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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-12-02 · Heft 49 (2.12.1884) · p. Seite 777

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 49 (2.12.1884)
Date
1884-12-02
Page
Seite 777 (sequence 5)
Language
German
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777 Familien der jetzigen ungarischen Magnaten sind viel neueren Ursprungs, weil die älteste gräfliche Familie erst von Ferdinand I. den Grasentitel erhalten hat, die Mehrzahl jener stammt aus dem 17. oder 18. Jahrhundert. Wir können somit aus der geschichtlichen Tradition Ungarns eben bloß jene überaus interessante Lehre schöpfen, daß die Meisten der jetzigen ungarischen Magnaten sich nicht in der beneidenswerthen Situation befinden, sich auf solche ruhmreiche Ahnen berufen zu können, die den ungarischen Boden zu erobern geholfen hätten. Ein anderer christlicher Schriftsteller erweist, „daß die ungarische Oligarchie im Mittelalter möglichst beflissen war, sich der Militärpflicht zu entziehen, daß sie gestohlen, geraubt, gewuchert habe." Nicht minder ist es erwiesen, „daß 1848 es bloß der geringste Theil der Aristokratie war, der seine Vaterlandsliebe auf dem Felde der Thaten bewiesen hat." Es ist deshalb geradezu nur eine Legende, daß die ungarischen Magnaten, welche das Vorrecht besitzen, das Oberhaus zu bilden, sich vorzugsweise um das Vaterland verdient gemacht haben. Anmaßung und Anspruch stützen sich oft auf Phrasen, welche die Geschichte als hohl und unwahr erweist. Wie steht es nun hierin um die Juden? Dies bespricht der Verfasser in Art. 4. Hier finden wir so viele überraschende Thatsachen zusammengestellt, die zugleich ein lebhaftes Interesse beanspruchen, daß wir eine größere Stelle wiedergeben mögen. „Der gelehrte ungarische Prediger der Budapester israelitischen Religionsgemeinde vr. Samuel Kohn hat es in seinem „Die Geschichte der Juden in Ungarn von der ältesten Zeit bis zum Verderben von Mohacs" betitelten trefflichen Werke, dessen erster Band erst jüngstens die Presse verließ, auf Seite 1—61 auf Grund überaus eingehender und gründlicher archivalischer Forschungen unwiderleglich bewiesen, daß der Khagan der Kasaren einem der sieben Ungarn, dem Elöd, der nach Almos der angesehendste Wojwode der Ungarn war, eine vornehme Äasarin zur Gattin gegeben hat. Der kasarische Staat, als solcher, war bekanntlich ein jüdischer Staat: die Kasaren aber waren die Verbündeten und die Stammgenossen der Ungarn, die in der nächsten Nachbarschaft der Ungarn wohnten, auf dem vom schwarzen Meere nordwärts sich erstreckenden Gebiete, auf demselben Territorium, wo die aus ihrem Urwohnorte ausgewanderten Ungarn, vor Gründung des Vaterlandes seit 884, mehrere Jahre wohnten. Noch ehe sich die Ungarn auf jenen Weg begaben, der sic nach Pannonföld führte, entstand unter den Kasaren Zwietracht, zufolge dessen die Besiegten zu den Ungarn flüchteten, sich denselben anschlossen, wodurch sic die sieben Stämme der Ungarn mit einem achten vermehrten. Die zu den Ungarn geflüchteten Kasaren nannte man „Kabarvck" oder „Koborok". Diese Juden begleiteten die Heere Arpads nach Pannonien. Die Eroberung des neuen Vaterlandes war in nicht geringem Maße das Verdienst der Juden, insofern deren Anschluß an die Ungarn für die große und schwere Arbeit der Vaterlandseroberung der ungarischen Nation, zahlreiche starke und treue verwandte Arme erwarb. So äußerte sich ein christlicher Schriftsteller, Karl Szabo, über die das Vaterland erobernden Juden. (Siehe Kohn's zit. Werk Seite 23, 2. Anm.) Der in dem Purpursaale zu Byzanz geborene Konstantin, der berühmte byzantinische kaiserliche Geschichtsschreiber sagt von den „das Vaterland erobernden Juden": „nachdem sie sich durch Krast und Tapferkeit auszeichnen, und in der Schlacht als erster Stamm vorn kämpfen: bilden daher jetzt die von den Kasaren abtrünnig gewordenen Kabaren den ersten Stamm der Ungarn." — Diese Juden, unsere, das Vaterland erobernden Ahnen, sind auch aller jener Vorrechte theilhaftig geworden, die laut unseren Kroniken dem Stamme Arpads, dem Turul zukamen. Dies sind historische Thatsachen, die alle unsere Geschichtsschreiber genöthigt sind anzuerkennen. Ist doch selbst Paul Hunsalvy genöthigt, in feinem „Tie Ethnographie Ungarns" betitelten Werke die Möglichkeit der „mit Hilfe der Juden geschehenen Thatsache der Vaterlandseroberung" anzuerkennen. Dies genügt aber bei einem i Schriftsteller von ausgeprägter antisemitischer Gesinnung voll-! kommen. Der Jude war hinsichtlich seiner kasarischen Abstammung, Sprache und früheren Religion eines Ursprunges mit den Ungarn, von naher Stammverwandtschaft, er war somit nicht hinsichtlich seiner Nationalität oder Abstammung, sondern bloß hinsichtlich seiner Religion Jude. Unter den das Vaterland erobernden Heeren Arpads, fanden sich vielleicht zum Theile auch unter den Ungarn, zum Theile aber unter deren kasarischen Waffengenossen, solche, die sich zur jüdischen Confession bekannten, und nebst den im neuen Vaterlandc Vorgefundenen Juden den Kern der ältesten jüdischen Bevölkerung Ungarns bildeten. (S. Kohn's zit. Werk S. 24.) Ja laut der alten ungarischen Tradition befand sich unter jenen hundertacht kleineren Stämmen, die das Vaterland erobernde ungarische Volk bildeten, auch ein .Zsiday* benannter Stamm Gleichzeitig mit den Ungarn kamen somit auch dem jüdischen Glauben Angehörige in das jetzige Vaterland der Ungarn. Diese Juden waren zum Theil ihre eigenen Blutsverwandten, vornehmlich aber waren es die Kasaren, die sich ihnen angefchlossen hatten. Daß sich unter den das Vaterland erobernden Ungarn in verhältnißmäßig stattlicher Anzahl auch dem jüdischen Glauben Angehörige befunden haben, dies beweist am Besten jene historische Thatsache, daß wir , von der Eroberung des Vaterlandes an, bis zum endgiltigen

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