Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 49 (2.12.1884)
- Date
- 1884-12-02
- Page
- Seite 783 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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783 Rußland. Petersburg, 9. November. (Privatmitth.) In der soeben empfangenen Nummer 45 Ihrer geschätzten Zeitung finde ich eine Mittheilung betreffend der vor Kurzem erschienen Broschüre des Herrn Prof. Delitzsch über die von I. Rabbinowitz gegründete Secte. Ich halte es für meine heiligste Pflicht, im Interesse der Wahrheit Ihnen mitzutheilen — und zugleich ergebenst zu bitten, von betreffender Mitthcilung sobald als möglich Gebrauch zu machen — daß ich eingehende Erkundigung über die in Rede stehende Secte eingezogen habe und jetzt in der Lage bin, versichern zu können, daß diese quasi-Secte sich bloß auf die Familie des Joseph Rabbinowitz und die seines Bruders beschränkt und daß es bis heute dem I. Rabbinowitz sonst nicht gelungen ist, auch nur einen einzigen Juden für seine neue Lehre zu gewinnen. F. G. (Auch von anderer Seite wurde uns dasselbe wie oben berichtet. Es ist nur zu bedauern, daß Profeffor Delitzsch seine kostbare Zeit auf ein solch gegenstandsloses Thema verwendet hat, über welches ihm Unrichtiges gemeldet worden. Red/ Marokko. Algier, 12. November. Der heutige „Fetit Algerien" bringt folgende Notiz aus Fe'z: Zwei algerische Israeliten sind noch jüngst-in Fez auf Befehl der Ortsbehörden mißhandelt worden, weil sie sich weigerten, barfuß zu gehen. Der eine wurde von den Angestellten des Kadi unter den Augen ihres Herrn mißhandelt; der andere wurde von mehreren Arabern bei der Residenz des Gouverneurs Weid Bä Mohamed Eshergui geprügelt. Paris, im November. (Privatmitth.) Die Details, die in den letzten Nrn. dies. Ztg. über die an Israeliten verübten Greueln mitgetheilt worden, geben noch lange kein richtiges Bild von dem Martyrium, welches gegenwärtig von den Juden in Marokko ertragen werden muß. Das jüngste Monats- Bulletin der Alliance liefert eine weitere Schilderung. Der jüngst erfolgte Befehl des Sultans zu Gunsten der Israeliten hat gar keinen Erfolg gehabt. Entweder die Gouverneure und Unterbeamten haben Instruktionen, sich von diesem für Europa ausgestellten Schaustück nicht behindern zu lassen, oder die Autorität des Sultans ist bereits so tief gesunken, daß Niemand auf sein Wort hört und seinen Befehlen keinen Werth cheilegt. Es ist dies übrigens nichts Neues, denn cs ging hier seit undenklicher Zeit, auch seit dem von Montefiore bewirkten Ferman, so, daß kaum in der Hauptstadt Fez selbst den zu Gunsten der Juden geworfenen Verfügungen Folge geleistet wurde. Gegenwärtig scheint die Sache aber doch anders zu^liegen. Früher scheute man sich wenigstens. Schutzbefohlene fremder Mächte zu mißhandeln, um deren Reclamationen zu vermeiden. Jetzt scheint geradezu eiue Verschwörung nach dieser Richtung hin zu bestehen und es vergeht kein Tag, wo nicht ein Schutzbefohlener einer fremden Macht (natürlich ein Jude) aufs Härteste geschädigt und mißhandelt wird. Dabei macht man keinen Unterschied, ob Franzosen, Engländer oder Amerikaner. Lange kann das natürlich nicht andauern und es muß sich zeigen, wohin diese hab- und blutgierigen, aber oft sehr schlauen Orientalen steuern. Die fremden Mächte können diesen Zuständen nicht lange zusehen, ohne ihr Ansehen Hierselbst völlig zu untergraben. Palästina. Jerusalem, im November. Bekanntlich wurden seit Jahrzehnden Versuche gemacht, für die hiesigen Israeliten Schulen nach europäischem Schnitt, wenn auch mit voller Berücksichtigung des hyperorthodoxen Wesens, das die hiesigen Juden athmen, zu gründen. Montefiore. Rothschilds, Frau von Lemmel gründeten durch Ludwig August Frankl Schulen, die jedoch nur zu vegetiren vermochten und jenen Zweck, zu welchen sie gestiftet und erhalten wurden, wenig erreichten, nämlich den, durch eine gesündere Volksbildung die jüdische Bewohnerschaft Jerusalems allmahlig aus dem trostlosen Zustande der Verwahrlosung und der Unwissenheit zu heben. Die Alliance isr. univ. hat die Schulsrage von einer anderen Seite angefaßt und scheint auf diesem Wege zu günstigeren Erfolgen zu gelangen. Der orientalische Jude überhaupt hat keinen großen Respect vor Unterricht und Bildung, theils weil er darin, wenn auch nicht einen Abfall, doch eine Minderung des religiösen Lebens erblickt, und weil profanes Wiffen und Bildung hier zu Lande wirklich ohne Erfolg bleiben, ja nur unzufriedener mit den Zuständen machen. Desto mehr Achtung hegt er vor praktischem Erfolge, und dieses Mittel hat die Alliance angewendet, um für ihre Knabenschule Zöglinge zu gewinnen. In dieser Schule werden Handwerke gelehrt und nebenbei Unterricht in den Elementargegenständen ertheilt, so daß die Schüler als unterrichtete Handwerker aus der Schule hervorgehen. Ties imponirt den Eltern. Hierbei hatte die Alliance das Glück, einen ebenso eifrigen wie gewandten Director in der Person des Herrn Nissim zu gewinnen. Im April 1882 wurde die Schule eröffnet und zählt jetzt bereits 124 Zöglinge, worunter 54 Pensionäre, 47 Halbpcnsionäre. und 24 Externe. Unter diesen Zöglingen besinden sich 63 Lehrlinge, welche einen Theil des Tages hindurch die Werkstätte besuchen und nur in einigen Lehrfächern den Unterricht genießen, und zwar im Verhältniß zu ihrem Alter und ihren Kräften. Das Personal der Schule besteht gegenwärtig aus dem Director, Herrn N. Nissim, Herrn Calmy, kürzlich zum finanziellen Administrator ernannt, 2 Hilfslehrern, 3 Rabbinern, 1 Lehrer des Arabischen, Aufsehrn und Dienern. Es befinden sich 6 Werkstätten 49* i i I