Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-12-02 · Heft 49 (2.12.1884) · p. Seite 778

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 49 (2.12.1884)
Date
1884-12-02
Page
Seite 778 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3224737-3227501-3227551--42211-3310751
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

778 Siege des Christenthums auch solchen Juden begegnen, die alle Rechte und alle Freiheiten der Ungarn genossen und sich durch nichts von ihnen unterschieden. (Kohn's zit. Werk Seite 33.) Die ersten zwei Jahrhunderte der Geschichte der ungarischen Juden verkündet es in ganz bestimmter Weise, daß die Juden in jener ältesten historischen Epoche sich nicht nur in dem unangetasteten Genuß der Freiheit und aller Rechte befanden, sondern dieselben besaßen als organische Glieder der Nation alle Vorrechte der erobernden Ungarn, und standen dieselben mit dem Volksleben der Ungarn im engsten und innigsten Zusammenhänge. (Kohn's zit. W. S. 34.) Daher siguriren die Juden in Ungarn schon in der ältesten Zeit als Blutsverwandte und als Waffengenossen der Nation, ja wir begegnen sogar auch Stammhäuptern jüdischer Confession, die Grundbesitz erlangten und nach denen man auch einzelne Orte benannte. Diejenigen vcrrathen daher den beschämendsten und gänzlichen Mangel der primitivsten historischen Kenntnisse, welche die Juden im Lichte irgend eines „neuen Grundherren" darstellen, denn die in den Heeren Arpad's befindlichen Juden haben ebenso die Widerwärtigkeiten der Wanderung und die schwere und blutige Arbeit der Vaterlandseroberung, wie auch die Errungenschaften der Vaterlandseroberung mit der Nation getheilt, und vom eroberten Boden siel somit ganz natürlich auch ihnen, wie dies auch die uralten Ortsnamen beweisen, ein Antheil zu. (S. Kohn's W.) Weist doch das geographische Wörterbuch Ungarns auch jetzt noch zweifellos dreizehn solche Ortsnamen auf, als zwei „Zsidöfiilu”, „Zsidottibor“, , Zsidofüld“, .Zsidöväar1“ :c. :c. Können wohl jene unserer jüdischen Grundherren auch als neue bezeichnet werden, denen wir noch im Jahre 1232 j und 1168 begegnen, wie z. B. die „Grafen Teka und Henuk"! i ,eomes‘,)( die als „ispiinok" (Gespäne) und „värispünok*• j «Burggrafen) in Ungarn ausgedehnte Besitzungen, beziehungs-! weise auch Burgen besaßen und die die Vertheidiguug des ihnen geschenkten Bodens oder der Burg zu besorgen, und! im Kriegsfälle mit ihren Schaarcn sich dem Heere des Königs anzuschlleßen verpflichtet waren? (Kohn's zit. W. S. 37).! Die so sehr verhöhnten „neuen Grundhcrren" besitzen somit blos jenen Boden, den bereits ihre das „Vaterland erobernden ruhmvollen Ahnen" besaßen und der von dem anläßlich der Eroberung in Strömen geflossenen jüdischen Blute gekränkt ist. Unsere ruhmreichen „dasVaterland erobernden" jüdischen Ahnen waren daher Vollblut-Ungarn, die vom Anbeginne alle Widerwärtigkeiten und Kämpfe mit der Nation theiltcn, an welche sie außer der gemeinsamen Vergangenheit, gemeinsamen Abstammung und Sprache, dem gemeinsamen Schicksal und Interesse auch die Bande der Verwandtschaft eng anknüpfte, denn es ist gleichfalls notorisch bekannt, daß die das Vaterland erobernden alten ungarischen jüdischen Grundherren häufig mit ungarischen Frauen gemischte Ehen eingingen, und daß unsere mit Recht staunenswerth heldenmüthigen, ruhmreichen jüdischen Ahnen hinsichtlich ihrer Rechte und ihrer gesellschaftlichen Stellung faktisch vollkommene Ungarn waren, in des Wortes edelster Bedeutung. Soviel zur Jllustrirung deffen, daß die „das Vaterland erobernden glorreichen Ahnen" auch bei den Juden nicht in letzter Reihe gesucht werden müssen. Wir schulden jetzt nur noch den Beweis dessen, daß unsere Ahnen nicht blos dieses Vaterland erobern, sondern dasselbe auch „vcrtheidigen" geholfen haben. Hier können wir uns kürzer fassen. Die Annalen der Geschichte haben es verewigt, daß die Juden — laut einer Predigt des alten Herrn Simor, des derzeitigen ungarischen Fürstprimas, dieses „Geistlichen von einfacher Bildung", gibt es gar nichts Schlechteres mehr, als die Juden, daß — ich wiederhole es — daß diese Juden während der Dauer des Freiheitskampfes eine beinahe unglaubliche Vaterlandsliebe an den Tag gelegt haben. Die Vaterlandslosen hatten aber damals noch gar kein Vaterland, uud demnach nichts, was sie lieben hätten können. Dieselben Juden, welche die blöde, von schurkischen Aufwieglern erboste Menge anfänglich selbst von der Nationalgarde auszutreten nöthigte, dieselben Juden waren „wüthende Revolutionäre"; der christliche Dionysius Pap erwähnt nämlich in Band II. Seite 64 seiner „Sammlung von Aktenstücken zur Geschichte des ungarischen Freiheitskampfes" betitelten Werkes, duß Jellasich, als er durch Kanizsa zog, in! seinem, dem Hofe unterbreiteten Berichte die Juden als die wüthendsten Revolutionäre bezeichnete, die man unbedingt bestrafen müsse. — Diesen Bericht schrieb ein Offizier Jellasich's am 24. September 1818. Dieselbe Judenheil, auf deren Prinzipientreue und Vaterlandsliebe man laut T6th nicht vertrauen kann, ist durch Baron Haynau auf eine beinahe unerträgliche Weise gebrandschatzt worden. Weshalb'? Ausschließlich wegen ihrer Vaterlandsliebe, die so sehr über den Patriotismus der Angehörigen sämmtlicher anderer Nationalitäten und Confessionen emporragte, daß hiefür auf exemplarische Weise die ausgezeichnetsten jüdischen Patrioten büßen mußten. Diese schändliche und blos den Brandschatzenden außerordentlich brandmarkende Staatskontribution besitzt die Bedeutung einer unverwüstlichen Lenksäule für die Judenheit Ungarns, weil es der ganzen Welt und auch den spätesten Nachkommen laut verkündet, daß der Jude in Ungarn hinsichtlich der Vaterlandsliebe unübertroffen dasteht. Wenn es galt, auf den Altar des Vaterlandes Geld-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.