Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-12-02 · Heft 49 (2.12.1884) · p. Seite 782

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 49 (2.12.1884)
Date
1884-12-02
Page
Seite 782 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3227501-3227551--42215-3310755
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Stöcker sympathisiren, so wäre doch ein Fall denkbar, in welchen! wir für ihn stimmen könnten. Wären wir Wähler in Hardersleben und es handelte sich bei einer Stichwahl um Stöcker oder Krieger, so würden wir vielleicht den deutschen Judenhasser dem Dänen vorziehen, und zwar um so unbedenklicher, als Letzterer wahrscheinlich auch kein Judenfreund ist. — Wenn also die Fortschrittspartei aus dem Siegener Vorkommniß Capital für sich schlagen will, so irrt sie sich, die Juden gehen nicht an den — Speck." Nun, wir gehen auch bei dem Verfasser des Artikels nicht — auf den Speck. Was er im Allgemeinen sagt, ist vollständig richtig; sein Beispiel hingegen ist nicht zutreffend. Es ist lediglich Consequenzmacherei, wenn wir sagen, weil er ein Deutscher ist, muß er gewählt werden. Wir müffen uns diesen Deutschen doch etwas näher ansehen, und wenn derselbe Vertreter der mittelalterlichsten Reaction, wenn er ein Mann ist, der mit aller Kraft seines Wortes und selbst aus nicht geraden Wegen Haß und Zwietracht aussäet, rohe Leidenschaften im Herzen des Volkes zu wecken sucht — dann wähle ich ihn nicht, weil ich mir sage: dieser Mann wird vielmehr Unheil im Reichstage verursachen, als ein einzelner Däne unter einer so großen Anzahl deutscher Reichstagsmitglieder zu bewirken vermöchte. Ich würde von beiden Uebeln keines wählen, und da ich in diesem Falle keinen Candidaten vor mir habe, der meinen Ansichten für das Wohl des Vaterlandes entspricht, gebe ich meine Stimme keinem von beiden. Oesterreich-Ungarn. Wien. 19. November. (Privatmitth.) Ter Antisemitismus scheint in Oesterreich, Ungarn und Deutschland nur noch ein Wahlmanöver zu sein, das hervorgeholt wird, sobald man vor Wahlen steht und zurückgelegt wird, wenn diese vorüber sind. Außer in Ungarn hat dieses Manöver bis jetzt keinen Erfolg gehabt und wird somit nach nicht langer Zeit wohl ausgegeben werden. Hier in Wien hat er überhaupt nur sehr vorübergehend einige Geltung erlangt und ist jetzt wieder aus das edle Paar Schönerer-Fürnkranz beschränkt. Jndeß weiß der Abgeordnete von Schönerer von Zeit zu Zeit die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und helfen ihm hierzu die Wiener Geschwornen mit ihren Berdicten. Jedermann erinnert sich, wie Schönerer, durch den Staatsanwalt wegen antisemitischer Hetzreden angeklagt, von den Wiener Geschwornen freigesprochen wurde. Jetzt war er selbst Ankläger und zwar gegen zwei Redacteure eines hiesigen Blattes. Sie sollten verläumderiscke Artikel gegen ihn veröffentlicht haben. Die Geschworenen sprachen über beide Redacteure das Schuldig aus. Wie jenes erste, so hat dieses zweite Verdick gleichsam verblüffend gewirkt und die Juristen sind außer sich darüber, da jenen Artikeln ein ganz bestimmtes Factum zu Grunde lag. Jndeß spielte dies Mal der Antisemitismus keine Rolle bei diesem Verdict, vielmehr nur die Gereiztheit des Publikums gegen die hiesige Tagespresse, von welcher ein nicht geringer Theil sehr corrumpirt ist, und seine Spalten behufs Erpressungen und verleumderischen Angriffen stets offen hält. Dies zur Beruhigung, wenn man auswärts mit dem Namen Schönerer nun einmal die judenfeindliche Tendenz verbunden glaubt. Daß die Juristen von Fach diese Fälle benutzt, um gegen die Geschworenengerichte in Preßsachen zu agitiren, versieht sich von selbst. Schweiz. Luzern, im November. Wie wir schon früher berichteten, haben die hier ansässigen Israeliten beantragt, ihnen ein Grundstück zu einem Friedhofe für ewige Zeiten zu verkaufen. Die Debatten hierüber im Stadtrath waren sehr lebhaft. Einige Mitglieder bekämpften den Antrag aus confessionellen Motiven, weil sie die Niederlassung von Juden im katholischen Luzern nicht verewigen, wenigstens nicht vergrößern lassen wollen. Andere wieder aus radikalen Gründen, weil sie confessionelle Friedhöfe nicht dulden wollen. In den letzten Tagen nun wurde die Entscheidung durch Abstimmung getroffen und das Resultat war, daß der Antrag der Israeliten mit 14 Stimmen gegen 11 angenommen wurde. Italien. Turin, im November. Bei der offiziellen Volkszählung bleibt die Rubrik „Religion" aus dem Schema hinweg. Hinterdrein jedoch wünschte man die Zahl der Protestanten und Israeliten im italienischen Reiche zu wissen und der Generaldirektor der Statistik richtete deshalb einen Fragebogen an die Rabbiner und Gemeindevorsteher, sowie an israelitische Notabilitäten an Orten, wo keine Gemeinde constituirt ist. Man hat prompt geantwortet und daraus veröffentlicht das statistische Bureau Notizen über die israelitische Bevölkerung Italiens. Bei dieser Procedur konnte man demnach auf eine genaue Zählung nicht rechnen, noch dazu, da man öfter Combinationen aus der Anzahl der Geburten und der Todesfälle zu Hülfe nehmen mußte. Man fand die Gesammtzahl 36 283 Israeliten. Dieselben sind verstreut in 38 Provinzen und 122 Ortschaften. Die größte Gemeinde ist die zu Rom von ungefähr 6200 Seelen, dann folgen Livorno mit 4049, Turin mit ungefähr 2500, Venedig mit 3454, Florenz mit 2000 Seelen; hierauf kommen Ferrara, Ancona, Mantua, Mailand, Modena, Padua jede mit mehr als 1000 Seelen; endlich eine große Zahl von Ortschaften mit und ohne jüdische Gemeinde, von 975 Seelen, der jüdischen Bevölkerung von Verona bis zu einem einzigen Individuum.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.