Knechtung unter die jüdische Herrschaft" erhebt und dazu „den Appell an die schlechtesten Leidenschaften und abergläubischen Vorurtheile der Masse" verwendet. Tie Ersteren tadelt er nur, weil sie die Sachlage verschleierten und die Juden über ihre Mängel und ihre „Erziehungsaufgaben" verblendeten; die anderen, die doch „gegen die tactlose Vorstellung von Albert Tulk's Anschauungs- und Tarstellungs- Ueberhebung des Judenthums eine gewisse historische Berech^ weise zu geben versucht. Weiter in das Detail einzugehen, tigung" hätten, weil sie sich durch ihre Uebcrtreibungcn und! ist nicht unsere Absicht, theils weil es uns zu weit führen, Hetzereien discrcditirt hätten. Tie antisemitische Bewegung| theils weil dies vielleicht diesem als einem dem Judenthume habe „ihren nächsten Zweck erreicht, indem sic der jüdischen j gewidmeten Blatte übel gedeutet würde. Wir begnügen uns Ueberhebung einen momentanen Dämpfer aufgesetzt und das! daher noch mit der Erörterung eines allgemeinen Stand- Volk gegen die drohende Gefahr gewarnt, unter die Herr-! Punktes. Seit Jahrhunderten hat sich durch das Hervvrdringcn schaft einer jüdischen Aristokratie zu gerathen." Man sieht, der Tenkkraft, der Wissenschaft und der daraus fließenden daß der Philosoph doch nicht sehr objcctiv bleibt, wenn er j Aufklärung ein großer stets wachsender Theil der christlichen eine solche Gefahr als wirklich vorhanden annimmt. Wie Welt von der Kirche entfernt und diese Entfremdung ist beviel auch gegen diese an sich lächerliche Besorgniß einer jüreits vielfach auch in die Massen des Volkes cingcdrungen. dischen Aristokratenherrschaft zu gründlicher Widerlegung her- Es ergaben sich hieraus mehrfache Erscheinungen. Im Kathoangebracht worden, es ist an unserem Philosophen wirkungs-! licismus steht das kirchliche Dogma unerschütterlich fest, ja los vorübergegangen. Er hat die Gruppe jüdischer Börsen-; wird noch erweitert durch die Autorität des Papstes und der männer in Berlin vor Augen und sieht sich nicht darnach um,! Concilicn und durch eine fest gegliederte Hierarchie. Das welchen geringen Antheil die Juden am Großhandel, an der > Tpser des Intellekts wird von der Kirche ihren Glaubens- Industrie, dem Grundbesitz und der Landwirthschaft haben, und sätzcn und Vorschriften gegenüber unbedingt gefordert. Sie bildet sich ein, daß alle diese das wirkliche Leben beherrschenläßt keine von ihr abweichende Kritik zu, und wer diesen den Faktoren von jenen Börsenmännern beherrscht und das Volk dadurch „geknechtet" werde. Da sieht doch der Philo- Weg verläßt, wird entweder zum Widerruf genöthigt oder von der Kirche ausgeschlossen. Deshalb hat sich ein Geistes- 49*