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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-11-25 · Heft 48 (25.11.1884) · p. Seite 770

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 48 (25.11.1884)
Date
1884-11-25
Page
Seite 770 (sequence 14)
Language
German
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770 Vorstand und zahlreiche Mitglieder des Berliner Handwerkergewesen. Nach den üblichen rituellen Gebeten erfolgte die Vereins, dessen langjähriges Vorstandsmitglied der Verstorbene Beisetzung der sterblichen Hülle. — Ieuitleton. Einige Erinnerungen. „Wir leben in einer rasch und viel producirenden Zeit; so viele neue Namen sind auf die Tagesbühne getreten und haben die Aufmerksamkeit an sich geriffen; früher als sonst stellt sich jetzt für die Dahingegangenen das Dämmerlicht des halben Bergeffenwerdens ein." So schreibt Alfred Meißner in seiner eben erschienenen „Geschichte meines Lebens" (Wien, Prochaska 1884), da er auf seinen Jugendfreund Moritz Hartmann zu sprechen kommt. In der That ist es so, und nach kaum einem Jahrzehnd wird man von der gegenwärtigen Generation nach Männern und Dingen gefragt, die vor verhältnißmäßig kurzer Zeit noch im Lichte allgemeiner Aufmerksamkeit standen und eines weit verbreiteten Rufes genosien. Auch wir Hallen es deshalb für eine Pflicht, unsere Leser öfter an Persönlichkeiten zu erinnern, die es verdienen, nicht allein durch ihre Leistungen, sondern vorzugsweise als Charactere in der Erinnerung zu verbleiben. Es betrifft dies ganz besonders eine Reihe jüdischer Schriftsteller in Deutschland, welche aus den Dreißiger Jahren hervorgegangen, in der vormärzlichen Zeit ihre Lehr- und nach 1848 ihre Wanderjahre durchmachten und nur zum Theil die Meisterjahre erreichten. Die eigenthümliche, humane und liberale Atmosphäre, welche die dreißiger und vierziger Jahre erfüllte, und die Enttäuschung und bittere Erfahrung, welche jene Männer mitten in der Frische und Kraft ihres Aufstrebens betrafen, ihre Kräfte zu einem großen Theile lähmten und ihre Wirksamkeit beschränkten, dies zusammen genommen bildet ein Characteristicum für eine große Zahl tüchtiger Männer, unter denen denn auch natürlich eine Anzahl Juden sich befand. Alfred Meißner, ein Dichter, der seine Kenntniß Prager Zustände mehrmals zu recht herben Schilderungen Prager Juden verwandte, ist mit den meisten dieser jüdischen Publicisten von Jugend auf zusammen getroffen und vertraut geworden. Er schildert sie daher in seiner Selbstbiographie und wir wollen aus dieser die bezüglichen Bemerkungen ziehen, weil sie eben Männer betreffen, die auch wir unsererseits nicht vergessen lassen wollen. Der erste von ihnen war Moritz Hartmann. Meißner sagt da: „Wie weit auch Hartmann hinter den Zielen zurückgeblieben, die er sich gesteckt, und hinter den Hoffnungen, die man von seinem Talente gehegt, im Kreise der österreichischen Dichter nach 1848 wird er doch seinen Platz behalten. Wie es nach der gleichen Anzahl Jahre nach dem Todestage mit den Tagesgrößen von heute aussehen wird, ist ja auch sehr fraglich. . . . Wir lebten anderthalb Jahre zusammen im alten, schwarzen Prag und saßen ein Jahr lang, wenn nicht auf derselben Schulbank, doch im selben Lehrsaale, dem großen ebenerdigen Saale des Clementinums, wo wir im sogenannten „ersten philosophischen Jahrgange", jetzt etwa dem Obergymnasium entsprechend, eine Schaar von Vier- bis Fünfhundert zusammen waren. Es zog uns Beide zur Literatur, zur Dichtung, und wir waren unzertrennlich. Wir lasen außerordentlich viel, Altes und Neues, gewiß täglich einen Band: dies und jenes von Goethe, alles von Schiller, Uhland, Heine, Grabbe, Jmmermann, Byron, Shelley." — „Hartmann war eine glücklich organisirte und wirklich ursprünglich liebenswürdige Natur. Er hatte ein schönes, offenes Gesicht, auf dessen Zügen ein gewisser Enthusiasmus festgehalten war, und war von großer körperlicher Anmuth. Er war voll feurigen Lebensmuthes und sah alle Dinge in einem gewissen romantischen Lichte. Das Dorf, in dem er geboren war, der Eisenhammer seines Vaters, die Wälder um Duschnik mit ihren Sagen, alles erschien ihm selbst so eigenartig und bedeutsam. Es flogen ihm Lieder und Balladen zu, wie einem Musiker Melodien; er fixirte sie rasch und recitirte sie gern. Er hatte etwas Selbstbewußtes; man sah, daß er eine Freude an sich selbst hatte. Immer etwas romantisch herausgeputzt, sei's auch nur mit einem farbigen Halstuch oder Sacktuch, das er hervorsehen ließ — er mußte schon beim ersten Erscheinen Jedem auffallen, und das wußte er auch. Er hatte die Absicht, nach Beendigung der beiden „philosophischen Jahrgänge" Medicin zu studiren und Arzt zu werden." Hartmann war der Sohn eines nicht unbegüterten Vaters, der aber für mehrere Töchter zu sorgen hatte. Er scheint dem Grundsatz gehuldigt zu haben, die Söhne müßten, wenn sie das siebzehnte oder achtzehnte Jahr erreicht, sich selbst durchzubringen lernen. Sonach war Hartmann als Hauslehrer bei einer Familie eingetreten und bezog nichts von Hause, als den Sparpfennig, den ihm seine gute Mutter jedesmal beim Abschied in die Hand drückte. Diese Mutter war auch sein guter Genius. Wir träumten alle polittschen Ideale unserer Zeit: freie Staatssormen, Ausgleich der Classenunterschiede, Toleranz und Friede auf politischem und nationalem Gebiete. Wir waren des Glaubens, daß die Kriege eine Barbarei sei, die in nicht allzu ferner Zeit zwischen Culturvölkern abgeschafft werden müsse. Wir hatten da schon ganz bestimmte Ueberzeugungen und hielten sie fest. Drei Ständen gingen wir aus dem Wege: den Theologen, den Adeligen (die in unserer Classe die vordersten Bänke zugewiesen hatten) und den Militärs;

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