Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 48 (25.11.1884)
- Date
- 1884-11-25
- Page
- Seite 767 (sequence 11)
- Language
- German
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767 uns von allen diesen stürmischen Versammlung endlich befreien, und damit auch dem Antisemitismus die Gelegenheit wieder genommen werden, sich breit zu machen und sein Dasein zu erkennen zu geben. — — Am 6. November beging die hiesige jüdische Lehrer- Bildungs-Anstalt in dem engen Kreise der Lehrer und Schüler die Feier ihres fünfundzwanzigjährigen Bestehens. Ter Leiter der Anstalt, vr. Holzmann, warf einen Rückblick auf die Entstehung und Entwickelung derselben, die bisher 160 Zöglinge mit dem Zeugniß der Reife für das Bolksschullehramt entlassen hat. Dabei hob er insbesondere die großen Verdienste seines Vorgängers, des Rectors Horwitz, sowie die der Herren Dr. Veit und Dr. Sachs, um die Anstalt bervor Ehemalige Zöglinge derselben überreichten einen Fonds zur Gründung einer Stiftung. Eine größere Feier war, da erst 25 Jahre seit der Eröffnung der Anstalt verstoßen sind, nicht angemeffen erschienen. Berlin, 16. November. (Privatmitth.) Am 6. November e. wurde das fünfundzwanzigjührige Bestehen der hiesigen jüdischen Lehrerbildungsanstalt von Lehrern und Schülern in engem Kreise gefeiert. Der gegenwärtige Leiter der Anstalt vr. Holzmann warf einen Rückblick auf die mehrfachen Versuche, in Berlin eine Bildungsanstalt'für jüdische Lehrer zu begründen. Er gedachte des im Jahre 1825, Dank den Bemühungen des Vice - Oberlandesrabbiners Wayl, eröffneten theologisch - pädagogischen Seminars, das bis zum Jahre 1889 vegetirte, sowie des im Jahre 1840 eröffneten Lehrerseminars, das unter Zunz' Leitung segensreich wirkte, und führte das Werden und Wachsen der gegenwärtigen Lehrerbildungsanstalt vor. Dabei wies er darauf hin, daß die Ausbildung der Zöglinge auch zu Religionslehrern und Cantoren von Anfang an ins Auge gefaßt und immer fest gehalten worden ist, und daß der Unterricht in den Religionswiffenschaften nicht bloß ein äußerliches Wissen vermitteln, sondern ganz besonders das religiöse Bewußtsein wecken, auf Gesinnung und Wandel, auf den ganzen Menschen wirken sollte und wirken soll. — Ter Rückblick bot reichlich Gelegenheit zur Hervorhebung der großen Verdienste, die der im Jahre 1881 verstorbene Leiter der Anstalt, Rector A. Horwitz, um die gedeihliche Entwickelung derselben, wie um das geistige und leibliche Wohl der Zöglinge durch seine rastlose Thätigkeit sich erworben hat. Ehemalige Zöglinge der Anstalt überreichten einen Fond zur Gründung einer Stiftung. Dresden, 12. November (Privatmitth.) In dem Wahlkampfe zwischen dem Sozialisten Bebel und dem Antisemiten Baumeister Hartwig, welchen die Conservativen als ihren Candidaten angenommen hatten, hat der Letztere mit rund 13000 gegen den Socialisten mit rund 11060 Stimmen gesiegt. Der deutsche Reichstag wird also zwei entschiedene Antisemiten Herbergen, und diese Ehre hat ihm, neben dem Siegener Lande, das Elb-Athen, die sächsische Hauptstadt, verschafft. Stöcker kann sich trösten: statt seines Wagner, den er verloren, hat er einen Hartwig, den er gewonnen, zum Jünger und Handlanger. Köln, 10. November. (Privatmitth.) Die Lehren, welche über die gegenseitige Zerfleischung der liberalen Parteien die jüngsten Borgänge in Belgien gegeben, haben in Deutschland keine Wirkung gehabt. Tie Nationalliberalen und die Deutschfreisinnigen bekämpften sich nicht bloß vor den Wahlen auf die gehässigste und leidenschaftlichste Weise, sondern sie thaten dies auch bei den Wahlen und Stichwahlen selbst. Die markanteste Thatsache ist, daß bei der Stichwahl in Siegen die Nationalliberalen für Stöcker stimmten und deffen Wahl mit großer Majorität gegen den deutschfreisinnigen Schmidt durchsetzten. Dies ist genug, um die gegenwärtige Stellung der Nationalliberalen und ihre Annäherung oder gar Jdentisizirung mit den äußersten Conservativen zu erweisen. In Folge deffen haben die hiesigen Teutschfreisinnigen beschlossen, für den ultramontanen Candidaten gegen den Nationalliberalen zu stimmen, und so kam es, daß hier der ultramontane Eandidat mit bedeutender Majorität gewählt wurde. Einen größeren Niedergang des Liberalismus in Deutschland kann man wohl nicht denken, und so wird es erklärlich, wie die beiden liberalen Parteien zusammen kaum mehr als ein Fünftel des Reichstags einnehmen. Daß an der Wahl Stöckers in Siegen durch die Nationalliberalen nicht zu zweifeln sei, geht daraus hervor, daß der durchgefallene nationalliberale Candidat Ulrich seine Wähler öffentlich aufforderte, für Stöcker zu stimmen und daß letzterer selbst in einer Versammlung zu Berlin sich rühmte, durch die Nationalliberalen gewählt zu sein. Neusteltin, 9. November. (Privatmitth.) Am gestrigen. Tage wurde die strafrechtliche Verhandlung gegen den Kaufmannslehrling Isidor Rothmann zu Ende geführt. Bekanntlich hat man auch diesem Prozeß einen hochgradigen anti- : semitischen Charakter beizulegen versucht und ihm dadurch eine traurige Berühmtheit verschafft. Es lebte hier ein gut-; müthiger, beschränkter und trunksüchtiger Schmiedemeister ■ Winegge und ein leichtsinniger, zu tollen Streichen geneigter Handelslehrling Rothmann. Letzcrer trieb oft sein Spiel mit dem Winegge und dieser gab sich gern dazu her. Am 22. August ließ sich Winegge von dem Rothmann mit einem halben Liter Spiritus begießen und Rothmann sollte dann j ettt brennendes Streichholz auf die Kleider geworfen haben; ■ sie entzündeten sich u. W. erlag den Folgen des Brandes. Die Antisemiten verbreiteten nun, Rothmann habe den W. - auf Anstiften der Juden ans dein Leben geschafft, weil der- , selbe gedroht habe, etwas für die Juden höchst Nachtheiligcs in Bezug auf den bekannten Synagogenprozeß aussagen zu wollen, so daß dieser nochmals zur Verhandlung kommen